Test Mercedes

Mit dem kompakten Reisemobil Marco Polo die Welt entdecken

Auf 5,14 Metern Länge gibt es viel Wohnkomfort im edlen Ambiente. Platz ist für fünf Personen, schlafen können vier, sehr komfortabel ist es für zwei Reisende. Zahlreiche Funktionen sind auch per App steuerbar.

Von Hans-Ulrich Köhler Aktualisiert: 16.09.2022, 12:11
Der Mercedes Marco Polo mit dem elektrisch ausfahrbaren Dachzelt,  das Platz für zwei Schlafplätze bietet.
Der Mercedes Marco Polo mit dem elektrisch ausfahrbaren Dachzelt, das Platz für zwei Schlafplätze bietet. huk
Der 5,14 Meter lange Mercedes Marco Polo
Der 5,14 Meter lange Mercedes Marco Polo
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Halle/Saale - Was der venezianische Händler Marco Polo über seine zwanzigjährige Chinareise aufgeschrieben hat, schürt seit 1295 Reiselust. Das macht auch der schwäbische Marco Polo auf seine Weise. Seit über 38 Jahren gibt es das kompakte Reisemobil, früher auch Campingbus genannt. Technisch basiert das Reisemobil auf der Mercedes V-Klasse. Für den Komfort sorgt wie seit Jahren die Firma Westfalia, die das Modell zum rollenden Appartement umbaut.

Fünf Personen können drin sitzen, vier schlafen - zwei oben, zwei unten auf der umgelegten Sitzbank. Schlafen für vier geht. Aber beim Wohnen stößt der Marco Polo dann an Grenzen, auch wenn am ausklappbaren Tisch vier Personen bequem Platz nehmen können. Dafür müssen nur die Vordersitz (leichtgängig) zum Dinieren umgedreht werden. Aber Sachen verstauen für vier, anziehen, umziehen , Katzenwäsche am schicken Edelstahlbecken sind Herausforderungen, die sich am besten lösen lassen, wenn dann wenigstens die Hälfte des Marco Polo - Quartetts vor dem Auto wartet.

Über eine große Schiebtür geht es rechts am Fahrzeug ins Innere, hinten der Küchentrakt.
Über eine große Schiebtür geht es rechts am Fahrzeug ins Innere, hinten der Küchentrakt.
huk
Links die Kühlbox, daneben der Gasherd, rechts das Waschbecken
Links die Kühlbox, daneben der Gasherd, rechts das Waschbecken
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Wieviele Bewohner den Marco Polo auf Reisen nutzen, hängt von deren Kompromissfähigkeit ab. Das Auto ist ideal für zwei Reisende. Abends kann es sich einer oben und einer unten gemütlich machen, ansonsten wird es auf den bequemen Liegefläche eng: unten gibt es 1,13 mal 2,03 Meter Platz. Allein schläft man auf seinem Lager vorzüglich. Oben wird auf einer angenehmen Schaumstoffmatte geruht, unten gibt es eine gut gepolsterte Decke, die die Lücken zwischen den umgelegten Rücksitzen und der Sitzfläche (beides Leder) eliminiert. Die Kofferraumabdeckung ist praktischerweise in ihrer Schräge variabel einstellbar, so dass unten jeder die für ihn beste Liegeposition findet, wirklich durchdacht gemacht.

In 35 Sekunden fährt das Dachzelt aus. Bei seiner Bedienung sind die Konstrukteure ein wenig dem Digitalisierungswahn verfallen. Man muss auf dem Riesendisplay das Menü „Advanced Control“ berühren und sich dann „durchtouchen“ bis zu den Symbolen fürs Öffnen und Schließen. Da bleibt man grübelnd zurück. Ließe sich das Dach nicht auch mit einem schlichten Knopf öffnen oder schließen? Der Aufstieg ins Obergeschoss verlangt ein gewisse Gelenkigkeit. Am besten die Füße auf die Armlehnen der Vordersitze stellen, Rücken zum Bett, die Arme oben vor der Liegefläche aufstützen und dann mit einem beherzten Schwung hinauf liften.

Der Fußboden im Mercedes Marco Polo mutet an, als wäre er mit Schiffsdielen beplankt, sehr elegant. Den Zugang ermöglicht eine riesige Schiebetür, die sich elektrisch öffnen und schließen lässt. Gut 1,50 m sind es von der Dreiersitzbank bis zu den Vordersitzen. Ihr Umbau zum Bett geht spielend leicht. Hebel vorn rechts ziehen, Bank per Hand (sehr, sehr) kräftig Richtung Vordersitze ziehen und dann per Knopfdruck die Rückenlehnen elektrisch flach legen. Nach 15 Sekunden ist alles erledigt. Das Ladeabteil des Marco Polo kann riesig sein (640 Liter), aber auch kleiner werden, wenn es ein Tischchen und zwei Klappstühle aufnimmt (lieferbar gegen Aufpreis). Ist dieses Mobiliar nicht im Kofferraum, lassen sich mit etwas Geschick bis zu sechs Koffer verstauen.

