Sicherheitsrisiko Türgriffe im Auto – Designtrend mit Tücken im Notfall
Versenkbare Türgriffe sind beliebt wegen Design und Aerodynamik. Doch Unfallforscher warnen: Im Notfall könnte wertvolle Zeit verloren gehen.

Berlin - Glatte Fahrzeugflanken, nichts ragt in den Wind – einige moderne Autos bieten versenkbare Türgriffe an, die sich auf den ersten Blick gar nicht erkennen lassen. Doch sie sind nicht unumstritten. Unfallforscher sehen Gefahren. Denn auch Erstretter könnten die Griffe nicht immer sofort erkennen oder handhaben – und das ist noch nicht alles.
So sollen etwa in China vom kommenden Jahr an gewisse Türgriffe an neuen Autos verboten werden, die in der Autotür verschwinden und im Notfall nicht mechanisch entriegelt werden können. Doch warum werden diese Griffe überhaupt verbaut?
Warum setzen Hersteller auf versenkbare Griffe?
Hauptgrund ist das Design: „Primär werden Griffe aus ästhetischen Gründen gerne auch versenkbar angeboten, weil das gut aussieht“, sagt Kirstin Zeidler. Zusätzlich wird oft die Aerodynamik als Vorteil genannt, besonders bei Elektroautos: „Gute Aerodynamik meint am Ende auch gerade bei Elektrofahrzeugen mehr Reichweite“, so die Leiterin Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).
Allerdings kehren wiederum einige Hersteller wieder zu klassischen Griffen zurück. Der Nutzen für Reichweite scheint also begrenzt.
Welche Arten von versenkbaren Griffen gibt es?
Doch wie funktionieren diese versenkbaren Griffe überhaupt? Teils müssen versenkte Türgriffe durch Druck an verschiedenen Stellen ausgeklappt werden, teils fahren sie automatisch aus, wenn sich der Fahrer nähert. Beide Varianten können sich dann per Tastendruck öffnen lassen – im Notfall auch mechanisch, etwa durch mehr Krafteinwirkung, quasi einem Überziehen. Diese Mechanik für Notfälle bieten aber leider nicht alle Modelle, das verschärft das Problem.
Was ist problematisch an versenkbaren Griffen?
„Wir halten versenkbare Türgriffe insofern für problematisch, weil sie es bei Unfällen erschweren, sich selbst oder Verletzte aus dem Auto zu retten“, sagt Zeidler. Das gilt speziell für Laien als Ersthelfende, die nicht wissen können, wie sie die versenkten Griffe öffnen sollen, wo welcher Druck ausgeübt werden muss, nennt Zeidler Beispiele. Und das in einer Stresssituation wie nach einem Unfall – es fängt vielleicht auch an zu brennen.
Aber auch Profihelfer etwa von der Feuerwehr oder dem Technischem Hilfswerk können schneller reagieren, wenn zunächst ein klassischer Türgriff der sprichwörtliche erste Griff sein kann.
Hauptproblem: Es kann bei Unfällen passieren, dass die Stromversorgung elektrischer Griffe ausfällt. Dann sollte er mechanisch zu bedienen sein. Doch wie, ist nicht sofort klar.
„Statt versenkter Griffe, plädieren wir unbedingt für intuitiv bedienbare Türgriffe, bei denen sofort klar ist, wie sie zu betätigen sind – sowohl von außen als auch von innen“, sagt Zeidler. Bei solchen lebenswichtigen Funktionen müsse Technik „menschlicher Logik folgen, muss einfach intuitiv sein - auch durch die Haptik.“ Das gelte auch für Fahrzeugbedienung im Auto, für wichtige Fahrfunktionen wie Blinker, Licht, Scheibenwischer sollten es Knöpfe und Hebel sein.
Für Türgriffe seien mechanische Rückfallebenen wichtig, also die Möglichkeit, die Tür selbst rein mechanisch öffnen zu können – unabhängig davon wie im Normalfall die Bedienung abläuft. „Der Griff ist meist einfach nur der Angriffspunkt, um die Hand ansetzen zu können“, sagt Zeidler. „Im Alltag macht man sich keine Gedanken über den Notfall.“ Es gebe auch schon Modelle, wo bei einem Unfallfall die Türgriffe automatisch aufspringen müssen, unabhängig von der Stromversorgung.
Wie sollte ich mich als Verbraucher verhalten? Kaufen – oder nicht?
Zeidler gibt einen Tipp: Wenn man sich für ein Fahrzeug interessiert, bei dem die Türen nicht durch klassischen Handgriff geöffnet werden können: Sich unbedingt detailliert beraten lassen und informieren.
Im Zweifel hilft aktives Nachfragen beim Händler oder beim Hersteller: Wie funktioniert das im Notfall genau? „Denn es gibt da sehr verschiedene, unterschiedliche Lösungen. Man sollte sich zumindest dessen gewahr sein und sich bewusst für den Kauf entscheiden oder eben dagegen.“
Was ist mit der Öffnung von innen?
Und das gilt nicht nur für die Öffnung von außen. Auch von innen kann das elektrisch gehen – durch einen Knopf oder Hebel. Das heißt, sollte dies im Notfall nicht funktionieren, muss man wissen, wie es mechanisch geht. Dazu kann es erforderlich sein, etwa auch in Teilen der Innenverkleidung zu suchen.
Sogar alle Mitfahrenden müssen sich damit auseinandersetzen, wie sie die Tür nach einem Unfall aufbekämen. Denn für die Fondtüren kann die Notentriegelung anders gelöst sein als vorn. „Ein klassischer Türgriff, leicht zu finden, spart im Notfall auch hier überlebenswichtige Zeit.“