Der schwarze Hund

Der schwarze Hund: Wie Bündnis gegen Depression Erkrankte von Stigma befreien will

Der schwarze Hund - er ist düster und peinigt diejenigen, die er verfolgt. Er streift durch die Literatur, wann immer es um ein Thema geht: Depression. Bekannt wurde die Metapher durch den britischen Premierminister Winston Churchill (1874 - 1965), der schwere depressive Phasen durchlebte. Sein Freund und Leidensgefährte Charlie Chaplin (1889 - 1977) beschreibt ihn dann als „Mann ohne Laune, zum Bersten angefüllt mit Nichts“. Das erzählt Michael Köhlmeier in dem Roman „Zwei Herren am ...

Von Bärbel Böttcher

Der schwarze Hund - er ist düster und peinigt diejenigen, die er verfolgt. Er streift durch die Literatur, wann immer es um ein Thema geht: Depression. Bekannt wurde die Metapher durch den britischen Premierminister Winston Churchill (1874 - 1965), der schwere depressive Phasen durchlebte. Sein Freund und Leidensgefährte Charlie Chaplin (1889 - 1977) beschreibt ihn dann als „Mann ohne Laune, zum Bersten angefüllt mit Nichts“. Das erzählt Michael Köhlmeier in dem Roman „Zwei Herren am Strand“.

Weltweit werden heute Millionen Menschen von dem schwarzen Hund angeknurrt. Professor Dr. Stefan Watzke, Leitender Psychologe der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum Halle, verweist auf Studien der Weltgesundheitsorganisation, wonach Depressionen bis zum Jahr 2030 in den Industrienationen zur häufigsten Erkrankung werden. Sie verursachten dann volkswirtschaftlich betrachtet die höchsten Kosten und individuell das größte Leid. Zudem, so sagt der Mediziner, gingen sie mit einem hohen Risiko der Selbsttötung einher.

Der Grund dafür: „Viele Betroffene nehmen die Hilfe, die es gibt, nicht in Anspruch. Dabei ist eine Depression gut zu behandeln“, sagt Stefan Watzke. Doch die Krankheit sei mit einem Stigma verbunden. „Es besteht eine Scheu, über die eigene psychische Belastung zu sprechen“, erklärt er. Die Angst, gesellschaftlich geächtet zu werden, sei groß. Deswegen trauten sich Betroffene nicht, das Problem mit ihrem Hausarzt zu besprechen und den Weg in Richtung Therapie einzuschlagen.

„In Deutschland“, so sagt er, „bringen sich pro Jahr etwa 10.000 Menschen um.“

Um der Krankheit den Schrecken zu nehmen, quasi den schwarzen Hund an die Leine zu legen, ist 2016 ein landesweit aktives Bündnisses gegen Depression aus der Taufe gehoben worden. Unter Federführung der psychiatrischen Universitätsklinik in Halle. „Sein erstes und über allem stehendes Ziel ist die Entstigmatisierung der Depression“, betont Stefan Watzke, einer der Repräsentanten. Der Mediziner unterstreicht noch einmal die Verbindung, die es zwischen einer Depression und Selbsttötungsgedanken gibt.

„In Deutschland“, so sagt er, „bringen sich pro Jahr etwa 10.000 Menschen um.“ Und auch wenn es nicht exakt zu beziffern sei, man wisse, dass der größte Teil dieser Suizide auf eine behandelbare psychische Erkrankung zurückgeht. Wegen des Stigmas seien die entsprechenden Beschwerden beim Arztbesuch aber nicht thematisiert worden. Stefan Watzke zieht daraus den Schluss: „Wenn die Menschen mehr über die Erkrankung wüssten, wenn sie wüssten, dass sie damit nicht alleine sind, wenn sie sich trauen würden mit dem Problem zum Arzt zu gehen und die Ärzte sie ihrerseits gezielt darauf ansprechen würden, dann könnten viele Suizide verhindert werden.“

Vier Säulen der Arbeit

Genau das ist es, worauf das Bündnis gegen Depression mit seinen verschiedenen Aktivitäten hinarbeitet: Es will Hilfsangebote, die Betroffenen und ihren Angehörigen zur Verfügung stehen bekannt machen. Es sollen Hausärzte über die Krankheit informiert werden. Es gilt, sogenannte Multiplikatoren wie Lehrer, Pfarrer oder Pflegekräfte zu sensibilisieren, das heißt, ihren Blick für die Symptome einer Depression zu schärfen.

