Stephen King

Stephen King: Das grausame Monster Zeit

Halle (Saale)/MZ. - Er ist in Parallelwelten unterwegs gewesen. In Städten, die er sich ausgedacht hatte. Und in Welten, von denen auch er selbst nicht wusste, ob sie in der Zukunft liegen oder in einer Vergangenheit weit vor dem Beginn unserer Zeit. Stephen King verkaufte mehr als 550 Millionen Exemplare seiner Bücher, mit schuhkartondicken Horror-Epen wie "Es" oder "The Green Mile" wurde der heute 64-Jährige zum König der modernen ...

Von Steffen Könau

Er ist in Parallelwelten unterwegs gewesen. In Städten, die er sich ausgedacht hatte. Und in Welten, von denen auch er selbst nicht wusste, ob sie in der Zukunft liegen oder in einer Vergangenheit weit vor dem Beginn unserer Zeit. Stephen King verkaufte mehr als 550 Millionen Exemplare seiner Bücher, mit schuhkartondicken Horror-Epen wie "Es" oder "The Green Mile" wurde der heute 64-Jährige zum König der modernen Gruselgeschichten.

Bei "Der Anschlag" nun ist alles anders. Das Buch, das im amerikanischen Original sehr viel schlichter, aber auch viel beziehungsreicher nach dem Datum des Attentats auf US-Präsident John F. Kennedy"11 / 22 / 63" heißt, zeigt einen Stephen King, der weder Blutorgien feiert noch Helden bemüht, die irgendwie, irgendwo, irgendwann das Böse aussaugen müssen.

King, zu dessen gewöhnlichen Stilmitteln seit seinem ersten Buchhit "Carrie" das Übersinnliche gehört, belässt es im 42. Anlauf bei einem Kunstgriff, der aus "Alice im Wunderland" entlehnt ist: Der Englischlehrer Jack Epping bekommt die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu reisen. Ein örtlicher Imbissbudenbesitzer hat den Eingang zum 9. September 1958 eines Tages in seiner Vorratskammer entdeckt und jahrelang als Möglichkeit genutzt, günstiges Fleisch im Damals einzukaufen. Nun ist er schwer krank und die eine große Aufgabe noch ungelöst: Jemand müsse, sagt er, ins Land des Einst gehen, um den aus den Geschichtsbüchern bekannten Anschlag auf Präsident Kennedy zu verhindern. Dann werde es keinen Vietnamkrieg geben. Kein Attentat auf MartinLuther King. Keine toten US-Soldaten, Keinen Präsidenten Nixon. Nur ein kleines Schräubchen muss gestellt werden, indem der Attentäter Lee Harvey Oswald gestoppt wird, ehe er abdrückt.

Der Preis dafür ist allerdings, das liegt an der gerissenen Versuchsanordnung, die King gewählt hat, dass der Retter des Präsidenten fünf Jahre in der Vergangenheit leben muss. Kein allzu schlimmes Schicksal, wie Jack Epping feststellt. Vor der Erfindung der Geschmacksverstärker schmecken die Dinge noch von sich aus kräftig. Außerdem ist alles so unfassbar billig! Als Epping dann auch noch ins Örtchen Jodie gerät und Freunde findet, verblasst die ursprüngliche Aufgabenstellung. 1963 ist weit weg, Kings Held lebt ein Kleinstadtleben, das in der Tonart von John Irvings "Garp und wie er die Welt sah" erzählt wird.

Es gibt keine Eile auf den rund 700 Seiten, die zwischen Eppings Einreise ins "Land des Einst" (King) und seinen Bemühungen zur Veränderung der Vergangenheit liegen. Stephen King gelingt vielmehr eine manchmal romantisch gefärbte, manchmal aber auch gnadenlose Liebeserklärung an das klassische Amerika der Straßenkreuzer, Fastfood-Diner und Vorstadt-Barbecues.

Jack Epping, der Mann aus dem Lande iPhone, bestaunt den ruhigen, gelassenen Gang der Dinge. Er hustet im allgegenwärtigen Zigarettenrauch. Er ist erschüttert über die wie selbstverständlich hingenommenen Regeln der Rassentrennung. Und er bemerkt, dass die Menschen selbst keine anderen sind als daheim: Es gibt garstige und gefährliche, aber auch nette und freundliche. Es wird natürlich eine Liebesgeschichte daraus. King erzählt sie mit einer literarischen Kraft, die seine Horrorgemälde schon recht lange nicht mehr zu zeigen vermochten. Sowohl Epping als auch seine neue Liebe Sadie sind keine Pappfiguren, die durch Kulissen geschoben werden. Sondern pralle, mit schlüssigen Biografien ausgestattete Figuren, denen man Zweifel und Angst glaubt.

Glauben muss man, damit "Der Anschlag" funktioniert. Denn Zweifel und Angst schlüpfen hier in die Rollen, die bei King sonst namenlose, aber sichtbare Monster spielen: Die Vergangenheit, merkt Epping schnell, will sich nämlich nicht ändern lassen. Sie ist störrisch, sie sträubt sich gegen Versuche, ihr neue Bahnen vorzuschreiben. Zugunsten dieser gefühlten Schwierigkeiten beim Ändern des Verlaufes der Geschichte verzichtet Stephen King weitgehend auf sonst in Zeitreise-Büchern übliche Gedankenspiele wie "Wenn ich meine Eltern daran hindere, sich zu treffen, werde ich nicht geboren - wie kann ich dann aber meine Eltern daran hindern, sich zu treffen?"

Stattdessen übt er sich wie eigentlich stets seit seinem schweren Unfall vor einigen Jahren darin, das neue Buch mit seinen älteren zu verschränken. Dallas, der Ort des Anschlages auf Kennedy, taucht in Träumen als "Derry" auf: Das ist der Ort, an dem "Es" vor einem Vierteljahrhundert wütete. Sein Mammutwerk "Der dunkle Turm" wirft ebenfalls einen Schatten auf die Welt, in der Epping darum ringt, nicht selbst derjenige zu sein, der durch seine Anwesenheit das auslöst, was er verhindern will.

Mehr als tausend Seiten lang ist das Unterhaltung auf höchstem Niveau, angereichert mit großen Gefühlen, tränenreichen Dramen und unfassbaren Tragödien. Es ist ein stiller, altersweiser Stephen King, der hier spricht. Ein Mann, der mit diesem Buch vielleicht sogar wirklich die Geschichte verändern wird, wenn auch nur seine eigene: "Horrorschriftsteller" wird ihn nun keiner mehr nennen können.