Unten entsteht durch das Verschieben der Sitzbank und das Umlegen der Rücklehnen eine Liegefläche, die 2,03 Meter lang und 1,13 Meter breit ist.
Unten entsteht durch das Verschieben der Sitzbank und das Umlegen der Rücklehnen eine Liegefläche, die 2,03 Meter lang und 1,13 Meter breit ist.
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Viel Stauraum gibt es im Heck, hier endet das Kopfende der Liegefläche, sonst gibt es dort Platz für Gepäck. Links im Heck diverse Ablagen mit Klapp- und Schiebtüren.
Viel Stauraum gibt es im Heck, hier endet das Kopfende der Liegefläche, sonst gibt es dort Platz für Gepäck. Links im Heck diverse Ablagen mit Klapp- und Schiebtüren.
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Links der Sitzbank kann man vor der Küchenzeile ein senkrecht verstauten Tisch leicht nach vorn schieben. Tischbein ausklappen und fertig, steht felsenfest. Falls man mal zu viert dinieren möchte, sind mit wenigen Handgriffen die Vordersitze zum Tisch hin drehbar, das sollte man vorher etwas üben, geht dann aber ganz leicht. Bei der Gestaltung der Küchenzeile haben die Designer viel Wert auf Noblesse gelegt. Edelstahlleisten, schickes Ambiente, angenehm brauner Farbton. Eine Kühlbox - am Zentraldisplay vorn einstellbar - ist Teil der Küche. Schnell lernt man, dass bei Stufe 4 oder gar 5 die Box fast zum Gefrierfach wird. Die drei nebeneinander liegenden Küchenelemente - Kühlbox, Herd, Waschbecken - sind mit dunklem, spiegelndem Glas abgedeckt, sehr gediegen. Darauf sieht man aber jeden Krümel, jeden Tropfen, jeden Fingerabdruck. Lappen, Küchenrolle sollten immer zur Hand sein.

Das kreisrunde Waschbecken aus Chromstahl - groß wie ein Pastateller - reicht für Mini-Wäsche und Zähneputzen und den ganz kleinen Abwasch. Man kann sich auch eine Dusche wünschen, die aus dem Bordreservoire gespeist wird. Sie ist dann hinten links von außen zugänglich, wenn man die gewaltige Heckklappe öffnet. Dann gibt es den kalten Guss auf der Campingplatzwiese. Falls wer unterwegs kochen möchte, kann ein Zweiflammen-Gasherd genutzt werden (2,8 Liter Gasflasche). Praktisch: Klappt man die Abdeckung vom Herd hoch wird sie zum Spritzschutz vorm Fenster. Das Wasser kommt aus einem 38- Liter-Tank. Das Abwasser wird in einem 40-Liter-Tank aufgefangen.

Das Armaturenbrett wird vom Zentraldisplay dominiert. Hiermit lassen sich diverse Funktion wie etwa Kühlbox und das Aufstellen des Daches steuern.  Alle Funktionen für Fahrsicherheit, Fahrdaten, Kommunikation, Unterhaltung und Wohnkomfort lassen sich hier abrufen, zahlreiche auf Wunsch auch per App.
Das Armaturenbrett wird vom Zentraldisplay dominiert. Hiermit lassen sich diverse Funktion wie etwa Kühlbox und das Aufstellen des Daches steuern. Alle Funktionen für Fahrsicherheit, Fahrdaten, Kommunikation, Unterhaltung und Wohnkomfort lassen sich hier abrufen, zahlreiche auf Wunsch auch per App.
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Wie voll oder leer die beiden Wassertanks sind, kann man auf dem großen Display (26 Zentimeter Diagonale) auf dem Armaturenbrett ablesen. Von hier aus läßt sich zentral über das Mercedes Kommunikationssystem MBUX und die sogenannte Advanced Control (MBAC) nahezu alles steuern, was man zum Wohnen, für Kommunikation und Orientierung, Unterhaltung oder als Assistenz beim Fahren braucht. Neuerdings kann man dies alles auch per App auf dem Handy machen.