Und nicht zuletzt ist es Ziel, die breite Öffentlichkeit über die Krankheit aufzuklären. Dafür werden Flyer gedruckt und Informationsveranstaltungen für ganz unterschiedliche Adressaten organisiert. Einen ganz anderen Zugang zum Thema Depression verspricht sich Stefan Watzke von einem Projekt, das derzeit in Vorbereitung ist. Nämlich einem Theaterprojekt. Julia Raab, eine freischaffende Figurenspielerin und Theaterpädagogin, erarbeitet es gemeinsam mit ihrer Leipziger Kollegin Anja Schwede. Arbeitstitel: Der schwarze Hund.

Bündnisses gegen Depression kooperieren mit Künstler

Auch im Gespräch mit der Künstlerin fällt ganz oft das Wort Entstigmatisierung. „Ich möchte mit dem Stück dazu beitragen, dass wir diese Krankheit entstigmatisieren, Betroffenen zeigen, dass es einen Raum gibt, in dem über sie geredet werden kann“, sagt Julia Raab. Sie will ihnen das Gefühl geben: Ihr werdet gehört. Es muss nicht jeder für sich im stillen Kämmerlein damit fertig werden.

Das Anliegen ist ganz im Sinne des Bündnisses gegen Depression, das die beteiligten Künstler als Kooperationspartner gewonnen haben. Es will vor allem Menschen erreichen, „die ein erhöhtes Risiko haben, an einer Depression zu erkranken oder schon im Beginn einer Erkrankung stecken“, wie Stefan Watzke sagt. Sie sollten so zeitig wie möglich die Hilfe, die sie brauchen erhalten. Das Theaterstück hält er für eine gute Möglichkeit, das zu vermitteln.

Arbeit mit Depression aufgrund von persönlichen Erfahrungen

Julia Raab erzählt, dass sie über eine Theatergruppe des Leipziger Bündnisses gegen Depression, in dem ihre Mitstreiterin Anja Schwede aktiv ist, auf das Thema gestoßen ist. Sie leitete dort Workshops und lernte so Menschen kennen, die unter einer Depression leiden.

Zum anderen gibt es in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis Betroffene. Deshalb hat sie sich mit der Krankheit auseinandergesetzt. Unabhängig voneinander sind den beiden Frauen dann Ideen gekommen, wie das Ganze künstlerisch aufgegriffen werden kann. „Und so entstand vor zwei Jahren die erste Idee, mit dem Thema auf die Bühne zu gehen“, sagt sie.

Potpourri an Szenen

Es folgte eine längere Zeit der Recherche. Sie haben sich durch Literatur inspirieren lassen und durch Gespräche mit weiteren Kollegen, Erkrankten sowie Medizinern dem Thema weiter angenähert. Jetzt werden die Ideen und Methoden im künstlerischen Team und auch mit den Ärzten diskutiert. Erste szenische Proben folgen. Geplant ist, dass das Stück im Juni des kommenden Jahres im halleschen WUK Theater Quartier Premiere feiert. Danach wollen die Künstler damit auf Tour durch Sachsen-Anhalt gehen.

Was die Theaterleute auf die Bühne bringen, ist kein gewöhnliches Stück. Sie versprechen ein Potpourri an Szenen, in denen verschiedene ästhetische Mittel des Figuren- und des Objekttheater eingesetzt werden - gewürzt mit einer Prise Tanz, einer Prise Schauspiel und Musik. Dramaturgin Sandra Bringer beschreibt es so: „Es gibt keine klassische Geschichte. Vielmehr geht es zu wie in einer Ausstellung mit Musik.“ Der Zuschauer, der weiß, worum es geht, könne sich individuell mit den Bildern, die er zu sehen bekommt, auseinandersetzen.

Stimme für Betroffene

Natürlich gibt es einen roten Faden - den schwarzen Hund. Der taucht immer wieder auf. Über verschiedene Stufen werde gezeigt, wie er dressiert werden kann, so dass er zum Schoßhund und nicht zur wilden Bestie wird, sagt die Dramaturgin. Wobei es nicht darum gehe, die eine Lösung vorzugeben, ergänzt Julia Raab. „Wir sind schließlich keine Therapeuten und keine Ärzte.“ Vielmehr sollen Betroffene, denen man ihre Krankheit äußerlich nicht unbedingt ansieht, eine Stimme bekommen. Und Menschen, die als Angehörige danebenstehen eine Ahnung, was es heißt, in dieser Krankheit zu stecken.

Der Mediziner Stefan Watzke verspricht sich jedenfalls ganz viel von dem Stück. Im übrigen wünscht er sich eine noch breitere Vernetzung im Bündnis gegen Depression. „Wir laden alle mit dem Thema befassten - Professionelle, Betroffene, Angehörige, Interessierte - ein, sich am Bündnis zu beteiligen.“ Es geht darum, den schwarzen Hund zu vertreiben und ihm dauerhaft die Rückkehr zu verwehren.

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