Tierischer Liebling

Der Mythos vom Welpenschutz

Wie süß! Ein Hundebaby muss man einfach liebhaben. Sehen das ältere Hunde auch so?

Von dpa 02.09.2022, 14:39
Große Kulleraugen, kurze Beinchen und rosa Schnäuzchen. Was in uns Menschen sofort den Beschützerinstikt für die süßen Welpen weckt, gilt nicht automatisch auch für ältere Hunde.
Große Kulleraugen, kurze Beinchen und rosa Schnäuzchen. Was in uns Menschen sofort den Beschützerinstikt für die süßen Welpen weckt, gilt nicht automatisch auch für ältere Hunde. bernat - stock.adobe.com

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich Judith Böhnke professionell mit Hunden. Doch es gibt eine Sache, die bereitet ihr immer wieder Sorgen. Nämlich dann, wenn bei Hundebegegnungen Jung und Alt aufeinander treffen und der Besitzer des älteren Hundes meint, alles wäre kein Problem, da der kleine doch Welpenschutz habe.

Darüber kann die Hundeverhaltenstherapeutin nur den Kopf schütteln. „Das ist eine ganz gefährliche Kiste“, sagt sie. „Ich weiß zwar nicht, warum es noch immer nicht zu jedem durchgedrungen ist, aber einen Welpenschutz gibt es nicht!“ Weder bei Welpen bis zu zwölf Wochen und erst recht nicht bei Junghunden im Alter von vier bis sechs Monaten.

Auch Hundetrainer André Vogt möchte mit dem viel beschworenen Mythos des angeborenen Welpenschutzes aufräumen. Sprich der Vorstellung, dass die Kleinen bei erwachsenen Vierbeinern vermeintlich Narrenfreiheit haben, und dass diese selbst ein respektloses Verhalten großzügig dulden. Vogt mahnt zur Vorsicht: „Verlassen Sie sich bitte nicht darauf, dass Ihr Welpe verschont beziehungsweise nicht verletzt wird – das kann böse enden!“ Denn Welpen würden höchstens im eigenen Rudel oder bei Hunden, die an Nachwuchs gewöhnt sind, eine höhere Toleranzgrenze genießen können. Panik sei bei fremden Hundebegegnungen allerdings fehl am Platz.

Kindchenschema wirkt auch bei Tieren

„Die allermeisten Hunde bei uns sind nett und gut sozialisiert. Sie sind auch sehr umsichtig mit Welpen“, so Böhnke. Denn selbst bei Tieren wirke das Kindchenschema. Artübergreifend nehmen sie den Nachwuchs als ungefährlich und schützenswert wahr. Auch außerhalb der eigenen Familie, was vermutlich eine Folge der Domestikation sei.

Aber sich darauf verlassen sollte man nicht. „Es gibt auch Hunde, die Welpen einfach nicht mögen. So wie es Menschen gibt, die Kinder nicht ausstehen können“, sagt Böhnke. In der Regel hat man als Welpenbesitzer ein gutes Gespür, ob es Ärger geben könnte. „Natürlich hat nicht jeder erwachsene Hund eine Abneigung auf die Kleinen. Aber ich rate immer, passt auf Eure Welpen auf“, so Vogt.

Sinnvoll sei es, genau hinzuschauen, wie sich der Ältere verhalte. „Wenn ich ein schlechtes Gefühl habe, gehe ich runter, schütze meinen Welpen und passe auf ihn auf“, erklärt Vogt. Dass die Hunde das unter sich ausmachen würden, hält er für groben Blödsinn: „Klar machen sie das, aber dann muss ich auch die Konsequenzen tragen.“ Wer Sorgen hat, dass der andere Hund angespannt ist und zubeißen könnte, sollte den Kleinen auf den Arm nehmen. Das sei zwar umstritten und manche Hundetrainer warnen, dass dies beim Welpen die Angst schüren könne. „Aber das würde ich in Kauf nehmen“. Das Wichtigste sei, dass der Welpe für den Moment geschützt ist und mir auch weiterhin vertraut. Das sieht auch Judith Böhnke so. Auch für sie sei Rückzug keine Schande.

Es gibt auch Hunde, die Welpen einfach nicht mögen. So wie es Menschen gibt, die Kinder nicht ausstehen können.

Judith Böhnke, Hundeverhaltenstherapeutin

Angriff kann das ganze Hundeleben prägen

Dabei sind es vor allem psychische Folgen, die ein Angriff auslösen kann. „Ein schlimmes Erlebnis kann prägend für ein ganzes Hundeleben und irreversibel sein“, sagt Vogt. Auch das gerade entstandene Vertrauensverhältnis zum Hundehalter oder zur Hundehalterin könne erschüttert werden. „Aus Sicht des jungen Vierbeiners haben Sie Ihren Job nicht gemacht. Sie haben ihn nicht beschützt“, erklärt der Hundetrainer.

Hunde zu isolieren und sie grundsätzlich von Hundebegegnungen fernzuhalten, ist aber genauso falsch. Judith Böhnke rät zu Hundeschulen, in denen die Kleinen auch Kontakt zu erwachsenen Hunden haben, von denen man wisse, dass sie mit Welpen verträglich sind. Je älter die Welpen dann werden, umso mehr übernehmen die Großen das Erziehen. Auf dem Weg zum Erwachsenenwerden sei es wichtig, auch unangenehme Erfahrungen zu machen. „Sonst brechen sie später vor Angst zusammen, nur wenn sie mal angeknurrt werden.“

Für Patricia Lösche vom Berufsverband der Tierverhaltensberater und -trainer kann es für Welpen ein Segen sein, einen gut sozialisierten und erzogenen Hund zum Freund zu haben. „Der Welpe nimmt ihn sich zumindest bis zur Pubertät als Vorbild, was für Halter sehr arbeitserleichternd sein kann.“ Allerdings gelte das auch für das Gegenteil – ist der andere Hund schlecht erzogen, ist auch das ein Beispiel für den Jüngeren.