Ruinenlandschaft

Lost Place am Ostseestrand: Die Raketenstadt in Peenemünde

Von Steffen Könau 09.01.2022, 06:45 • Aktualisiert: 09.01.2022, 13:23
Raketenstadt Peenemünde - Bunkerreste in der Landschaft
Raketenstadt Peenemünde - Bunkerreste in der Landschaft Steffen Könau

Penemünde - Wünstensand gibt es hier in Peenemünde nicht, ein paar Steinwürfe entfernt von der Ostsee, wo die Ruinen der sogenannten „Station 16“ wie die Skelette vorsintflutlicher Saurier aus saftig grünen Wiesen wachsen.

Es sind die Reste von Bodenbunkern, die im Zweiten Weltkrieg gebaut worden waren, um die in der Heeresversuchsanstalt gebauten V1- und V2-Raketen zu lagern. Nach dem Ende des Krieges sprengte die Sowjetarmee die überwiegend aus Fertigteilen zusammengesetzten Ungetüme.

Die Überreste liegen heute nur ein paar Kilometer von der Urlauberhochburg Zinnowitz entfernt am Peenestrom, sind den meisten der Millionen Urlauber, die jedes Jahr nach Usedom kommen, aber bis heute unbekannt.

Kein Wunder. Vor 30 Jahren gab es bis in das kleine Örtchen Peenemünde kein Durchkommen für normale Menschen. Der nordwestliche Teil von Usedom war jahrzehntelang Sperrgebiet, abgeriegelt und streng bewacht. Zunächst errichteten die Nazis in der nördlichsten Gemeinde Usedoms ihr Testgelände für Wernher von Brauns Raketen. 1936 mussten alle Einwohner das 1282 erstmals erwähnte Dorf verlassen, Peenemünde wurde zu einer Kaserne.

Fast in Jahrzehnt lang beherrschten Militärs das Sperrgebiet, in dem am 16. März 1942 der erste Startversuch der „Aggregat 4“ genannten Flüssigkeitsrakete stattfand. Angetrieben von einem Gemisch aus Ethanol und Flüssigsauerstoff explodierte der Flugkörper allerdings noch auf der Startrampe. Drei Monate später stieg die spätere V1 dann bis auf fast 5.000 Meter , ehe sie abstürzte. Im Oktober 1942 schließlich gelang der Sprung ins Weltall: Nach einem knapp fünfminütigen Flug, bei dem 18 Brennkammern 125 Liter Treibstoff pro Sekunde verbrannten, überflog das 13 Tonnen schwere Fluggerät die von der US-Raumfahrtbehörde Nasa bis heute als Grenze zum Weltall definierte Höhe von 80,5 Kilometern. Es war das erste Mal, dass ein von Menschen hergestelltes Flugobjekt das All erreichte.

Die Natur holt sich das Land zurück
Die Natur holt sich das Land zurück
Steffen Könau

Den Preis für den Sprung ins All, der für die Nazis nur ein Nebeneffekt des Baus ihrer „Wunderwaffen“ war, zahlten KZ-Häftlinge, nicht nur in Peenemünde, sondern auch im KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. Mehr als 10.000 Menschen sollen damals auf Usedom das Dröhnen der ersten Rakete gehört haben, die kurz nach 16 Uhr in die Danziger Bucht stürzte. Vom Leid der Häftlinge, auf deren Knochen der später für die Nasa tätige von Braun seinen Raketentraum gründete, nahm niemand Notiz. Sie mussten in den Nordthüringer Stollen Raketenbauteile produzieren - unter unmenschlichen Bedingungen.

Rund um Peenemünde zeigt das 25 Quadratkilometer große Gelände der früheren Testanstalt bis heute Spuren der früheren Nutzung, auf die später Jahrzehnte des Weiterbetriebes der militärischen Anlagen durch sowjetische Truppen und später durch die NVA folgten.

Gebäude aus der NVA-Zeit mitten im Wald
Gebäude aus der NVA-Zeit mitten im Wald
Steffen Könau

Peenemünde blieb verbotenes Land, umgeben von Stacheldraht und Warnschildern im Wald. Die stehen teilweise heute noch im Unterholz, angefault, ausgeblichen und ergänzt um neue Schilder, die vor dem Betreten des munitionsbelasteten „Vogelschutzgebietes“ warnen, zu dem der Bereich zwischen früheren KZ-Außenlager und dem sogenannten Prüfstand VII erklärt worden ist. Um die Beräumungskosten zu sparen, wie die Peenemünder sagen.

Geschichtsinteressierte Urlauber werden zum Museum geleitet, vorüber an den leerstehenden früheren Wohnblocks von Offizieren und Zivilangestellen, dem Sauerstoffwerk als größtem erhaltenen Bau neben dem Kraftwerk und dem „Versuchskommando Nord“, einem Barackenlager der Wehrmacht, von dem nur noch die Dächer aus dem Unterholz schauen.

Wegen der Munitionsbelastung ist das Betreten des Geländes verboten.
Wegen der Munitionsbelastung ist das Betreten des Geländes verboten.
Steffen Könau

300.000 Besucher zählt das Museum im alten Kraftwerk jährlich, doch beeindruckender noch als die Modelle und Überreste echter V2-Raketen , die Dokumente, Waffenteile, Fotografien und sind die steinernen Überreste der Heeresversuchsanstalt in der weiten, leeren Landschaft um Peenemünde, die für Fotografen und Freunde von Lost Places faszinierende Eindrücke bieten.

Unter der Grasnarbe liegt Beton, auf den Wiesen findet sich der Schutt ehemaliger Bunker. Entlang des Radwanderweges Richtung Wolgast, einem hoppligen LPG-Pfad aus Betonfertigteilen, strecken sich Trümmer der tonnenförmigen Stahlbetonschuppen aus dem Boden. Die steinernen Zeugen der Geschichte sehen wie Hügelgräber aus, die meisten sind längst von Büschen überwuchert, durch die meterdicken Wände haben sich Bäume gebohrt. Hitlers Stahlbeton bröckelt und erinnert so an die Vergänglichkeit aller Macht.