Teil 43: ADHS

Teil 43: ADHS: Warum es manchen Kindern schwerfällt, sich zu konzentrieren?

Halle (Saale) - Kinder mit ADHS haben Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Eine Krankheit, die lange nicht erkannt wurde.

Von Bärbel Böttcher

Ob der Philipp heute still, wohl bei Tische sitzen will?“ Diese Frage stellte 1845 der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann in seiner Geschichte vom Zappelphilipp. Der Junge wollte nicht. „Er gaukelt und schaukelt, er trappelt und zappelt“, heißt es weiter. Die Sache nimmt ein schlimmes Ende.

Heinrich Hoffmann hat mit seiner Geschichte ein Krankheitsbild beschrieben, das an ADHS erinnert. An das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom - im Volksmund auch Zappelphilipp-Syndrom genannt. Was aber verbirgt sich genau hinter der Diagnose, „die sehr umstritten ist“, wie Manuela Elz, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle, sagt.

Was genau ist ein Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom?

„Es handelt sich um einen Komplex von Symptomen, die unter dieser Überschrift zusammengefasst werden“, sagt Manuela Elz. Sie zählt auf: Die Kinder können zum einen - entsprechend ihres Alters - ihre Aufmerksamkeit deutlich kürzer als andere auf eine Sache richten. „Sei es beim Spiel, sei es bei den Hausaufgaben oder bei anderen Tätigkeiten - sie brechen ihre Handlungen nach kurzer Zeit ab und fangen etwas Neues an“, sagt die Ärztin. In einer Gruppe wirke das sehr störend. Zum anderen könne sich das Kind über einen definierten Zeitraum schlechter als andere konzentrieren, was zu erheblichen Nachteilen, beispielsweise in der Schule, führe. „Dazu kommt dann noch die Hyperaktivität“, sagt die Medizinerin. Der „Zappelphilipp“ habe einen ständigen Bewegungsdrang, sei stürmisch in seinen Bewegungen. „Ihm passiert es garantiert, dass er ein volles Glas vom Tisch wedelt“, erklärt Manuela Elz. In der Schule purzelten ihm alle Stifte aus der Federmappe, im Ranzen gehe es drunter und drüber. „Die Kinder erleiden häufig kleinere, mitunter aber größere Unfälle“, ergänzt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. Etwa wenn sie ohne nach rechts oder links zu schauen auf der Straße einem Ball nachlaufen. Und sie seien auch wagemutig, schätzten Gefahren nicht richtig ein.

Ist diese Hyperaktivität zwingend gegeben?

„Nein, mitunter fehlt dieses Symptom“, sagt Manuela Elz. „Und zwar vor allem bei Mädchen.“ Sie seien eher die still Verträumten, die mit ihren Gedanken ständig abschweiften. Die Jungen dagegen seien mehr die motorisch Aktiven. Wobei bei Jungen die Diagnose ADHS häufiger gestellt werde als bei Mädchen. Das Verhältnis betrage etwa 4 :1.

Was sind die Ursachen Ursache von ADHS?

„Es ist durch bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) nachgewiesen, dass

die Regionen im kindlichen Hirn, die dafür verantwortlich sind, Emotionen zu regulieren, bestimmte Empfindungen zu verarbeiten, Eindrücke aufzunehmen und weiterzuverarbeiten, etwas anders als bei anderen Menschen arbeiten“, erklärt die Ärztin. Die Kinder würden einerseits als sehr feinfühlig, sensibel und fürsorglich beschrieben. Andererseits neigten sie zu sogenannten Impulsdurchbrüchen. „Sie bekommen Wut, zerstören, was andere Kinder aufgebaut haben oder schlagen auch mal zu. Sie können das nicht steuern.“

Zudem, so sagt Manuela Elz, haben diese Kinder ein sogenanntes Filterproblem. Sie schafften es nicht, Reize, die von außen auf sie einwirkten, auszublenden. So komme es, dass sie sich beispielsweise bei den Hausaufgaben von jedem Vogel, der draußen zwitschere, ablenken lassen. „Sie nehmen jeden Reiz in sich auf, was auch quälend ist“, sagt die Ärztin. Die Kinder seien damit überfordert. Die Schutzfunktion des Gehirns, manches auszublenden, die funktioniere nicht.

Wie kann diesen Kindern geholfen werden?

Diagnostiziert wird ADHS meist im Grundschulalter. „Eine adäquate Behandlung ruht auf mindestens zwei Säulen“, sagt Manuela Elz. Eine davon sei die Gabe von Medikamenten. Kinder würden oft sehr gut selbst einschätzen können, ob Tabletten wie Ritalin ihnen guttun. In der Regel könnten sie sich besser konzentrieren, kämen im Unterricht besser mit und mit den Klassenkameraden besser klar. „Dadurch sind sie glücklicher und zufriedener“, sagt Manuela Elz.

