Banken

Sekundenschnelles Bezahlen: Fortschritt im Schneckentempo

Seit fünf Jahren ist es in Europa technisch möglich, Geld binnen Sekunden von A nach B zu überweisen. Doch die meisten Kunden nutzen solche „Instant Payments“ nicht, weil sie diese extra bezahlen müssen. Das will die EU-Kommission nun ändern.

Von Jörn Bender, dpa Aktualisiert: 21.11.2022, 10:21
In Europa sind seit dem 21. November 2017 die „SCT Inst“ genannten schnellen Überweisungen möglich.
In Europa sind seit dem 21. November 2017 die „SCT Inst“ genannten schnellen Überweisungen möglich. Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Frankfurt/Brüssel - Brüssel müht sich redlich, doch das
sekundenschnelle Bezahlen ist auch fünf Jahre nach seiner Einführung
in Europa noch eine Seltenheit. Etwa 13 Prozent aller auf Euro
lautenden Kundenüberweisungen im Sepa-Raum werden in Echtzeit
ausgeführt. Dass die EU-Kommission Banken und Sparkassen nun Vorgaben
für die Bepreisung sogenannter Instant Payments machen will, um diese
Zahlungsmethode voranzubringen, kommt bei Deutschlands
Bankenverbänden nicht gut an.

In Europa sind seit dem 21. November 2017 die „SCT Inst“ genannten
schnellen Überweisungen möglich. Die EU-Kommission hatte als Ziel
ausgegeben, solche Überweisungen von Konto zu Konto binnen Sekunden
bis Ende 2021 in der Union zum Standard zu machen. Der
Zahlungsverkehrsraum „Single Euro Payments Area“ (Sepa) umfasst die
27 EU-Staaten sowie Island, Liechtenstein, Norwegen, die Schweiz,
Monaco, San Marino, Andorra, Vatikanstadt und Großbritannien.

Doch rund ein Drittel der Banken in der EU bietet Instant Payments
nach jüngsten Angaben der EU-Kommission bislang nicht an. Und die
meisten Privatkunden nutzen die meist kostenpflichtige Überweisung
nur in Ausnahmefällen. Eine mögliche Anwendung ist der private
Verkauf eines Autos. Wird ein solches Geschäft per Echtzeitzahlung
abgewickelt, kann der Verkäufer direkt kontrollieren, ob das Geld auf
seinem Konto angekommen ist. Bei anderen elektronischen
Bezahlverfahren muss ein Autoverkäufer zumindest das Risiko
einkalkulieren, dass der Käufer nicht zahlt.

Echtzeitzahlungen in bis zu zehn Sekunden

Um den schnellen Überweisungen zum Durchbruch zu verhelfen, will
Brüssel nun durchsetzen, dass Echtzeitzahlungen in Euro für
Bankkunden nicht teurer sein dürfen als Standardüberweisungen, die in
der Regel kostenlos sind. Zudem sollen alle Kreditinstitute
verpflichtet werden, die schnellen Überweisungen zu jeder Zeit
anzubieten. Normale Überweisungen dauern in der Regel einen
Arbeitstag, Echtzeitzahlungen bis zu zehn Sekunden.

Die Möglichkeit, sofort Geld zu senden und zu empfangen, sei
besonders wichtig in Zeiten, in denen Rechnungen für Haushalte und
Unternehmen stiegen und es auf jeden Cent ankomme, argumentiert
Finanzmarktkommissarin Mairead McGuinness. Über den Ende Oktober
vorgelegten Gesetzesvorschlag der EU-Kommission müssen nun die
EU-Staaten und das Europaparlament verhandeln. In diesem Verfahren
sind Änderungen möglich.

Kreditwirtschaft hält Preisregulierung nicht für angemessen

„Die von der EU-Kommission vorgeschlagene Preisregulierung ist vor
dem Hintergrund des vielfältigen Marktangebotes nicht angemessen“,
hält die Deutsche Kreditwirtschaft dagegen. „Zudem steht die Nutzung
von Echtzeitzahlungen und die Entwicklung auf ihrer Infrastruktur
aufbauender Angebote in Europa noch am Anfang, wenn auch mit hohen
Wachstumsraten und ebenso hohem Potenzial. Erfahrungsgemäß braucht es
seine Zeit, bis sich technologische Innovationen sowohl auf der
Angebots- wie auch der Kundenseite durchsetzen und durch eine breite
Akzeptanz positive ökonomische Effekte auslösen“, argumentiert der
Dachverband der fünf großen Bankenverbände in Deutschland.

Als am 21. November 2017 die zum italienischen Unicredit-Konzern
Hypovereinsbank die Echtzeitzahlung testete, war die Euphorie groß.
Damals schickte die HVB Geld innerhalb von 2,5 Sekunden von
Deutschland nach Italien. „Die Einführung von Instant Payments vor
fünf Jahren war ein Meilenstein“, bilanziert Gerhard Bystricky, der
bei der HVB führend für die Produktentwicklung im Zahlungsverkehr
zuständig ist und damals dabei war.

„Echtzeitzahlungen haben sich mittlerweile am Markt etabliert. Seit
wir das Angebot in allen unseren aktuellen Kontomodellen kostenfrei
integriert haben, nutzen auch Privatkunden diesen Weg nochmals
deutlich häufiger für Überweisungen“, sagt Bystricky. Der Anteil der
Geschäfte, die in Echtzeit vollzogen würden, sei bei der HVB binnen
Jahresfrist von 10 Prozent auf etwa 15 Prozent gestiegen. „Etwa die
Hälfte der Echtzeitzahlungen bei uns wickeln wir binnen einer Sekunde
ab, 95 Prozent binnen fünf Sekunden“, sagt Bystricky.

„Erreichbarkeit ist der Schlüssel zum Erfolg“

Der HVB-Entwickler hofft, dass sich Lücken in der europäischen
Instant-Payment-Landkarte bald schließen werden. „Bei der Abdeckung
in Europa ist noch Luft nach oben“, sagt Bystricky. „Erreichbarkeit
ist ein weiterer Schlüssel zum Erfolg dieser Technologie.“

Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz wirbt seit Jahren für Instant
Payments. Einwände, Zahlungen müssten zumindest im Regelfall nicht in
Echtzeit abgewickelt werden, halte er für rückständig, sagte Balz
kürzlich auf einer Tagung in Frankfurt. „Man versäumt so die Chance,
Zukunft zu gestalten.“ Balz bekräftigte: „Eine rasche Ausweitung von
Echtzeitzahlungen kann insgesamt dazu beitragen, Abhängigkeiten zu
überwinden und die Autonomie Europas zu stärken.“