Steampunk

Steampunk: Die Zukunft der Vergangenheit

Halle (Saale)/MZ. - Die Tasten sind von einer alten AEG-Schreibmaschine, einer sehr alten. Unter der Oberfläche aber, die aussieht wie das Schreibgerät aus dem Sekretariat der "Nautilus" von Käpt'n Nemo, arbeitet ein normales PC-Keyboard. Dicke Beschläge aus Messing, runde Tasten aus Blech - in 52 Arbeitsschritten hat "Steamtux" seinem Computer eine Tastatur gebastelt, die weltweit einzigartig ist: Hightech mit einem Hauch Nostalgie, moderne Technik, die wirkt, als habe sie ein Uhrmacher aus dem 17. Jahrhundert ...

Von STEFFEN KÖNAU 11.02.2011, 18:12

Die Tasten sind von einer alten AEG-Schreibmaschine, einer sehr alten. Unter der Oberfläche aber, die aussieht wie das Schreibgerät aus dem Sekretariat der "Nautilus" von Käpt'n Nemo, arbeitet ein normales PC-Keyboard. Dicke Beschläge aus Messing, runde Tasten aus Blech - in 52 Arbeitsschritten hat "Steamtux" seinem Computer eine Tastatur gebastelt, die weltweit einzigartig ist: Hightech mit einem Hauch Nostalgie, moderne Technik, die wirkt, als habe sie ein Uhrmacher aus dem 17. Jahrhundert hergestellt.

Es ist eine wunderliche Parallelwelt, in der es MP3-Player mit glänzenden Kupfernieten, Plasma-Fernseher mit Zierschornsteinen und Smartphones mit Antriebskurbel gibt. All die Telefone, Kaffeemaschinen, Fernseher und Digitalkameras funktionieren, zumeist sogar ganz genauso wie ihre Brüder und Schwestern aus grauem Kaufhausplastik und Dünnblech. Zugleich aber sind sie Fantasieprodukte, eigens zum Staunen und Bewundern hergestellte Zeugnisse einer Zeit, in der die Vergangenheit eine andere Zukunft hervorgebracht hat als die normale, langweilige, altbekannte.

"Steampunk" nennt sich die Bewegung, die neuzeitliche Technik in einen Hauch Nostalgie hüllt. Wie der Name der Bewegung verrät, die von New York und San Francisco über China, Japan, Schweden bis nach Leipzig und Dresden ihre Anhänger hat, geht es um eine in der Kellerwerkstatt nachempfundene Entwicklung der Welt, die nie gewesen ist. Eine Welt ohne Elektrizität, eine Welt, angetrieben von Dampfmaschinen.

Was der Schriftsteller Jules Verne einst literarisch entwarf und der Regisseur Barry Sonnenfeld in seinem Kino-Hit "Wild Wild West" prächtig auf die Leinwand brachte, inszenieren die Freizeit-Kapitäne der Kupfer-Ära im Maschinenbau im echten Leben. Apples iPad etwa verpassen sie ein komplett neues Gehäuse aus Messing, in das auch noch eine Schicht Zahnräder eingearbeitet ist, die sich geheimnisvoll drehen und den Eindruck erwecken, als funktioniere das Computertablet wie eine mechanische Uhr. Andere Bastler haben Laptops verkleidet, so dass sie wirken wie archäologische Ausgrabungen aus den Indianerkriegen. Es gibt eine Kodak-Digitalkamera, die in keinem Winnetou-Film auffallen würde, elektrische Gitarren sehen aus wie direkt aus dem viktorianischen England importiert.

Die Grundidee mit dem Dampf hat ein Kunstgenre begründet, das von der etablierten Kunstkritik mit Nichtachtung gestraft wird, sich aber wie mit Krakenarmen in Popkultur, Werbung und Medien schlängelt. Kein Rammstein-Auftritt kommt ohne Schweißerbrillen und glühende Metallteile aus, auch die US-Band Smashing Pumpkins hat sich für ihre Videos vom Retro-Schick aus genietetem Blech und genageltem Holz inspirieren lassen. Die Kinofilme "Sleepy Hollow" und "Van Helsing" spielen ebenso mit Versatzstücken dieser Nicht-Zeit, die nie war, wie Computerspiele oder Werbekampagnen. Alles sieht alt aus, ist aber funkelnagelneu, Hightech-Hinterlassenschaften einer Vergangenheit, die durch die Nutzung des elektrischen Stromes nie Gelegenheit erhielt, eine zu werden. Steampunk-Fans, die sich in Deutschland unter anderem im Clockworker-Forum versammeln, um Bekleidungsmoden und handwerkliche Tricks zu diskutieren, treibt die Sehnsucht nach dem letzten Zeitalter, in dem Technik noch für jeden verständlich war. Ein Feuer erhitzte Wasser, das Wasser wurde zu Dampf, der Dampf trieb eine Turbine und die trieb Räder - was für ein Gegensatz zu einer Gegenwart, in der kein Computernutzer mehr weiß, wie sein Rechner mit sechs Kernen übertaktet arbeitet und kein Plasmafernsehnutzer mehr weiß, wie das Bild eigentlich durchs Weltall in sein Wohnzimmer kommt. Geschweige denn, dass er auch nur ahnt, wie er selbst einen HD-Bildschirm nachbauen sollte. Die Technik hat sich vom Menschen gelöst, sie funktioniert, aber niemand weiß mehr wie und warum. Beim Steampunk, als dessen Erfinder Jules Verne gilt, ohne dass der das Wort auch nur einmal benutzt hat, dreht sich die Erde andersherum. Handwerklich mehr oder weniger geschickt, auf jeden Fall aber mit viel Fantasie, werden aus handelsüblichen seelenlosen Laptops aus chinesischer Massenproduktion einzigartige Meisterwerke aus Holz, Kupfer und Glas. Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt, wer nicht selbst bauen will, kann auch kaufen, Steampuffin.com etwa bietet eine malerische iPhone-Dockingstation mit Kurbel und Marmorsockel schon für 150 Euro an.

Der Witz an der Kunst ist: Sie funktioniert auch noch. Ein vom Texaner Adam Rice hergestelltes Laptop, das aussieht wie eine Skulptur und mit einer eigens eingebauten Morsetaste so tut, als sei es wirklich nie zur Erfindung der Mikroelektronik gekommen, ist nicht nur zusammengefummelte Mechanik, sondern ebenso arbeitsfähig wie das iPhone mit der altertümlichen Wählscheibe. Ganz im Gegensatz zu den Einzelstücken, die die Internetseite Worth 1000 gesammelt hat: Die CD-Player mit Handkurbel, Motorrad-Sättel und zu Morsegeräten umgebauten Handys hier sind alle elektronisch hergestellt. Mit Hilfe des dampflos arbeitenden Computerprogramms Photoshop.