Ernährung

Ernährung: Darum sind Übergewichtige an ihrem Zustand nicht allein schuld

Halle (Saale) - Dass Georg Friedrich Händel von stattlicher Statur war, das zeigt sein Denkmal auf dem halleschen Marktplatz. Der berühmte Hallenser liebte üppige Mahlzeiten und saß den ganzen Tag über seinen Notenblättern. Am 13. April 1737 bekam der dafür die Quittung. Der Komponist, damals 52 Jahre alt, erlitt einen Schlaganfall. Vermutliche Ursache: sein ...

Von Bärbel Böttcher

Dass Georg Friedrich Händel von stattlicher Statur war, das zeigt sein Denkmal auf dem halleschen Marktplatz. Der berühmte Hallenser liebte üppige Mahlzeiten und saß den ganzen Tag über seinen Notenblättern. Am 13. April 1737 bekam der dafür die Quittung. Der Komponist, damals 52 Jahre alt, erlitt einen Schlaganfall. Vermutliche Ursache: sein Lebensstil.

In dieser Hinsicht ist Händel kein gutes Vorbild für die heute lebenden Sachsen-Anhalter. Auch bei ihnen registrieren Mediziner eine ungesunde Ernährungsweise, gepaart mit einem Mangel an Bewegung. Nicht zufällig findet sich das Land in jeder Statistik der Herz-Kreislauf-Erkrankungen im traurigen Spitzenfeld wieder.

Lebensmittel werden viel zu stark verarbeitet

Doch was ist falsch an dem, was und wie wir heute essen? Professor Mathias Plauth, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Städtischen Klinikum Dessau, sieht ein Problem in den vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln, die hierzulande auf den Tisch kommen. Ein Beispiel dafür ist die Wurst.

„Abgesehen davon, dass mitunter fragwürdige Inhaltsstoffe wie etwa Milchzucker auf der Zutatenliste stehen, hat sie fast immer einen sehr hohen Fett- und Salzgehalt“, sagt der Arzt, der von 2014 bis 2016 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin war und sich bis heute in der Fachgesellschaft engagiert. Fett und Salz seien die Treiber für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Der Grund: Mit wenig Fett wird dem Körper eine große Menge an Energie zugeführt. Häufig mehr, als er verbraucht. Der Überschuss wird vom Organismus als Vorrat für schlechte Zeiten angelegt. Sichtbar auf den Hüften. Unsichtbar als Fettablagerungen in den Gefäßwänden.

Hoher Salzverzehr oft Ursache für Bluthochdruck

„Ein hoher Salzverzehr“, so erklärt der Mediziner, „ist wiederum ein Risikofaktor für Bluthochdruck, der ebenfalls die Gefäßwände belastet.“ Und wenn beides zusammenkommt, dann steigt die Gefahr für Herz und Kreislauf, aus dem Takt zu geraten.

Und da ist noch gar nicht über den gebräuchlichen Haushaltszucker, ebenfalls ein verarbeitetes Lebensmittel, geredet worden. Für ihn gilt Ähnliches wie für das Fett: Mit wenig Volumen wird eine große Menge an Kalorien aufgenommen. Was die bereits erwähnten Auswirkungen hat.

Auch Fruktose begünstigt Fettablagerungen - vor allem am Bauch

In so gut wie allen Fertiggerichten, Softdrinks und Süßigkeiten finde sich zudem die hochkonzentrierte, aus Mais industriell gewonnene Fruktose. Reichlich genossen, begünstigt auch sie Fettablagerungen - vornehmlich im Bauchraum. Beispielsweise das Entstehen einer Fettleber, die Schätzungen zufolge ein Viertel der Deutschen aufweist.

Sie laufen damit Gefahr, eine noch schwerere Lebererkrankung, etwa eine Zirrhose, zu entwickeln. Zudem führt Fruktose, im Kleingedruckten auf Verpackungen oft als High Fructose Corn Sirup ausgewiesen, rascher als anderer Zucker zu einer Insulinresistenz und damit zu Diabetes.

Heilsweg mediterrane Ernährung?

