„Triennale der Moderne“

„Triennale der Moderne“: Dessauer Echo in Rotterdam

Dessau/Rosslau - Zur „Triennale der Moderne“ präsentiert das Bauhaus überraschende Erkenntnisse zu Walter Gropius’ Wirkung auf einen holländischen Fabrikanten.

Von Günter Kowa 23.09.2016, 19:00

Am 6. Mai 1926 berichtet Ise Gropius, Ehefrau des Bauhaus-Direktors, in ihrem konsequent in Kleinschreibung geführten Tagebuch über „3 holländer“ auf Besuch im Direktorenhaus: „ein architekt (Leendert) van der vlugt, mit seinem bauherrn (Klees van der) leeuw und einem ingenieur, die auf der reise durch deutschland begriffen sind, um die besten deutschen industriebauten kennenzulernen, da sie in holland eine große fabrik bauen wollen für tabak, tee und kaffee.“

Bald kam man sich auch atmosphärisch näher. „sehr angenehme menschen, vor allem der bauherr, ein noch junger mensch, schien sehr klug, lebhaft und interessiert. sie waren sehr entzückt über die bauten und luden uns dringend ein, sie in holland zu besuchen.“

Die Begegnung zwischen den entzückten Holländern und dem berühmten Architekten sollte tatsächlich ein neues Kapitel in der Geschichte der Moderne aufschlagen, das allerdings aufgrund von Kriegszeit und Dessaus Verschwinden hinter dem Eisernen Vorhang in Vergessenheit geriet.

„Triennale“ wirbt für das Erbe Gropius

Aber das Rotterdamer Fabrikgebäude überstand die Bombardierung der Stadt und ist vor wenigen Jahren unter der Ägide einer Stiftung nicht nur saniert und einer vielfältigen Nutzung zugeführt, sondern auch ins Unesco-Welterbe aufgenommen worden. Seitdem besinnt man sich auf beiden Seiten seiner Wurzeln.

Dazu gehört, dass die „Triennale der Moderne“ - ein Dessau-Weimar-Berliner Gemeinschaftsprojekt - am Beispiel der Rotterdamer Van-Nelle-Fabrik die „Simultanität der Moderne“ in den Blick nimmt, will sagen: die verblüffende Ähnlichkeit von zwei (fast) gleichzeitig entstandenen Projekten der modernen Architektur, wobei die Inspiration aus Dessau deutlich, aber nicht allein ausschlaggebend ist.

Der Direktor der Rotterdamer „van Nellefabriek“-Stiftung, Leonhard Koy, führte gestern gemeinsam mit Bauhaus-Kurator Werner Möller in die Ausstellung ein. Mit ihrer Eröffnung am Abend ging das Bauhaus Dessau im Triennale-Gemeinschaftsprogramm voran.

Die Veranstaltungen in den drei Städten, die „90 Jahre Bauhausbauten“ zum Anlass und die „Freiräume“ Walter Gropius’ zum Thema haben, füllen eine mehr als 30-seitige Broschüre. Es gibt Führungen, Touren, Gesprächsrunden, in Dessau auch einen „Radkreisel“ bei den „Sieben Säulen“.

Repräsentanten der „Triennale“ gaben gestern zu verstehen, dass sie mit der Veranstaltung auch das Erbe der Moderne bewusster machen und für mehr Verständnis werben wollen.

Bauhaus-Moderne rückt in den Fokus der Uni Weimar

Der Begriff „Freiräume“ sei nicht nur auf die Gestaltung von Außenanlagen bezogen, sondern auch auf die Absicht der Protagonisten der Moderne, für eine höhere Wohn- und Lebensqualität zu sorgen, wie der Berliner Landeskonservator Jörg Haspel sagte. „Die Moderne hat einen schweren Stand“, beklagte er, „sie wird immer noch unterschätzt.“

Mit den geplanten neuen Bauhausmuseen will man diesem Defizit abhelfen, auch die Weimarer Bauhaus-Universität plant eine regelrechte Offensive an Seminaren, Konferenzen und Initiativen, wie Prorektorin Jutta Emes ausführte, die als Professorin für Marketing und Medien dafür wohl auch ein Instrumentarium aufzubieten hat.

Man könnte allerdings fragen, ob die Fixierung auf die Bauhaus-Moderne, die angesichts der Triennale-Protagonisten verständlich ist, der Vielschichtigkeit und auch der Abgründigkeit der Moderne ausreichend gerecht wird, zumal der bruchlose „Fortschritts“-Diskurs schon lange nicht mehr unangefochten ist.

Auch wenn wohl niemand mehr einer reinen Heldengeschichte das Wort redet, so ist die Abwesenheit von Zwischentönen doch irritierend.

Von der mit dem großen Titel angekündigten Ausstellung ist man beim Rundgang auf der etwas abgelegenen Oberetage im Brückenflügel des Bauhauses ein wenig „unter-wältigt“. Das liegt nicht am unbestrittenen Überraschungspotenzial des Themas.

Die Entstehungsgeschichte der baulich und finanziell hoch ambitionierten Rotterdamer Fabrikgebäude ist eine echte Entdeckung, die Bezüge zwischen ihnen und dem Dessauer Bauhausgebäude lassen auf Schritt und Tritt erstaunen.

Jedoch kommt die Präsentation über eine Tafelausstellung kaum hinaus, auch wenn die Traggerüste vielerlei Anspielungen etwa auf die Fensterkonstruktion beider Gebäude machen.

Aber im Grunde geht man durch ein aufgeständertes Buch, das man dann wenigstens in Form eines Katalogs gerne mitgenommen hätte - jedoch, einen solchen gibt es nicht.

Zugegebenermaßen ist das reiche Material an historischen Bildern äußerst suggestiv präsentiert. Die Begegnung Leendert van der Vogt / Walter Gropius trug unübersehbar Früchte.

Vor allem fand die gläserne Vorhangwand unmittelbare Nachfolge in den Fassaden der Fabrik, und würde man in eines der Treppenhäuser in Rotterdam gebeamt, würde man sich vielleicht immer noch im Bauhaus wähnen.

Nicht zu übersehen ist auch die Familienähnlichkeit der Werkhallen mit den Dessauer Werkstatträumen, obwohl gerade da auch die Unterschiede bemerkenswert sind.

So sind Decken und Stützpfeiler in Rotterdam aus einem Guss, und die Rationalität des Dessauer Entwurfs ist dort fabriktauglich weiterentwickelt: Laufbänder, Rohrleitungen und Transport-Schwebebahnen verlaufen zwischen Fassade und Werkhalle.

Dass der Rotterdamer Unternehmer und sein Architekt auch Arbeitersiedlungen und für sich Villen im Dessauer Stil bauten, wundert dann gar nicht mehr. Und im April 1927 kam das Ehepaar Gropius tatsächlich zum freundlichen Gegenbesuch.

Bauhaus Dessau, bis zum 6. Januar, täglich 10-17 Uhr.

Volle Programmübersicht unter: www.triennale-der-moderne.de

(mz)