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Sexualpädagogin: Mütter zwischen Kinderstress und Zwang zur Attraktivität zerrissen

Köln - Mütter sollen sich heute nicht nur gut um die Kinder kümmern, sondern auch sexy und begehrenswert sein - eine echte „MILF“ also. Muss das so sein?

Von Lisa Harmann 16.05.2018, 14:24

Von Müttern wird heute ganz schön viel erwartet: Sie sollen eine liebevolle Mama sein, dabei toll basteln, super erklären, prima backen und kochen können, Karriere machen, genug Zeit für Hobbys und Freunde haben. Und dann aber auch bitteschön noch super gut aussehen! Warum eigentlich?

Die Bloggerin und Sexualpädagogin Katja Grach hat nun ein Buch zum Thema geschrieben: „Die MILFmädchenrechung“ (MILF = Mother I‘d like to fuck; dt.: Mutter, mit der ich gerne Sex haben würde). Darin setzt sie sich mit der Frage auseinander, warum Mütter heute so sehr unter Druck stehen, eine begehrenswerte Frau zu sein. Ein Gespräch.

Sie sagen, auch Mütter müssten heute „fuckable“ sein? Was meinen Sie damit?

Katja Grach: Es ist auffällig, dass die Mutter, die kultur- und religionsgeschichtlich als asexuelles Wesen galt und immer so einen Gegenpol darstellte seit gut zehn Jahren als eines der beliebtesten Porno-Genres herumgeistert. Gleichzeitig wird medial fleißig darüber diskutiert, wer wie lange gebraucht hat, den Babyspeck der Schwangerschaft wieder wegzubekommen. An den Geburten von Herzogin Kate und ihren Fotoshootings danach, lässt sich das gut nachvollziehen.

Im Zeitalter der Selbstoptimierung macht der Druck, fit, gesund, leistungsfähig, durchorganisiert und sexuell attraktiv zu sein auch nicht mehr vor Müttern halt. Abgesehen davon spielt die Schönheitsindustrie mit unseren Unsicherheiten bezüglich unserer sich ständig verändernden Körper. Insofern sind Mütter eine große Zielgruppe.

Haben Sie selbst auch das Gefühl, eine MILF sein zu müssen?

Grach: Jein. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich meinen Körper so wie er ist sieben Tage die Woche toll finde und nichts dran ändern würde. Aber mittlerweile habe ich mir eine Haltung erarbeitet, dass die Gesellschaft lernen muss, dass es auch Menschen mit Körpern wie meinem gibt und ich es niemandem schulde, etwaiges Bauchfett zu kaschieren. Wenn ich Lust habe, mich sexy zu stylen, dann mach ich das. Wenn ich keinen Bock drauf habe, dann müssen andere auch mit der unbearbeiteten Version von mir leben. Menschen sind vielfältig. Das darf gesehen werden.

Aber was mir persönlich schräg aufgefallen ist, dass ich just in dem Moment, ab dem der Babybauch wuchs, nicht mehr in der Art und Weise von Männern auf der Straße wahrgenommen wurde wie vor der Schwangerschaft. Als wäre ich plötzlich unsichtbar. Und dann als das Kind draußen war, stellte sich das wieder um und ich spürte wieder die Blicke. Und gerade in dem Moment, wo dein Busen durchs Stillen total verändert ist und deine Bauchdecke plötzlich ganz anders aussieht, wünscht du dir natürlich, nicht wie eine ausrangierte Milchstation auszusehen sondern wie ein heißer Photoshop-Feger, der dir aus Instagram entgegen lacht.

Ist das denn generell wirklich ein Status, den es heute zu erreichen gilt?

Grach: Ich glaube, es ist eher ein Status, den es nicht zu verlieren gilt. Gerade durch diesen gesellschaftlichen Trend, der uns suggeriert, dass alles machbar und schaffbar ist, dass du nur ein paar Blogposts mit zehn Tricks zu einem tollen Hintern und einer besseren Work-Life-Balance lesen musst und deinen Smoothie morgens nach dem Sonnengruß trinken brauchst, ist es nur logisch, wenn sich diese Machbarkeit auch auf das Thema Sexualität ausweitet. Und das tut es. Unglaublich viele Menschen fühlen sich bemüßigt, für andere zu entscheiden, wie diese ihre Körper zu bearbeiten zu haben. So als müssten alle einem gewissen „Standard“ entsprechen. Das ist doch verrückt.