Doch bevor uns all diese Erkenntnisse auf den Magen schlagen, zeigt Ernährungsmediziner Plauth einen Ausweg. Und das ist die mediterrane Ernährung. „Wobei das nicht heißt, jeden Tag eine Tiefkühlpizza zu sich nehmen. Das wäre falsch verstanden“, sagt er augenzwinkernd.

Ganz ernsthaft unterstreicht er: „Mediterrane Kost ist stark pflanzlich orientiert.“ Obst, Gemüse, Früchte und Nüsse stehen auf dem Speiseplan. Hinzu kommen Fisch, Geflügel und natürlich Olivenöl. Zuckerlieferanten sind Honig oder Obst.

Mediterrane Ernährung setzt auf niedrige Energiedichte

„Es sind Speisen, die eine niedrige Energiedichte haben, so dass das Sättigungsgefühl mit relativ wenig Kalorien erzeugt wird“, sagt Mathias Plauth. Sie lieferten ausreichend Eiweiß, das für die Aufrechterhaltung aller Funktionen im Körper wichtig sei. Und sie enthielten genügend Vitamine und Mineralien. Kurzum alles, was der Mediziner aufführt, wenn er nach einer Definition für gesunde Ernährung gefragt wird.

Wenn dann noch die griechische Weisheit beherzigt werde, die da lautet „meden agan“, was soviel bedeutet wie „nichts im Übermaß“ oder „alles in Maßen“, dann steht der schlanken Linie eigentlich nichts mehr im Weg.

Bei mediterraner Ernährung geht es nicht nur um das Essen an sich

Gleichzeitig betont Plauth, dass es bei der mediterranen Lebensweise um mehr als das Essen geht. Dazu gehöre, dass die Speisen mit frischen Lebensmitteln selbst zubereitet werden. Außerdem werde gemeinsam gegessen. „Die Menschen setzen sich zu bestimmten Zeiten, die für das Essen reserviert sind, zusammen an den Tisch“, sagt er. Hierzulande sei es fast schon üblich, sich auf dem Weg zur Arbeit bei einem Bäcker etwas zu kaufen und unterwegs oder vor dem Computer zu essen.

Womit der Mediziner zu Lebensumständen überleitet, die uns eine gesunde Ernährung schwermachen. „Die Evolution hat uns gelehrt, wenn etwas zu Essen vorbeikommt, dann greife zu“, erläutert er. Denn in der Steinzeit habe gegolten: Bewegung ist garantiert, Essen nur vielleicht. Heute sei es genau umgekehrt.

Essen und Getränke sind rund um die Uhr und auf Schritt und Tritt verfügbar. Die Menschen werden permanent verführt, zuzugreifen. Und sie tun es. Die Bewegung hingegen... Hinzu kommt, dass es Berufstätigen kaum möglich ist, für jede Mahlzeit frisch einzukaufen und alles selbst zu kochen.

Übergewichtige leben mit krankmachender Umgebung

Vor diesem Hintergrund, so sagt Plauth, sei es falsch, einem Übergewichtigen zu sagen, er sei selbst daran schuld, dick zu sein, er müsse nur alles richtig machen, dann löse sich sein Problem. „Nein, es sind die Lebensumstände, die ihren Tribut fordern“, betont er.

Denn der Übergewichtige lebe in einer krankmachenden Umgebung, für deren Verführungen er möglicherweise anfälliger sei als andere. Es sei diese Umgebung, die geändert werden müsse. Plauth verweist auf erste Ansätze dazu, beispielsweise auf Fitness-Räume in Betrieben, die während der Arbeitszeit genutzt werden können, oder auf Kantinen, die als Zwischenmahlzeit Gemüse-Fingerfood anbieten.

Wichtig sei in jedem Fall, so sagt Mathias Plauth, beim Essen den Genuss nicht zu vergessen. „Ein gutes Essen zu sich zu nehmen, ist etwas anderes, als mit dem Auto an die Tankstelle zu fahren und Benzin nachzufüllen, damit der Motor wieder läuft.“ Nicht zufällig heiße es ja auch: Ich gehe essen. Und nicht: Ich gehe mich ernähren. Man muss es ja nicht so übertreiben wie Händel.

