Schriftsteller Wolfgang Hilbig

Schriftsteller Wolfgang Hilbig: „In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“

Leipzig - Als 2007 der Schriftsteller Wolfgang Hilbig starb, wusste die literarische Öffentlichkeit sofort, was mit dem 65-Jährigen verloren war. Nicht einfach ein Autor, sondern ein außerordentlicher, über keinen Ost-Kamm zu scherender Dichter, ein Erzähler und Poet von weltliterarischem Format, der es geschafft hatte, die Erfahrung der nachproletarischen DDR in die Moderne ...

Von Christian Eger 30.08.2016, 17:11

Als 2007 der Schriftsteller Wolfgang Hilbig starb, wusste die literarische Öffentlichkeit sofort, was mit dem 65-Jährigen verloren war. Nicht einfach ein Autor, sondern ein außerordentlicher, über keinen Ost-Kamm zu scherender Dichter, ein Erzähler und Poet von weltliterarischem Format, der es geschafft hatte, die Erfahrung der nachproletarischen DDR in die Moderne einzuspeisen.

Ein aus einem analphabetischen Haushalt stammender Autor, der nie zum literarischen Betrieb gehören wollte, dessen Werk aber von seinen Kollegen mit Hingabe gelesen, dessen anarchisches Naturell bewundert wurde. Mancher seiner Buchtitel gewann formelhaften Ruhm. Der 1979er Lyrikband „Abwesenheit“ („wie lang noch wird unsere abwesenheit geduldet / keiner bemerkt wie schwarz wir angefüllt sind / wie wir in uns selbst verkrochen sind / in unsere schwärze“), die Prosatitel „Alte Abdeckerei“ oder „Das Provisorium“. Letzteres ein Ost-West-Roman, in dem Hilbig über die Figur des ihm nicht unähnlichen Schriftstellers C. mitteilt: „Er hatte an der DDR, so wie sie war, nichts zu kritisieren, er hielt das für zwecklos.“ Was meinte: grundsätzlich sinnlos. Zeilen, die man kannte. Bücher, die man las. Verfasst von dem unter Autoren wirkmächtigsten Ostautor nach Fühmann und Heiner Müller.

Gedicht zum Tod von Hilbig

„In Deutschland gibt es keine Dichter mehr“, eröffnete denn auch 2007 der Leipziger Thomas Kunst sein Gedicht zum Tod von Hilbig. Das Verswerk traf das Empfinden der Stunde und es ist ein gültiges Gedicht bis heute, an diesem Mittwoch, an dem der aus dem sächsischen Meuselwitz stammende Dichter 75 Jahre alt geworden wäre. Kunsts Gedicht eröffnet das neue Sonderheft der Edition „Poesiealbum“, das unter dem Titel „Wolfgang Hilbig 75“ insgesamt 60 zwischen 1971 und 2016 verfasste Gedichte sammelt, die aus der Begegnung mit Hilbig und seinem Werk schöpfen. Zu den 55 Autoren gehören unter anderen Wilhelm Bartsch, Kurt Drawert, Peter Gosse, Durs Grünbein, Christine Hoba, Uwe Kolbe, Christian Kreis, Clemens Meyer und André Schinkel.

Zusammengestellt wurde das Heft von Volker Hanisch. Der Germanist gehört zum Vorstand der 2011 gegründeten, in Leipzig ansässigen Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft. 45 Mitglieder zählt der Verein „vom Meuselwitzer Kleinstadtbürger bis zum Hochgermanisten“, wie Hanisch sagt. „Hilbig soll nicht in Vergessenheit geraten“, laute das Ziel der Gesellschaft. Besteht die Gefahr bei einem Klassiker mit siebenbändiger Werkausgabe? „Schwer zu sagen“, erwidert Hanisch. „Dass Hilbig nur eine Randgruppe bedient, ist klar. In Meuselwitz ist er bis heute schlecht gelitten, hat den Ruf eines Trinkers und Boxers. Politisch stand er gegen alle Systeme.“ - Der Verein tut, was er kann. Das ist einiges. Und folgenreich. Ein internationales Hilbig-Jahr ist ausgerufen. 2017 erscheint die große Hilbig-Biografie von Michael Opitz. Clemens Meyer setzt sich für einen Hilbig-Literaturpreis der Stadt Leipzig ein. Und es wird der 75. Geburtstag gefeiert: mit Lesungen, einem Radiofeature und der „Poesiealbum“-Premiere am 5. Oktober um 19.30 Uhr im Leipziger Antiquariat Central. (mz)