Aber warum sind dann Ritalin und andere Medikamente so sehr umstritten?

„Präparate wie Ritalin sind im weitesten Sinne Drogen“, sagt die Kinderpsychiaterin. Sie fielen unter das Betäubungsmittelgesetz und könnten abhängig machen. Daran entzünde sich die Kritik. „Für viele ADHS-Kinder sind sie aber ein Segen. Sie bewirken, dass diese eine besser gefilterte Aufmerksamkeit haben“, fügt sie hinzu. Allein dadurch würden sie ruhiger. Langzeitstudien hätten im Übrigen gezeigt, dass Kinder, die diese Tabletten über einen gewissen Zeitraum einnehmen, nicht abhängig werden. „Umgekehrt erleben wir“, so erzählt Manuela Elz, „dass sich Jugendliche mit unerkannten ADHS-Diagnosen durch Drogenkonsum Erleichterung verschafft haben.“

„Insofern ist die Hysterie um die Medikamente verfehlt“, unterstreicht die Medizinerin. Gleichwohl betont sie, dass die Präparate natürlich Nebenwirkungen hätten und mit Bedacht verordnet werden sollten.

Wie kann dem Kind außer mit Medikamenten noch geholfen werden?

„Die zweite Säule ist das Training von Konzentration und Ausdauer. Da werden zum Beispiel über gestellte Lernsituationen Arbeitstechniken oder Möglichkeiten der Selbstkontrolle vermittelt“, sagt Manuela Elz. Und da würden auch die Eltern einbezogen. Denn es komme darauf an, für die Kinder Bedingungen zu schaffen, die es ihnen ermöglichen, ihre Aufmerksamkeit und Konzentration beizubehalten. Dazu gehöre die Gestaltung des Arbeitsplatzes, an dem es möglichst wenig Ablenkung geben solle, dazu gehöre die Strukturierung des Tagesablaufes, begrenzter Medienkonsum... „Alles Sachen, die für alle Kinder gut sind, die ADHS-Kinder aber besonders benötigen“, betont die Ärztin. Sie höre oft, dass bei den Hausaufgaben nebenher der Fernseher läuft, dass die Waschmaschine rumpelt oder jemand ständig rein- und rausläuft. Dass das keine gedeihliche Atmosphäre sei, müsse den Eltern oft erst beigebracht werden.

Wie kann die Schule bei der Therapie helfen?

Die Schule erhält von der Klinik eine Information, wie mit dem Kind umzugehen ist. Es sollte beispielsweise möglichst vorn, möglichst einzeln und im Blick der Lehrer sitzen. Zudem sollte dem Kind die Möglichkeit gegeben werden, sich zu bewegen. „Es könnte zum Beispiel öfter mal die Tafel abwischen, da wird der Bewegungsimpuls in eine positive Richtung gelenkt“, empfiehlt die Ärztin.

„Und wenn die Krankheit stark ausgeprägt ist, dann hat das Kind Anspruch auf einen Nachteilsausgleich“, sagt Manuela Elz. Das heißt, die Schule muss Rücksicht nehmen, den Unterrichtsstoff möglichst in kleinen Schritten vermitteln und ihn möglichst oft wiederholen. Für einzelne Aufgaben muss mehr Zeit gegeben werden. Unter Umständen müsse ein solcher Nachteilsausgleich bis zum Ende der Schulzeit gewährt werden.

Die Zahl der betroffenen Kinder steigt an. Wie ist das zu erklären?

„Wir sehen hier ein große Zahl von Kindern, auf deren Überweisungsschein ADHS mit einem großen Fragezeichen steht“, sagt Manuela Elz. Die Kinder seien unruhig, könnten sich nicht konzentrieren, seien nicht gruppenfähig. „Aber“, so fügt sie hinzu, „von zehn Kindern, die uns mit dieser Fragestellung geschickt werden, haben nur etwa drei wirklich ADHS.“ Bei den restlichen lägen andere Störungen vor. „Deshalb stellt unsere Klinik die Diagnose erst nach sehr sorgfältiger Prüfung“, sagt sie.

Was könnte denn für eine Störung vorliegen?

„Hinter dem motorisch unruhigen, unkonzentrierten und impulsiven Kind verbirgt sich oft eine Bindungsstörung“, erklärt die Medizinerin. Diese könne sich schon im frühesten Säuglingsalter herausgebildet haben. Wobei oft nicht klar sei, was zuerst da war - die Unruhe des Babys oder die Interaktionsstörung. In anderen Fällen liege eine Über- oder Unterforderung des Kindes vor. Auch eine Sozialverhaltensstörung zeige sich durch ähnliche Symptome wie ADHS. Manchmal führe aber lediglich ein Mangel an erzieherischer Erfahrung der Eltern zu diesem Verhalten. (mz)

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