Die Kunst des Abnehmens

Ob ein Mensch an Gewicht zunimmt oder nicht, ist ein Bilanzproblem“, sagt Professor Mathias Plauth. Um das Gewicht zu halten, dürfe er täglich nur so viel Energie zu sich nehmen, wie er auch brauche. Um abzunehmen, müsse es weniger sein. Dann gehe es an die Reserven.

Wovon aber hängt der Energiebedarf ab? „Zunächst einmal ganz stark vom Lebensalter“, erklärt der Ernährungsmediziner. Ein Kind im Wachstum brauche pro Kilogramm Körpergewicht mehr Energie als ein Erwachsener. Von großer Bedeutung sei zudem die Körpermasse, sprich: die Anzahl der Körperzellen, die den Brennstoff benötigen. Und natürlich müsse ein körperlich schwer arbeitender Mensch seinem Körper mehr Energie zuführen als einer, der überwiegend sitze.

Je älter der Mensch wird, desto geringer ist sein Energiebedarf

Was in diesem Zusammenhang von großer Bedeutung ist: Je älter der Mensch wird, desto geringer ist sein Energiebedarf. Plauth erklärt: „Der Mensch verliert im Laufe des Lebens pro Jahr ein Prozent seiner Muskelmasse.“ Das sei ein ganz natürlicher Prozess. Die Muskeln seien aber der Hauptenergieverbraucher. „Werden sie weniger, dann wird auch weniger Energie benötigt.“ Aber egal wie alt, wer abnehmen will, muss mehr Energie verbrauchen, als er dem Körper zuführt.

Theoretisch wäre es möglich, weiterhin so zu essen wie bisher, jedoch den Energieverbrauch etwa durch Sport zu steigern. „Aber um auf diese Weise nachhaltig abzunehmen müsste man sich beispielsweise jeden Tag vier Stunden auf dem Fahrrad-Ergometer abstrampeln“, sagt Plauth. Das macht schon deutlich: „Es ist für die meisten von uns unmöglich, durch eine Steigerung der körperlichen Aktivität den Energieverbrauch so zu erhöhen, dass wir allein davon abnehmen.“

Weniger essen ist nicht die Lösung

Und wie wäre es, die Energiezufuhr stark zu reduzieren und den sitzenden Lebensstil beizubehalten? „Dann baut der Körper nicht nur Fett, sondern auch Muskulatur ab“, erklärt der Mediziner. Und das gelte es unbedingt zu vermeiden. Denn ein guter Muskelstatus ist nicht nur für Sportler wichtig, sondern für jeden Menschen, der eine schwere Krankheit oder Verletzung überstehen muss.

Und da Muskeln im Laufe des Lebens ohnehin weniger werden, sei es wichtig, einem zusätzlichen Abbau entgegenzuwirken. „Außerdem“, so unterstreicht Plauth, „führt die körperliche Aktivität dazu, dass wir das Fett aus der Leber bekommen und einen möglicherweise erhöhten Blutdruck senken.“ Schon deshalb sei der Sport wichtig, auch wenn dabei nicht unbedingt Gewicht verloren werde. Plauths Fazit: Ideal ist es, beides zu kombinieren.

Lebensweise ändern statt Diäten machen

Was aber hält der Ernährungsmediziner von Diäten? „Eine Diät“, so sagt er, „bedeutet immer Beschränkung, etwas, was man sich abverlangen muss.“ Das gehe über einen begrenzten Zeitraum, führe in der Regel auch zu einem Gewichtsverlust. „Aber die Herausforderung ist, danach das Erreichte zu halten.“ Das schafften die meisten Menschen nicht.

Plauth plädiert dafür, die Lebensweise nachhaltig zu ändern. Und ein Übergewichtiger sollte sich dabei helfen lassen, etwa von einem Ernährungsberater. So erhalte er auch eine Rückkopplung. „Denn es handelt sich hier um einen Lernprozess“, betont er. Diäten, so fügt er hinzu, könnten zudem gefährlich werden. Nicht bei jeder sei garantiert, dass alle benötigten Nährstoffe in ausreichender Menge vorhanden seien. (mz)