Bohren wie beim Zahnarzt

Bohren wie beim Zahnarzt: So öffnen hallesche Ärzte verstopfte Herzkranzgefäße

Halle (Saale) - Die Erkältung schleppt Jens Reinicke schon seit einigen Tagen mit sich herum. Vor allem sein Husten erweist sich als hartnäckig. Auf ihn führt der 51-Jährige auch die Schmerzen im Brustkorb zurück. „Die werden schon wieder weggehen“, sagt er sich. Zumal das Wochenende vor der Tür steht. Da kann sich der gelernte Werkzeugmacher, der in der ganzen Republik unterwegs ist um Kraftwerksanlagen zu reparieren, ...

Von Bärbel Böttcher

Die Erkältung schleppt Jens Reinicke schon seit einigen Tagen mit sich herum. Vor allem sein Husten erweist sich als hartnäckig. Auf ihn führt der 51-Jährige auch die Schmerzen im Brustkorb zurück. „Die werden schon wieder weggehen“, sagt er sich. Zumal das Wochenende vor der Tür steht. Da kann sich der gelernte Werkzeugmacher, der in der ganzen Republik unterwegs ist um Kraftwerksanlagen zu reparieren, ausruhen.

Doch der Druck auf der Brust lässt ihn nicht schlafen. Das Frühstück am Sonnabendmorgen rührt Jens Reinicke nicht an. Er hat keinen Appetit. Auch nicht auf die ansonsten so geliebten Zigaretten. Was ihm zu denken gibt. Genauso wie die immer bedrohlicher werdende Brustenge. „Diese Art von Schmerz war mir ganz neu“, sagt er.

Deshalb entschließt er sich, den Arztbesuch nicht bis zum Montag aufzuschieben. Seine Lebensgefährtin bringt ihn in die Notaufnahme des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara in Halle. Die Diagnose, die dort gestellt wird, kann er nicht fassen: Herzinfarkt. „Ich dachte noch immer, dass die Beschwerden von der Erkältung kommen.“

Akuter Verschluss - Jens Reinicke wird Katheter eingesetzt

Bis Jens Reinicke auf dem Behandlungstisch des modernen Herzkatheterlabors der Klinik liegt, dauert es nicht lange. Herzinfarkt bedeutet: Ein Herzkranzgefäß - so heißen die Gefäße, die den Herzmuskel mit Blut versorgen - ist akut verschlossen.

„Und es muss so schnell wie möglich wieder geöffnet werden“, sagt Professor Roland Willenbrock, Chefarzt der Kardiologie. Das gehe nur mittels Katheter. „Dazu“, so erklärt er, „wird über die Leiste oder die Hand ein ganz feiner Draht, sprich: Katheter, zum Herzen geführt.“ Mit Hilfe eines Kontrastmittels könne der Arzt dabei die Herzkranzgefäße auf einem Röntgenbildschirm sichtbar machen, die Engstelle lokalisieren und beseitigen.

„Dafür setzt er einen Ballon ein“, fügt der Arzt hinzu. Dieser öffne sich an der Engstelle und weite dadurch das Gefäß. Damit es sich danach nicht wieder zusetzt, werde bei dieser Prozedur meist ein Stent, also eine Gefäßstütze, eingesetzt. So geschehen auch bei Jens Reinicke. „In der Regel sind die Patienten danach sofort ohne Beschwerden“, sagt der Oberarzt Dawood Wahidi, Leiter des Katheterlabors.

Rotablator entfernt hartnäckige Verkalkungen in Arterien

Mitunter erweisen sich die Verkalkungen in den Arterien aber als so hartnäckig, dass die Engstelle nicht auf die beschriebene Weise geöffnet werden kann. Dann kommt der sogenannte Rotablator zum Einsatz.

„Das ist ein Diamant-Bohrer, mit dem wir die Gefäße erst auffräsen, um danach auf herkömmliche Weise die Stütze zu implantieren“, erklärt Dawood Wahidi. Er vergleicht das mit dem Bohren beim Zahnarzt. „Der bohrt im Zahn, wir in den Herzkranzgefäßen“, sagt er. „Nur, dass die Patienten beim Zahnarzt deutlich mehr Beschwerden haben als bei uns“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Diese Bohrungen sind sozusagen eine Spezialität der Kardiologen des Elisabeth-Krankenhauses. „Deutschlandweit steht unsere Klinik da an der Spitze“, sagt Roland Willenbrock. Etwa 100 Mal pro Jahr komme das Verfahren hier zum Einsatz. Auch bei vielen älteren Patienten, in deren Gefäßen lange Strecken verkalkt seien. „Dadurch erzielen wir viel bessere Ergebnisse.“

Goldenes Händchen nötig

Der Chefarzt betont, dass in der Klinik ein Ärzte-Team rund um die Uhr bereit stehe, um im Katheterlabor akute Herzinfarkte zu behandeln. Aber bei einem Patienten, der Nutznießer eines solchen Spezialverfahrens werde, handle es sich nicht um einen Notfall. Solche Eingriffe seien planbar. Und Sache von Oberarzt Wahidi.

