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Walter-Bauer-Preis  Walter-Bauer-Preis : Dichter, Erzähler und Musiker Thomas Kunst wird geehrt

Von Christian Eger 28.10.2018, 11:00
Schriftsteller Thomas Kunst: „auf das Heftigste irritieren“
Schriftsteller Thomas Kunst: „auf das Heftigste irritieren“ Franziska Reck

Halle (Saale) - Er ist sofort ganz da. Sofort auf Sendung. Kaum ist die Mail abgeschickt, fliegt schon die Antwort ein. Vier, fünf Auskünfte? Gerne. Zu ihm, dem Dichter, Erzähler und Musiker Thomas Kunst, zu seinem Schreiben und Leben, das sich inzwischen in Sachsen-Anhalt ereignet, im Mansfeld - und eben nicht im gesellschaftlich-staatlich sanktionierten Künstlerbiotop Berlin.

Flugs sind die Statements da, mit herzlichen Grüßen, abgesendet aus der Deutschen Bücherei in Leipzig, wo Thomas Kunst seit 1987 als Bibliotheksassistent arbeitet. Für welche Literatur der 53-Jährige stehe? „Für eine Literatur, die sich nicht zu schade dafür ist, solidarisch mit denen in der Gesellschaft zu sein, auf die es längst nicht mehr ankommt… Für eine Literatur, die bis heute kaum wahrgenommen wird, weil sie sich traut, nicht nacherzählt werden zu können...“

Was für ihn ein gelungener Roman, ein gelungenes Gedicht sei? „Ein Gedicht ist für mich ein Gedicht, wenn mich die gewöhnlichsten Dinge in ihm auf das Heftigste irritieren“, schreibt Thomas Kunst. „Nüchternes Metapherngeflimmer in beruhigter Normalsprache, die blinkt. Das gilt genauso für den Roman.“

Das Erstaunliche im Gewöhnlichen freilegen, aus den eingeübten Schienen des Belehrens und Verstehens in die des Fragens und Staunens zu wechseln. Das führt dieser Schriftsteller vor, der selbstvergessen Gitarre spielt. Man muss nur einige Buchtitel nennen: „Besorg noch für das Segel die Chaussee“ (1991), „Die Verteilung des Lächelns bei Gegenwehr“, „Rein rhetorisch Adieu“, „Sonntage ohne Unterschrift“ und 2017 bei Suhrkamp das abenteuerliche, poetisch draufgängerische Zivilisations-Epos „Kolonien und Manschettenknöpfe“. Die Titel überraschen, die Verse lassen staunen.

Jetzt haben die Städte Leuna und Merseburg Thomas Kunst den mit 3 500 Euro dotierten Walter-Bauer-Preis zugesprochen. Die Jury lobt die von Kritikern gelobte Lyrik und Prosa. Den „humanistischen Blick auf die Menschen und ihre Verhältnisse“, die Kunsts Werk mit dem von Walter Bauer (1904-1976) verbinde, Autor der „Stimme aus dem Leunawerk“ (1930). Thomas Kunst kannte diesen Autor zuvor nicht, inzwischen hat er einiges gelesen und ist begeistert. „Seinen Roman ,Die Stimme‘ empfehle ich nur allzu gern.“ Bin stolz darauf, diesen Preis in meiner neuen Heimat zu bekommen.“ Neue Heimat. Kunst stammt von der Küste, 1965 in Stralsund geboren. Lyrik seit früher Jugend, ein Kunstlehrerstudium, frühzeitig abgebrochen. Fortan Literatur ganz und volles Leben. Nun in der Stadt Mansfeld. Ein Zufall zuerst. Ein bezahlbares Haus in guter Gegend. „Ich liebe Sachsen-Anhalt und seine Menschen… Wenn ich dort gefragt werde: ,Willst du ein Bier, Meiner‘, geht mir das Herz auf: ,Gern, Meiner‘. Lebensabend mit Frau und mindestens einem großen Hund: nur dort!“

Kunst ist literarisch und gesellschaftlich eine eigene Klasse. Er hält gleicherweise Distanz zum Literaturbetrieb West und seinem Mini-Trabanten Ost. Die ostdeutsche Literatur gleiche seit 1989 „einem westdeutschen Wirtschaftszweig, du bist erfolgreich, wenn du korrekt kalkuliert hast, du bist der letzte Dreck, wenn du dir treu geblieben bist, das Sprechen und Stammeln in die westdeutschen Diktiergeräte, die Schriften von Ingo und Uwe, beschämende gesamtdeutsche Weltliteratur“, schreibt Kunst in seinen „trotzdeutschen Briefen“ an seinen Freund und Kollegen Feridun Zaimoglu. „Lass uns in diesem Land ganz von vorn anfangen, wir verzichten auf gründliche Feigheit und verspätete Heldenbiografien.“ Keinesfalls auf den Bauer-Preis. Den erhält Thomas Kunst am 2. November. (mz)

Preisverleihung: Freitag, 2. November, 15 Uhr, Ständehaus Merseburg. Die Laudatio hält Matthias Biskupek.