Training gegen die Angst: Ohne Stress zum Tierarzt

Meschede/Hamburg/dpa. - Der Blick wird panisch und am liebsten würden sie Reißaus nehmen. Viele Haustiere bekommen Angst, sobald sie wittern, dass sie wieder zum Tierarzt müssen - und der Besuch in der Praxis wird einmal mehr zur stressigen ...

Von Aliki Nassoufis 12.04.2007, 07:16

Der Blick wird panisch und am liebsten würden sie Reißaus nehmen. Viele Haustiere bekommen Angst, sobald sie wittern, dass sie wieder zum Tierarzt müssen - und der Besuch in der Praxis wird einmal mehr zur stressigen Angelegenheit.

Dabei muss dieser Nervenkrieg für Halter und ihre Tiere eigentlich gar nicht sein. Mit der richtigen Erziehung und einigen Tricks lassen sich die Anspannungen für alle Beteiligten durchaus umgehen. So sollten sich beispielsweise Hundwelpen so früh wie möglich an die Praxisräume und ihren künftigen Arzt gewöhnen. «Am besten ist es, schon die jungen Tiere mit dahin zu nehmen, ohne dass etwas passiert», erklärt die Tiertrainerin und Autorin Daniela Hofer aus Meschede (Nordrhein-Westfalen). «Anders, als wenn man ihnen gleich beim ersten Besuch eine Spritze gibt, machen sie so erst eine positive Erfahrung.»

Ideal sei zudem, wenn sich auch der Tierarzt im Behandlungszimmer ein wenig Zeit nehmen kann. «Er sollte den Hund streicheln und ihm vielleicht ein paar Leckerli geben, dann kann sich das Tier zuerst mit der Umgebung vertraut machen», sagt Hofer. Auf ähnliche Weise lässt sich auch bei älteren Hunden Unsicherheit abbauen. «Man muss üben, üben, üben», fügt sie hinzu.

Anders als bei Hunden, die auf die Fahrt zum Arzt meist gelassen reagieren, beginnt bei Katzen der Stress häufig schon zu Hause, wenn die Transportbox hervorgeholt wird. «Man sollte sie daher langsam an die Kiste gewöhnen», rät die Hamburger Tierpsychologin Ramona Meißner. «Dabei wäre es am besten, sie zum festen Bestandteil der Wohnung zu machen.» So sollte die Katze ohne jeden Zwang hineingehen und als etwas Selbstverständliches akzeptieren können. Außerdem kann sie hin und wieder in der Box gefüttert oder durchaus auch mal nach draußen getragen werden.

Wenn sich die Katze darin erst einmal wohl fühlt, fällt sie auch nicht so schnell wieder in alte Ängste zurück. Allerdings sei es wichtig, dass die Katze das Ziel des Transports nicht immer mit schlimmen Ereignissen verbindet. «Das ist solange der Fall, wie die positiven Erfahrungen in der Box deutlich überwiegen», sagt Meißner.

Auch in der Praxis selbst sollten Katzen oder Kleintiere wie Kaninchen nicht schon im Wartezimmer zum Streicheln aus ihrem Transportbehälter herausgeholt werden. «Für die Tiere ist es besser, wenn sie drin bleiben», sagt Astrid Behr, Sprecherin des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte in Frankfurt/Main. «Sie sollen sich besser auch weiterhin darin geschützt fühlen.» Empfindlichen Tieren kann der Besitzer das Aufeinandertreffen im Wartezimmer mit anderen Patienten zudem ersparen, indem er vor der Praxis wartet oder einen speziellen Termin vereinbart.

Bei der Untersuchung raten die Experten den Besitzern, Abstand vom Behandlungstisch zu halten und das Tier nicht zu berühren. So sehen die kleinen Patienten nicht die möglicherweise angespannte Mimik des Herrchens oder Frauchens - und werden nicht weiter verunsichert. Auch beim Tonfall sind Tiere besonders feinfühlig. «Negative Stimmung und Unruhe werden direkt vom Halter auf das Tier übertragen», weiß Behr.

Viele Halter meinen es allerdings besonders gut: Sie klammern sich an ihr Tier, streicheln es und versuchen, es mit tröstenden Worten zu beruhigen. «Das ist vor allem problematisch, weil das Tier durch diese gesteigerte Aufmerksamkeit glaubt, es würde für die Angst und den Stress belohnt», erklärt Meißner. Dabei kann der Besitzer mit dem richtigen Verhalten selbst schon viel bewirken. «Die Menschen sollen sich am Riemen reißen und so tun, als wäre die Situation völlig normal», sagt Verbandssprecherin Behr.

Gut ist auch, sich vorher bereits auf wichtige Fragen über das Tier und die Krankheit vorzubereiten. So kann die Behandlung möglichst kurz gehalten werden. Welche Beschwerden sind es genau? Hat sich das Fressverhalten geändert oder ist der Vierbeiner lethargisch? Außerdem könnte man, selbst wenn es vielleicht unangenehm ist, Proben des Erbrochenen oder des Durchfalls mitbringen.

In jedem Fall ist es übrigens besser, mit dem kranken Tier eine Praxis aufzusuchen, als den Tierarzt nach Hause zu holen. «Besonders bei Katzen kann die Grenzüberschreitung durch eine fremde Person im eigenen Revier eine gravierende psychische Erschütterung bis hin zu einer schweren Traumatisierung darstellen», erklärt Tierpsychologin Meißner. Für sensible und ängstliche Hunde gelte dasselbe, vor allem wenn sie früher bereits negative Erfahrungen gemacht oder Misshandlungen durch Menschen erlebt haben.

Chemische Sedativa hält Meißner nur im extremen Notfall vertretbar. In solch schwierigen Fällen ist es ohnehin meist besser, zu einem Trainer zu gehen, der vor allem Hunde zusammen mit den Besitzern an bestimmte Dinge behutsam gewöhnt - etwa ihn auf den Tisch zu heben oder ihm ins Maul zu sehen. «Natürlich könnte man jedes Tier auch zur Behandlung zwingen. Das ist nicht schwer», sagt Hundetrainerin Hofer. «Aber eine vertrauensvolle Beziehung ist doch viel schöner.»

Literatur: Daniela Hofer: Mein Hund beim Tierarzt. Trainingstipps für stressfreie Tierarztbesuche; Cadmos Verlag, ISBN-13: 978-3861277446, 10,95 Euro