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Übergewicht wegen MutterschaftAb wann gilt man als Schwangere als zu schwer?

Als werdende Mutter zuzunehmen ist normal – bis zu einem gewissen Grad. Adipositas hingegen hat ungesunde Auswirkungen aufs Kind, die Schwangerschaft und die Zeit danach.

Von Helene Kilb 27.11.2023, 10:20
Wenn Mütter in der Schwangerschaft zu stark zunehmen, könnte das Auswirkungen auf das Ungeborene haben.
Wenn Mütter in der Schwangerschaft zu stark zunehmen, könnte das Auswirkungen auf das Ungeborene haben. (Foto: IMAGO/Design Pics)

Jedes Jahr steigt die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland – und damit auch die Zahl übergewichtiger Frauen im gebärfähigen Alter: „Der Anstieg des Körpergewichts ist bei diesen Frauen eklatant“, sagt Ute Schäfer-Graf, Fachärztin für Gynäkologie und Leiterin des Berliner Diabeteszentrums für Schwangere. „Aktuell haben etwa 40 Prozent in dieser Alterssparte entweder Übergewicht oder sogar Adipositas“ – sprich: einen Body-Mass-Index von über 25 oder über 30. Als normal gilt ein BMI zwischen 19 und 25.

Eine Ursache dafür sieht Schäfer-Graf in der genetischen Veranlagung. „Das ist aber nur ein kleiner Anteil. Ausschlaggebend ist eher der Lebensstil der Familie, in der die Frauen aufgewachsen sind. Die Eltern übertragen ihn indirekt auf ihre Kinder.“

Probleme bei Empfängnis

Wer stark übergewichtig ist, kann sich außerdem seinen Kinderwunsch nicht immer auf natürliche Weise erfüllen: „Meist werden die Frauen nur sehr schwer oder gar nicht schwanger“, sagt Schäfer-Graf. Das Körperfett sorgt dafür, dass der Hormonhaushalt gestört ist, und das wiederum bringt oftmals den weiblichen Zyklus durcheinander. Wenn auch der Partner übergewichtig ist, kann sich das Problem noch verstärken: Bei stark fettleibigen Männern sind die Spermienmenge und -qualität oft schlechter als bei normalgewichtigen.

Mit einem einen Body-Mass-Index von über 25 oder über 30 besteht in Risiko.
Mit einem einen Body-Mass-Index von über 25 oder über 30 besteht in Risiko.
(Foto: Imago)

„Gerade bei starkem Übergewicht braucht es oft eine Kinderwunschbehandlung“, sagt die Gynäkologin Schäfer-Graf. Diese sollte ihrer Meinung nach aber keinesfalls ohne entsprechende Beratung zur Gewichtsabnahme vorab angeboten werden. „Ich finde es fraglich, wenn Kollegen oder Kolleginnen die Frauen mit Hormonen stimulieren oder eine In-vitro-Fertilisation durchführen, ohne erst einmal mit den Frauen am Grundproblem zu arbeiten“, kritisiert sie. Das sollte am besten vor einer Schwangerschaft geschehen. „Wenn Frauen schon adipös in die Schwangerschaft starten, lässt sich auf das Gewicht nur noch begrenzt Einfluss nehmen.“

Risiko einer Totgeburt

Adipöse Frauen gelten als Risikoschwangere. „Risiken steigen kontinuierlich an, abhängig vom Gewicht“, sagt Schäfer-Graf. Zu den oft auftretenden Erkrankungen zählen Schwangerschaftsbluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes und Herz-Kreislauf-Komplikationen. Zudem ist die Chance auf eine natürliche Geburt geringer. Wenn das Gewicht des Kindes auf mehr als 4.500 Gramm geschätzt wird, wird oft ein Kaiserschnitt geplant. „Und selbst wenn das nicht der Fall ist, bleibt bei Adipositas der spontane Geburtsbeginn oft aus“, sagt Schäfer-Graf. Funktioniert die Einleitung dann nicht wie geplant, ist ebenfalls ein Kaiserschnitt nötig.

