Côte d'Azur

Côte d'Azur: Das besondere Licht

Halle (Saale)/MZ. - Wochenlang regnet es in Strömen. Von seinem Fenster im dritten Stock des Nobelhotels "Beau Rivage" in Nizza sieht der Künstler täglich nur das aufgepeitschte Grau des Meeres. Er will abreisen. Doch plötzlich am nächsten Morgen: Sonne, strahlend blauer Himmel. Der Maler, beeindruckt von dem Licht, beschließt zu bleiben - es sollte für den Rest seines Lebens sein. Es ist Henri Matisse im Winter 1917 / 18. Schwärmerisch formuliert er später: "Als ich begriff, dass ich dieses Licht jeden Morgen wiedersehen würde, konnte ich mein Glück nicht ...

Von norbert Linz 11.10.2012, 15:41

Wochenlang regnet es in Strömen. Von seinem Fenster im dritten Stock des Nobelhotels "Beau Rivage" in Nizza sieht der Künstler täglich nur das aufgepeitschte Grau des Meeres. Er will abreisen. Doch plötzlich am nächsten Morgen: Sonne, strahlend blauer Himmel. Der Maler, beeindruckt von dem Licht, beschließt zu bleiben - es sollte für den Rest seines Lebens sein. Es ist Henri Matisse im Winter 1917 / 18. Schwärmerisch formuliert er später: "Als ich begriff, dass ich dieses Licht jeden Morgen wiedersehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen."

Nicht nur ihn zog das spezielle Licht des Südens hierher. Die Leuchtkraft der Farben, die blaue Küste und die mediterrane Landschaft beflügelten ab etwa 1880 die künstlerische Avantgarde Europas, häufig an die Côte d'Azur zu kommen, oft für immer. Aus ihrer Verbundenheit hinterließen viele Maler Teile ihrer Werke als Schenkungen und Stiftungen, was der Côte eine grandiose Museumslandschaft bescherte.

Vor seinem letzten Domizil in Nizza wohnte Henri Matisse sechs Jahre lang im Hinterland, in dem gut 20 Kilometer entfernten Vence. Dieses umtriebige malerische Provence-Städtchen wird trotz vieler Touristen weiterhin geprägt von den Einheimischen mit ihren Gemüseständen, Fischläden und Bäckereien. Den ovalen Ortskern mit seinen krummen Gassen und lauschigen Plätzen beschützt eine mittelalterliche Stadtmauer mit vier wuchtigen Toren.

In die Porte du Peyra - mit dem Brunnen davor häufiges Fotomotiv - ist der quadratische Turm der Burg integriert. Ebenso wuchtig nebenan eine knorrige Esche. Die gut deutsch sprechende Tourismus-Direktorin Fabienne Giroud erklärt, ihre Vençois seien stolz, dass diesen Baum der berühmte "Ritterkönig" Franz I. schon 1538 gepflanzt habe. Inzwischen besitzt er einen Umfang von knapp fünf Metern. Am Ende der Place du Frêne erläutert Giroud den Rundblick über das Tal der Lubiane. Am stark besiedelten Hang vor der steilen Baous-Kette zeigt sie auf einen weißen Kubus mit blauem Emaildach, das kunstgeschichtliche Kleinod des Ortes: die Chapelle du Rosaire.

"Sie ist mein Meisterwerk", bekannte Matisse 1951 nach vierjähriger Bauzeit. Doch wie findet der bekennende Atheist zu diesem Sakralbau? Fabienne erzählt die ganz eigene Geschichte: An Krebs erkrankt, war Matisse von der jungen Krankenschwester Marie gepflegt worden. Sie wurde seine Vertraute, auch sein Modell. Später trat sie in das Dominikanerinnen-Kloster in Vence ein, was Matisse nicht verstand. Gleich in der Nähe hatte er seine Villa Le Rêve. Als die Nonne ihn bat, für ihr Kloster eine Kapelle zu entwerfen, stimmte er aus Dank zu. So entstand ein faszinierendes Gesamtkunstwerk in asketischer Klarheit mit graffitiartigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und heiter lichten Fensterflächen in Gelb, Grün und Blau.

Nahe am Puls eines Künstlers kann man auch in Antibes sein. Die Stadt hat trotz des riesigen eleganten Yachthafens Port Fauban, der überwacht wird vom Fort Carré, ihre südländische Bodenständigkeit bewahrt. Gleich in Hafennähe ist eine Art Atelierbesuch möglich beim Großmeister Picasso. Der hielt übrigens seinen Freund Matisse, den er öfters in Vence besuchte, als einzigen Künstler seiner Zeit für ebenbürtig. Direkt über dem Meer, auf der sonnengefluteten Terrasse des Grimaldischlosses, steht die junge Fremdenführerin Lucy Howard, die bekennt, aus dem wintergrauen England ans Licht geflüchtet zu sein.

Sie erzählt: Nach langer kriegsbedingter Abwesenheit kam Picasso 1946 wieder an die Côte. Der Leiter des im Schloss beheimateten Museums bot ihm an, vorübergehend den zweiten Stock als Atelier zu nutzen. Mehrere Monate arbeitete Pablo fast euphorisch. Nach eigenem Bekunden war es seine "glücklichste Zeit". Mehr als 100 Kunstwerke entstanden in drei Monaten. Ein Bild nannte er schlicht "Lebensfreude". Leinwand und Malfarbe waren nach Kriegsende knapp, so nahm Picasso Sperrholzplatten und Bootslack von der Werft. Am Ende seines Aufenthalts schenkte er die Werke seinen Gastgebern, die 1966 das erste Picasso-Museum eröffneten. Das Besondere: Nur hier kann man seine Bilder am Ort der Entstehung im ehemaligen Atelier bewundern.

Noch in Antibes entdeckte Picasso ein neues Betätigungsfeld. Das Ehepaar Ramiès lud den Meister ins nahe Vallauris in seine Töpferei Madoura ein. Schnell fand er Freude an der Töpferscheibe, ließ sich nieder und schuf Hunderte von Keramikarbeiten. Im örtlichen Château sind sie in einem eigenen Picasso-Museum ausgestellt.

Die romanische Schlosskapelle daneben stattete der Großkünstler in nur zwei Monaten mit dem mo-numentalen Bilderzyklus "Krieg und Frieden" aus. Zum Ehrenbürger ernannt revanchierte sich Picasso mit seiner bekannten Bron-zeskulptur "Mann mit Ziege". Sie steht heute auf dem Marktplatz.

Eine Straße weiter, in der Rue Clément Bel, hat der 60-jährige Metallkünstler Alain Carbou sein Atelier. Seine Drahtkunstwerke und Skulpturen erzielen vor allem in Deutschland und Skandinavien bis zu 45 000 Euro. Doch nur wenige Interessenten dürfen vom Ausstellungsraum aus einen Blick in die Werkstatt werfen.

Ein guter Geschäftsmann ist dagegen der Modeschöpfer Pierre Cardin. Er hat sein futuristisches Anwesen "Palais Bulles" - 25 miteinander verbundene Kugeln - hoch über der Küste des kleinen Seebades Théoule-sur-Mer. Vom Strand aus überblickt man die Bucht von La Napoule bis Cannes. Jährlich veranstaltet Cardin mit der Gemeinde im eigenen steil ansteigenden Amphitheater ein Festival mit Live-Shows und Konzerten.

Bevor die Scheinwerfer die Regie übernehmen, gibt das Licht der Côte seine eigene Abendvorstellung: Im pastellig-weichen Abendrot gleitet der Blick über die Bühne hinaus bis nach Korsika.