Neben der Rotablation denkt Willenbrock vor allem an die Wiedereröffnung chronisch verschlossener Gefäße mittels Katheter. Diese Prozedur, medizinisch korrekt heißt sie CTO-Rekanalisation, gilt als eine der anspruchsvollsten im Katheterlabor. „Dafür muss der Arzt ein goldenes Händchen haben und ständig in Übung sein“, betont der Chefarzt. Es gelte, mit zwei dünnen, aber doch recht steifen Drähtchen den richtigen Weg durch das Herz zu finden. Neben gutem Material und Zeit brauche der Arzt dabei Fingerspitzengefühl.

Eine Herzkranzverengung führt nicht automatisch zum Infarkt

Als chronisch verschlossen gilt ein Gefäß, wenn dieser Zustand, länger als drei Monate besteht. Die Krankheit entwickelt sich meist langsam. Wie aber ist es möglich, mit ihr zu leben? „Da jeder Mensch drei Herzkranzgefäße hat, versuchen die zwei noch funktionierenden, die Aufgabe des verschlossenen mit zu übernehmen“, erklärt Dawood Wahidi.

Deshalb komme es auch nicht zum Infarkt. Da sie aber die Leistung des ausgefallenen Gefäßes nicht komplett kompensieren können, spürten die Betroffenen bei körperlicher Belastung typische Angina-pectoris-Beschwerden: Brustenge, Schmerzen, die in den Arm ausstrahlen, Luftnot oder Leistungsminderung.

Herz-Katheder soll Patienten beschwerdefreies Leben ermöglichen

Nach dem Katheter-Eingriff, so sagt Chefarzt Willenbrock, pumpe der Herzmuskel wieder besser, die Luftnot werde geringer und das Engegefühl verschwinde. „Genau das ist der Sinn und Zweck des Ganzen, dass der Patient danach ein Leben ohne Beschwerden führt, dass er sich wohlfühlt und sein Leben genießen kann“, ergänzt Oberarzt Wahidi.

Die Alternative zu einer solchen Rekanalisation kann eine Bypass-Operation sein, bei der der Herzchirurg quasi eine künstliche Umgehungsstraße um das verschlossene Gefäß baut. Das Blut kann auf dieser dann wieder ungehindert zum Herzen fließen. Allerdings erfolgt eine solche OP am offenen Herzen. In der Regel unter Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine. „Da ist es doch eleganter, den Verschluss, wann immer es möglich ist, mittels Katheter zu öffnen“, betont Willenbrock. Der Patient könne in diesem Falle schon am nächsten Tag wieder aufstehen.

In Sachsen-Anhalt kamen im Jahr 2016 nach Aussagen des jüngsten Deutschen Herzberichtes 272 Menschen pro 100.000 Einwohner wegen eines Herzinfarktes ins Krankenhaus. Im Bundesdurchschnitt waren es 255 Krankenhaus-Einweisungen. Sachsen-Anhalt liegt 6,8 Prozent darüber.

Mehr Klinik-Einweisungen gab es lediglich in Nordrhein-Westfalen mit 277 Fällen pro 100.000 Einwohner, in Bremen (290) und im Saarland (313). Die wenigsten Fälle wurden in Sachsen (199) registriert.

In Sachsen-Anhalt starben 82 Menschen pro 100.000 Einwohner an den Folgen eines Herzinfarktes. Das sind 45,9 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Hier liegt die Zahl bei 56 Fällen. Mehr Todesfälle gab es lediglich in Brandenburg (83). Die geringste Sterblichkeit weist Schleswig-Holstein (42) auf.

Jünger und kränker

Wenn die Mediziner zurückblicken dann stellen sie fest, dass die Patienten heute schwerer erkrankt zur Behandlung kommen, als noch vor 25, 30 Jahren. In seinen Anfangsjahren als Kardiologe, so erzählt Roland Willenbrock, seien meist nur ein, zwei kurze Engstellen in den Gefäßen festgestellt worden. „Heute sind viele Gefäße erkrankt und es gibt lange Engstellen.“ Oberarzt Wahidi ergänzt, dass die Patienten noch vor zehn Jahren auch deutlich älter gewesen seien als heute.

Die Ursachen liegen für die Mediziner klar auf der Hand: Es ist der Lebensstil unserer Gesellschaft, der ans Herz geht - ungesunde Ernährung, gepaart mit einem Mangel an Bewegung. „Die Folgen sind Übergewicht und Diabetes“, sagt Willenbrock. Diabetes, der in einem immer früheren Lebensalter auftrete, sei ein Treiber der Arterienverkalkung. Wahidi meint, dass auch viel gewonnen wäre, wenn die Menschen stärker auf ihre Cholesterinwerte achten und bei entsprechender Indikation mit Tabletten gegensteuern würden. „Die Menschen, die ich im Katheterlabor sehe, haben alle zu hohe Werte“, sagt er.

Bei Jens Reinicke kommen noch andere Risikofaktor ins Spiel: Stress und das Rauchen. Zumindest Letzteres kann er beeinflussen. Zigaretten, so sagt er, wolle er nie wieder anfassen. Die Klinik hat er übrigens nach nur fünf Tagen verlassen. Nun folgt eine Reha-Kur. Danach kann er sein altes Leben - mit ein paar Korrekturen - wieder aufnehmen.

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