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Die Zahl der in Sachsen-Anhalt wegen Adipositas behandelten Menschen ist im Vergleich der vergangenen etwa 20 Jahre weiterhin hoch. So zählte das Statistische Landesamt 2021 insgesamt 512 Patientinnen und Patienten, die mit der Diagnose Adipositas oder sonstiger Überernährung vollstationär im Krankenhaus behandelt werden mussten. Dies teilt das Landesamt Halle mit. Im Vergleich zum Vorjahr seien dies 23 Fälle weniger, jedoch war der Wert demnach der zweithöchste seit dem Jahr 2000. Insgesamt wurden mehr Frauen (311) als Männer (201) behandelt.

71,5 Kilogramm wiegen Frauen im Schnitt

Deutschlandweit habe die Zahl bei 32.788 Personen gelegen, erklärt das Landesamt. In Sachsen-Anhalt waren sowohl unter den Männern als auch unter den Frauen vor allem die Altersgruppen von 55 bis 60 Jahren betroffen.

Im Durchschnitt wogen die Männer in Sachsen-Anhalt 86,2 Kilogramm und waren 1,79 Meter groß. Frauen hingegen wogen 71,5 Kilogramm und waren 1,65 Meter groß.

Eine Gefahr ist zudem das erhöhte Risiko einer Totgeburt rund um den errechneten Geburtstermin: „Bei Frauen mit Übergewicht ist die Wahrscheinlichkeit zweieinhalbmal so hoch wie bei Normalgewichtigen, bei Adipösen sogar viermal höher als normal“, sagt Schäfer-Graf.

Diabetesgefahr für Baby

Eine mütterliche Adipositas hat zudem Folgen für das Kind. Denn nicht nur die Gene entscheiden über seinen Gesundheitszustand – sondern auch das intrauterine Milieu, in dem es heranwächst. Eine hohe Nährstoffversorgung sorgt für ein überdurchschnittliches Geburtsgewicht. Und durch die sogenannte fetale Programmierung besteht ein großes Risiko für Adipositas und Diabetes: „Bei mütterlichen hohen Blutzuckerwerten wird die kindliche Bauchspeicheldrüse schon sehr stark beansprucht“, sagt Schäfer-Graf.

Durch die Glukoseüberversorgung im Mutterleib produziert der Körper des Kindes mehr Insulin als gewöhnlich – was wiederum eine spätere Insulinresistenz begünstigt. „Und es kommt zu einer Fehlregulierung der hormonellen Abläufe: Durch die Überversorgung im Uterus schüttet der Körper des Ungeborenen besonders viel Leptin aus, ein Hormon, das einen Einfluss auf das Sättigungsgefühl hat.“

Zu all dem kommt hinzu, dass das Übergewicht die Frauen seelisch belastet. Das beobachtet auch Gynäkologin Schäfer-Graf bei ihrer täglichen Arbeit im Dia beteszentrum: „Die Frauen fühlen sich selbst nicht wohl mit ihrem Gewicht, viele leiden darunter.“ Auch werden Übergewichtige stigmatisiert. „Sie fühlen sich abgewertet oder sehen sich mit Vorwürfen konfrontiert.“

Stillen als Chance

Wichtig ist es, als Schwangere entgegenzusteuern: „Je mehr sie wiegen, desto wenigen dürfen sie zunehmen. Frauen mit einem BMI über 30 sollten maximal fünf bis neun Kilogramm zunehmen“, sagt Schäfer-Graf. „Wichtig ist es zudem, sich mit 24 Wochen auf Schwangerschaftsdiabetes testen zu lassen.“

Eine Chance, die Mütter nach der Geburt wahrnehmen sollten, ist das Stillen. Es reduziert das Adipositasrisiko beim Kind. Regina Ensenauer, die Vorsitzende der Nationalen Stillkommission innerhalb des Max-Rubner-Instituts (MRI), Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, gibt aber zu bedenken: „Frauen mit einem hohen BMI haben oft mehr Probleme beim Stillen. Es kann sein, dass das Kind nicht ,andockt’. Und oft haben die Frauen aufgrund von hormonellen Aspekten einen verspäteten Milcheinschuss.“ Helfen kann ein individuelles Stillcoaching.