So ein vorgefertigtes Bild gibt es ja auch bei harmloseren Themen. Zum Beispiel bei der Aussage: „Ach, du siehst ja gar nicht aus wie eine Dreifachmutter.“ Woher kommen solche Vorurteile?

Grach: Viele assoziieren vermutlich im echten Leben Mehrfachmütter mit so klassischen Mutterbildern, mit Körperformen wie rundem Bauch und großen Brüsten. Oder auch mit dem Gedanken, dass mehr das Häusliche und nicht mehr das sexuell Aktive im Vordergrund steht. Es wird vergessen, dass Mutter zu sein, eine Rolle ist und die Person, die diese Rolle ausfüllt, viel komplexer ist und ihre Figur oder ihr Kleidungsstil noch lange nicht auf ein Klischee reduzierbar sind.

Ein Satz in Ihrem Buch heißt: „Eine MILF gebiert und zieht Kinder groß, während sie trotzdem das versaute Luder bleibt, das sie schon immer war. Von ‚Alles Schlampen außer Mutti‘ zu ‚Alles Schlampen, auch Mutti‘ - wollen wir das?" Wie fällt Ihre Antwort aus?

Grach: Nein, wollen wir nicht. Sowohl die Zuschreibungen als auch alles was dranhängt an der Schlampe (Hure) als auch der Mutter (Heilige) engt uns ein. Wir sollen alles sein dürfen, was wir wollen. Vor allem wir selbst. In allen Facetten - und wenn's jeden Tag eine andere oder auch immer dieselbe ist. Wir verdienen Respekt und Grenzen des Zumutbaren.

Gibt es was das betrifft nicht große Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Grach: Als Sexualpädagogin bin ich in Schulen überall unterwegs. Es gibt zwar manchmal Unterschiede, aber der Druck und die Fragen sind überall dieselben. Ich denke, das ist auch bei Erwachsenen nicht anders. Das Internet hört nicht an der Stadtgrenze auf. Mediale Bilder, die uns Druck machen, Fotofilter am Handy, die uns noch während dem Knipsen die Haut glätten und die Augen vergrößern gibt es dort und da.

Meinen Sohn hab ich in einem Krankenhaus im Land zur Welt gebracht. Ob meine Beine da super glatt waren, war mir bei Entbindung ziemlich egal. Als ich aber all die anderen Mütter ringsum perfekt gewachst und teils auch noch im fancy Negligé im Zimmer sitzen saß, war ich ziemlich irritiert.

In Ihrem Blog Krachbumm schreiben Sie ja auch viel über elterliche Sexualität. Wo liegen die größten Herausforderungen?

Grach: Die Mischung aus Zeitmangel und Müdigkeit finde ich bei Eltern wirklich eine große Herausforderung. Viele stellen ihre eigenen Bedürfnisse und die als Paar viel zu weit zurück. Aber es ist auch verrückt. In Babyratgebern steht alles Mögliche, wie das Kind im ersten Jahr gut begleitet werden soll, aber die Beziehung der Eltern, die soll einfach so per Zauberhand gelingen. Dabei ist das ja eine komplette Umstellung der Lebensrealität.

Gleichzeitig fehlt mir in Beziehungs- und Sexratgebern der Bezug auf die Lebensrealität der Eltern. Kein Wunder, dass es ein Wort wie „Elternsex“ gibt. Es muss schon was ganz Exotisches sein, wenn das Thema überall, wo es Platz haben sollte, einfach vergessen wird.

Haben Sie Tipps für Paare, bei denen durch die Kinder die Leidenschaft ein bisschen eingeschlafen ist?

Grach: Das ist eine gefährliche Frage, weil es kein Patentrezept für jede Art von Beziehung gibt. Die Verknüpfung von sexueller Leidenschaft, romantischer Liebe und Familienleben ist historisch etwas total Neues. Insofern denke ich, müssen wir auch nicht so streng mit uns selbst sein. Außer natürlich, es ist uns wichtig, das Feuer wieder zum Lodern zu bringen. Grundsätzlich würde ich dafür vor allem bewusste fixe Zeitfenster empfehlen, um sich wieder einmal als Paar zu erleben. Sich diese Zeit zu nehmen und nicht darauf zu verzichten, weil irgendwas anderes wieder „wichtiger“ ist, ist gar nicht so leicht. Aber wenn eine Beziehung leben soll, muss man ihr auch Platz zum Leben einräumen.

Der Text erschien zuerst auf dem Blog Stadt Land Mama.

Buchtipp:
Katja Grach
Die MILFmädchenrechnung
Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2018