Elf Möglichkeiten irgendwas zu verstauen, sind im Marco Polo zu finden, mal was zum Aufschieben, mal zum Aufziehen, alles sehr gediegen gemacht, leichtgängig. Alle Türen und Schübe rasten so fest ein, dass sie sich während der Fahrt nicht öffnen. Die Fensterscheiben sind von außen schwarz, innen sorgen exakt laufende Rollos für Dunkelheit bei Nacht. Die Fenster der vorderen Türen und die Frontscheibe werden mit einer Art Vorhang verhängt, eine etwas fummelige Angelegenheit, die spart man sich gern, wenn der Standplatz es zulässt.

Gewaltig baut sich der Weltenbummler vor dem Reisenden auf: 5,14 Meter lang, 1,98 Meter hoch, da kommt man dennoch in fast jedes Parkhaus und auf jede Fähre. Vorn steigt man nicht ein, man liftet sich hoch, gefühlt einen Meter, beste Sicht geradeaus. Die Straßenlage ist ausgezeichnet, 200 km/h absolviert das Fahrwerk mit stoischer Ruhe. Die Größe des Marco Polo verleitet zum entspannten Gleiten, zum Reisen eben. Der Diesel-Vierzylinder mit 237 PS bietet dafür beste Voraussetzungen. Ein Allradantrieb schafft zusätzlich Sicherheit. Das registriert man erfreut auf rutschigem Untergrund beim Anfahren und in schnellen Kurven. Die Wankneigung des hochgebauten Wagens ist dabei gering. Einer von vielen elektronischen Helfern hält den Van bei Seitenwind in der Spur. Beim ersten Einparken in die Lücke spürt der Wagenlenker schnell, dass Marco Polos Größe eine gewisse Herausforderung ist. Aber bald findet er das Augenmaß dafür, was geht und was nicht. Dankbar ist man dabei für die Rückfahrkamera. Schnell gelernt: „eckige Kurven“ sind immer großzügig-weit zu nehmen, hinten ist eben noch mehr dran als es der Pkw-Fahrer gewöhnt ist. Nach den ersten Eingewöhnungs-Kilometern folgt bald die Überraschung. Der gefahrene Mercedes Marco Polo 300d lässt sich chauffieren wie ein Pkw, ist sehr handlich und sparsam, fährt man nicht immer auf der letzten Rille. Nach über 2.000 Test-Kilometern addieren sich der Diesel-Verbrauch auf 8,5 Liter pro 100 Kilometer.

Was bleibt? Fährt sich toll, wohnt sich toll, kann sparsam bewegt werden, viel Liebe für praktische Details ist zu entdecken, die Anmutung sehr edel. Die Flut digitaler Möglichkeiten wird sehr engagierte Nutzer begeistern, mancher wird sich aber auch überfordert fühlen. Die überbordenden Angebote an Technik und Wohnkomfort - eine ganze Reihe zu Aufpreise von bis zu 3.000 Euro - können freilich den Kaufpreis in beträchtliche Höhe treiben. Der im Test gefahrene und bewohnte Marco Polo Edition 300 d kostete inklusive diverser Extras 100.063,53 Euro. Die 53 Cent muten an wie ein Mercedes Spleen - seit Jahrzehnten werden die Schwaben-Autos mit Pfennigen bzw. Cent hinterm Komma verkauft. Nur ein Cent hinterm Komma steht beim Einstiegsmodell der Marco Polo-Reihe: 58.290,01 Euro. Ein derart mit Extras hochgerüstetes Fahrzeug wie der Testwagen dürfte es nicht leicht haben auf dem Markt. Für 100.000 Euro bekommt man schon große Wohnmobile mit einem vielfach höheren Wohnwert. Limitiert man aber seine Platz-Ansprüche und legt mehr Wert auf flexibles, kurzes, „handliches“ Reisen, werden zwei Reisende im Mercedes Marco Polo jede Menge Wohn- und Fahrkomfort genießen.

Technische Daten Mercedes Marco Polo Edition 300d:

Antrieb: 2,0 Liter-Diesel mit 237 PS, vier Zylinder

Drehmoment: 500 Nm

Schaltung: Neun-Gang-Automatik, Allradantrieb

Höchsttempo: 209 km/h

Testverbrauch: 8,5 l pro 100 km

Länge: 5,14 m, Höhe: 1,98 m, Kofferraum: 640 l

Zulässiges Gesamtgewicht: 3.200 kg

Tank: 57 l

Sitzplätze 5, Schlafplätze 4

Preis: ab 58.290 Euro. Testwagen-Basispreis 64.710 Euro. Testwagen mit Extras: 100.060 Euro.