Verbotene DDR-Literatur

Berlin/dpa. - Als «negativ feindliche Aussteiger» und «Machwerkeverfasser» wurden manche ostdeutschen Autoren von der Staatssicherheit verfolgt. Bei allzu aufmüpfiger Kritik am Real-Sozialismus der DDR drohten Schreibverbote oder die Abschiebung in den ...

Von Irma Weinreich

Als «negativ feindliche Aussteiger» und «Machwerkeverfasser» wurden manche ostdeutschen Autoren von der Staatssicherheit verfolgt. Bei allzu aufmüpfiger Kritik am Real-Sozialismus der DDR drohten Schreibverbote oder die Abschiebung in den Westen.

Schlimmstenfalls wurden die Autoren als «Staatsfeinde» vor Gericht gezerrt und landeten hinter Gittern. Das Schreiben haben die so Drangsalierten trotzdem nicht aufgegeben. Als zehnter und abschließender Band der Reihe «Die Verschwiegene Bibliothek» ist jetzt das Werk «Badetag» des Lyrikers und Musikers Salli Sallmann in der Edition Büchergilde erschienen. Sie stellt Texte vor, die in der DDR entstanden sind, dort aber nicht veröffentlich werden durften.

Die bislang umfangreichste Edition verbotener DDR-Literatur bedeutet mehr als ausgleichende Gerechtigkeit. Endlich erhalten bisher kaum bekannte Autorinnen und Autoren Namen und Stimme. Zu den Zeitdokumenten widerständiger Literatur im Osten zählen Gedichte, Romane, mitunter als Fragment, Erzählungen, Tagebücher und Briefe. Die DDR-Literatur sei «vielfältiger, ambivalenter und vor allem gegensätzlicher, als wir aufgrund des Publizierten anzunehmen bereit sind», loben Literaturkritiker das 2004 begonnene Projekt.

Wer sich tristen DDR-Alltag mit unumstößlichen Regeln, Kleinkariertheit, Ängsten und Repressalien nicht vorstellen kann, findet in Sallmanns autobiografischen Berichten, Gedichten und Prosa- Miniaturen viele Antworten. Nach einem ersten Auftritt Anfang der 70er Jahre als Liedermacher im Chansonclub Leipzig haftet ihm der Makel an, «feindlich-negative Texte» in die Welt zu setzen. Tatsächlich ging es in seinem Lied zu Gitarrenmusik lediglich um eine zu enge Küche und um Liebe in der Badewanne.

Ein erschütterndes Zeugnis für unmenschliche Willkür hinterließ die junge Dichterin Edeltraud Eckert. Wegen des Besitzes von Flugblättern mit dem knappen Aufdruck «Für Freiheit und Demokratie» war die 20 Jahre alte Pädagogik-Studentin vom Sowjetischen Militärtribunal in Potsdam zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. «Jahr ohne Frühling» stellt rund 100 ihrer Gedichte vor, die die Haftzeit zwischen Auflehnung und Angst, Resignation und Hoffnung beschreiben. Nach einem schweren Arbeitsunfall in der Frauen-Haftanstalt Hoheneck starb sie 1955.

In «Blende 89» hat Radjo Monk alias Christian Heckel den Untergang des SED-Staats akribisch notiert. Sein politisches Tagebuch der friedlichen Revolution beginnt am 3. Oktober 1989 und endet ein Jahr später mit der deutschen Einheit. Der Zorn von Ralf-Günter Krolkiewicz in «Nirgends ein Feuer mehr» richtet sich gegen Enge und Absurdität eines totalitären Regimes. Zwei öffentliche Lesungen hatten seine literarische Karriere 1984 abrupt beendet. Wegen «öffentlicher Herabwürdigung» musste er für mehr als ein Jahr ins Gefängnis und wurde danach in den Westen abgeschoben.

Weitere Autoren der Edition sind Henryk Bereska, Günter Ullmann, Sylvia Kabus, Thomas Körner, Heidemarie Härtl und Gabriele Stötzer. Auf rund 100 Autoren aus den Jahren 1950 bis 1990 ist das 2001 gegründete «Archiv unterdrückter Literatur in der DDR» inzwischen angewachsen. Mit Förderung durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sind dort Texte zusammengetragen worden, die in der DDR als «systemzersetzend» oder «schädlich» galten und nicht erscheinen durften. Die Initiatoren des Archivs, die Germanistin Ines Geipel und der Autor Joachim Walther, der nach der Veröffentlichung des Buches «Sicherungsbereich Literatur» als intimer Kenner der Verflechtungen von Stasi und DDR-Literaten gilt, fungieren als Herausgeber der Edition «Die Verschwiegene Bibliothek».