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Video-App Tiktok will Sucht-Klage in den USA mit Vergleich beilegen

Tiktok will sich in einem US-Verfahren zum Suchtpotenzial von Online-Plattformen per Vergleich einigen. Die Klage gegen andere Anbieter läuft weiter. Aber auch in Europa wächst die Kritik.

Von Andrej Sokolow und Christoph Dernbach, dpa Aktualisiert: 28.01.2026, 13:44
Tiktok will einem US-Prozess um das Suchtpotenzial von Online-Plattformen mit Hilfe eines Vergleichs umgehen. (Archivbild)
Tiktok will einem US-Prozess um das Suchtpotenzial von Online-Plattformen mit Hilfe eines Vergleichs umgehen. (Archivbild) Monika Skolimowska/dpa

Los Angeles/Berlin - In einem potenziell folgenschweren US-Verfahren um das Suchtpotenzial von Online-Plattformen will Tiktok mit einem Vergleich einem Prozess aus dem Weg gehen. Die Klage gegen den Facebook-Konzern Meta und die Video-Plattform YouTube werde unterdessen fortgeführt, wie Klägeranwalt Joseph VanZandt mitteilte. Er machte keine Angaben zu Einzelheiten des Vergleichs mit den Betreibern der populären Kurzvideo-App Tiktok. Am Mittwoch begann in Los Angeles die Auswahl der Geschworenen für den Prozess.

Tiktok & Co. stehen aber nicht nur in den USA unter Druck. Auch in Europa melden sich immer wieder Stimmen zu Wort, die insbesondere vor einer Suchtgefahr durch die Tiktok-App warnen. Kritiker wie der Digitalaktivist Markus Beckedahl werfen der Plattform vor, dass das Design der App nur darauf abzielt, die Anwender so lange wie möglich zu binden.

Suchtgefahr wie bei einem Spielautomaten

Beckedahl zufolge nutzt Tiktok ein Belohnungssystem, das psychologisch auf dem Prinzip der variablen Belohnung basiert - ähnlich wie bei einem Spielautomaten. Man wisse nie, ob das nächste Video ein Volltreffer sei, was den Drang zum Weiterschauen massiv verstärke. Wissenschaftler sprechen vom Effekt des „Endless Scrolling“, also des endlosen Scrollens. Dieser Vorwurf wird auch gegen Dienste wie Instagram oder Snapchat erhoben.

Der Dienst steht allerdings nicht nur wegen einer potenziellen Suchtgefahr in der Kritik. Da Tiktok dem chinesischen Mutterkonzern ByteDance gehört, besteht die Sorge, dass Nutzerdaten an die chinesische Regierung fließen könnten. In vielen EU-Institutionen und Mitgliedstaaten ist die App auf Diensthandys von Regierungsmitarbeitern bereits verboten. Tiktok weist die Vorwürfe zurück und betont, sich stets an die Bestimmung der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu halten.

Wie politisch neutral ist der Algorithmus von Tiktok?

Kritiker werfen Tiktok außerdem vor, dass der Algorithmus bestimmte politische Strömungen wie die AfD in Deutschland bevorzuge oder kritische Themen wie Menschenrechte in China unterdrücke. Beckedahl verweist darauf, dass Tiktok in Deutschland 20 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer habe. „Noch viel stärker als für X (vormals Twitter) gilt: Was auf Tiktok gezeigt wird, kann Wahlen entscheiden. Und niemand in Deutschland hat Kontrolle darüber.“

Das Ziel von Tiktok sei es, so groß zu werden, dass sich die Politik eine Abschaltung nicht mehr vorstellen könne, sagt Beckedahl, Chef des gemeinnützigen Zentrums für Digitalrechte und Demokratie. „Tiktok ist Partner der Frauenfußball-Nationalmannschaft. Der Bundeskanzler ist auf Tiktok, die Tagesschau auch. Politiker wollen gerade im Wahlkampf nicht auf diese Plattform verzichten.“

Social-Media-Verbot für Jugendliche in Frankreich geplant

In Frankreich geht der Gesetzgeber gegen Tiktok vor, aber auch gegen andere Online-Plattformen wie Instagram oder Snapchat. In Paris stimmten die Abgeordneten der Nationalversammlung am Dienstag mit großer Mehrheit für ein Verbot von Online-Netzwerken für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Falls der Senat auch zustimmt, könnte das Verbot, das etwa Tiktok, Snapchat und Instagram umfassen soll, bereits im kommenden Schuljahr gelten. Präsident Emmanuel Macron setzt sich nachdrücklich für die Reform ein.

Schwere Vorwürfe durch Kläger in den USA

Im aktuellen Gerichtsverfahren in den USA wirft die Klägerin den Online-Plattformen unterdessen vor, sie hätten ihre Dienste extra so gestaltet, dass Nutzer süchtig danach werden. Dabei geht es zum Beispiel um die Funktion, bei der man immer zum nächsten Beitrag weiterscrollen kann.

Die Frau fing ihren Angaben zufolge bereits als Kind an, die Plattformen zu nutzen - und dies habe zu Depressionen und Angstzuständen geführt, argumentiert sie. Die Unternehmen verweisen unter anderem auf in den vergangenen Jahren eingeführte Maßnahmen, die die Nutzung durch junge Menschen einschränken sollen.

In den USA gibt es hunderte ähnlicher Klagen. Das Verfahren in Los Angeles könnte als Präzedenzfall für weitere Prozesse dienen. Die Betreiber der Foto-App Snapchat einigten sich ebenfalls vor wenigen Tagen mit der Klägerin. In anderen Verfahren ist Tiktok weiterhin unter den Beklagten.