Stasi-Studie

Stasi-Studie: Strittmatter «verhinderte» 1961 die Festnahme von Grass

BERLIN/MZ. - Erwin Strittmatter warzerknirscht. Zumindest tat er so, als ob.Der Autor und 1. Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandesbedauerte, "die Verhaftung nicht veranlasstzu haben", sprach von einem "Fehler" und "sagtezu, in Zukunft so zu handeln", wie es dasMinisterium für Staatssicherheit wollte. Sojedenfalls steht es in einem Aktenvermerkdes MfS vom 19. August 1961. Der Mann, derwenige Tage nach dem Mauerbau hätte verhaftetwerden sollen, war kein Geringerer als GünterGrass, zwei Jahre vorher als Autor des Romans"Die Blechtrommel" weltweit in Erscheinunggetreten und 38 Jahre später zum Literatur-Nobelpreisträgergeadelt. Christian Booß, früher Sprecher derStasi-Unterlagen-Behörde und jetzt dort Projektkoordinatorfür Bildung und Forschung, hat die Umständein einer neuen Studie unter Auswertung derStasi-Akte Strittmatters offen ...

Von MARKUS DECKER 05.10.2011, 11:38
Günter Grass sollte von der Stasi verhaftet werden (FOTO: DPA)
Günter Grass sollte von der Stasi verhaftet werden (FOTO: DPA) dpa

Erwin Strittmatter warzerknirscht. Zumindest tat er so, als ob.Der Autor und 1. Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandesbedauerte, "die Verhaftung nicht veranlasstzu haben", sprach von einem "Fehler" und "sagtezu, in Zukunft so zu handeln", wie es dasMinisterium für Staatssicherheit wollte. Sojedenfalls steht es in einem Aktenvermerkdes MfS vom 19. August 1961. Der Mann, derwenige Tage nach dem Mauerbau hätte verhaftetwerden sollen, war kein Geringerer als GünterGrass, zwei Jahre vorher als Autor des Romans"Die Blechtrommel" weltweit in Erscheinunggetreten und 38 Jahre später zum Literatur-Nobelpreisträgergeadelt. Christian Booß, früher Sprecher derStasi-Unterlagen-Behörde und jetzt dort Projektkoordinatorfür Bildung und Forschung, hat die Umständein einer neuen Studie unter Auswertung derStasi-Akte Strittmatters offen gelegt.

Dass der heute 83-jährige Grass Objekt desMfS war, ist seit längerem bekannt. Der JournalistKai Schlüter hat im vergangenen Jahr ein Buchvorgelegt mit dem Titel "Günter Grass im Visier.Die Stasi-Akte". Viele kleine und ein paargroße Inoffizielle Mitarbeiter beteiligtensich an der Observation - darunter Strittmatterund Hermann Kant, langjähriger Präsident desDDR-Schriftstellerverbandes.

Akte mit 700 Seiten

Die Einschätzung der Staatssicherheitlautete, Grass sei "sehr begabt", seine Haltungzur DDR jedoch leider "feindlich-negativ".Am 18. August 1961 wurde die Akte Grass eröffnet.Sie schwoll schließlich auf stattliche 700Seiten an. Zwei Tage zuvor freilich kam esfür die Stasi zu einer "peinlichen Situation".Und hier kommt Strittmatter ins Spiel.

Grass und sein ebenfalls in West-Berlin lebenderwestdeutscher Autorenkollege WolfdietrichSchnurre statteten ihm nämlich am 16. August1961 einen Besuch ab. Und das nicht einfachnur so. Sie übergaben Strittmatter einen Protestbriefgegen den Mauerbau. Was sie nicht wussten:Strittmatter war nebenamtlich Geheimer Informantdes MfS mit dem Decknamen "Dollgow". Was ihrGlück war: Strittmatter versäumte es, dasMfS unverzüglich über Grass‘ Besuch in Ost-Berlinin Kenntnis zu setzen. Er informierte stattdessen- dies angeblich "sofort" - den zuständigenMitarbeiter der Kulturabteilung des Zentralkomiteesder Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands,älteren Zeitgenossen noch bekannt als ZK derSED. Der Mitarbeiter in der Kulturabteilungwiederum leitete die Information an die Sicherheitsabteilungdes ZK weiter.

Erst von dort gelangte die Mitteilung ansMfS - zu spät natürlich. Grass und Schnurrewaren längst wieder weg. Der Panne folgteStrittmatters Reuebekenntnis und die Entscheidungder Sicherheitsexperten des ZK, "die beidenSchriftsteller auf die Liste derjenigen Personenzu setzen, denen das Betreten des demokratischenSektors nicht gestattet ist". Mit demokratischemSektor war Ost-Berlin gemeint.

Nun kann niemand mit Sicherheit sagen, obGrass und Schnurre an jenem 16. August 1961tatsächlich verhaftet worden wären. Allerdingslautete die Devise schon seinerzeit: "Wermit feindlichen Losungen auftritt, ist festzunehmen."Sehr wahrscheinlich, so Stasi-Forscher Booß,wäre die Festnahme zum Zwecke der Abschiebungerfolgt - und das heißt zum Zwecke der Abschreckung.Schließlich war Kalter Krieg. Die Frontenwaren weit verhärteter als in der finalenPhase der DDR.

Zwiespältiges Verhältnis

Danach entwickelte sich das Verhältnisdes Blechtrommlers zur Deutschen DemokratischenRepublik äußerst zwiespältig. Mitte der 70erJahre nahm er an geheimen Schriftstellertreffenin Ost-Berliner Wohnungen teil; mit dabeiunter anderem Günter Kunert und Manfred Krug.

Die Stasi war über ihren IM "Schäfer" bestensinformiert. Es handelte sich um KarlheinzSchädlich, den Bruder des SchriftstellersHans Joachim Schädlich. Sie schritt aber nichtein. Schließlich war die Zeit der Entspannungspolitikangebrochen. In den 80er Jahren wurden inder DDR zunächst "Das Treffen in Telgte" undbald darauf "Die Blechtrommel" verlegt. Grasskam zu Lesungen, im April des Jahres 1988auch in die hallesche Moritzkirche, auf Einladungder Evangelischen Akademie. Die Stasi notiertebei derlei Gelegenheiten gern: "Grass undseine Frau waren sauber und ordentlich gekleidet."Eine Festnahme war damals außerhalb jederVorstellungskraft.

In dem von Grass übergebenen Protestbriefvom 16. August 1961 heißt es übrigens: "Stacheldraht,Maschinenpistole und Panzer sind nicht dieMittel, den Bürgern ihres Staates die Zuständein der DDR erträglich zu machen." Strittmatterantwortete: "Wir haben diese Maßnahmen begrüßt,weil sie notwendig waren, um einen Kriegskeimzu ersticken."

Das Dichterpaar Eva und Erwin Strittmatter (vorn) 1980 während einer Lesung im Berliner Schloss Friedrichsfelde. (FOTO: DPA)
Das Dichterpaar Eva und Erwin Strittmatter (vorn) 1980 während einer Lesung im Berliner Schloss Friedrichsfelde. (FOTO: DPA)
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