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Puppen Puppen: Größte Figurensammlung Mitteldeutschlands

Von Maria Böhme 09.11.2012, 18:21

Halle (Saale)/MZ. - Nach Marie dreht sich kein Mann um. Ein Grauschleier überzieht das zerkratzte Gesicht. Die einst kobaltblauen Augen schwimmen. Nur der spitze, kirschrote Mund erinnert an die Kunst des keuschen Flirts, die sie einst beherrschte. Schauen, Wegdrehen, Schauen, Lächeln. Obwohl nicht mal 20 Jahre alt, hat Marie den Auftritt ihres Lebens bereits hinter sich.

"Sie spielte die Marie in Therese Thomaschkes Inszenierung ,Nussknacker und Mäusekönig‘ im Puppentheater Magdeburg", erzählt Ilonka Zauleck. Zärtlich streicht die 60-Jährige Marie mit der rechten Hand übers bespitzte, pastellfarbene Kleid. Rückt die mit funkelnden Steinen besetzte Gürtelschnalle in Form einer Schleife zurecht. Mit festem Griff hält sie die Puppe am Rücken befestigten Führknauf.

Die studierte Bühnen- und Kostümbildnerin ist Maries Patin. Und ihr größter Fan. "Sie ist einfach anders. Besonders", schwärmt Ilonka. Ein durchsichtiges Wesen habe sie und trotzdem einen eigenen Kopf. Irgendwie gehöre sie nicht hierher. In die Gegenwart. In die Welt.

In Gedanken scheint die Puppenliebhaberin im Jahr 1995 zu sein. Als die Holzfigur in der Hauptrolle der Marie auf der Bühne lebendig wurde und zu Weihnachten einen Nussknacker bekam. Der entwickelt in der Erzählung von E.T.A. Hoffmann ein Eigenleben und zieht gegen den Mäusekönig des Hauses in den Krieg. Nach der Inszenierung verschwand Marie.

Die Berlinerin schenkte ihr jetzt ein zweites Leben, als sie die junge Frau aus einem Karton befreite. In dem hatte der einstige Bühnenstar die vergangenen Jahre im Fundus des Puppentheaters Magdeburg gelegen und gewartet - auf Publikum. So wie über 1 600 andere Figuren. Gemeinsam mit Marie haben es davon über 800 geschafft, wieder im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Denn in zwei Wochen soll die größte öffentliche Figurenspielsammlung Mitteldeutschlands in einer Magdeburger Fachwerk-Villa eröffnet werden, direkt neben dem Puppentheater. Mit insgesamt über 1 000 Ausstellungsstücken, darunter daumen- aber auch überlebensgroße Figuren. Einige sind Jahrhunderte alt. Wie der Mandarin, Amtsträger im kaiserlichen China, den vermutlich der Magdeburger Johann Schichtl um 1870 baute.

Viele Figuren reisten weit für ihren zweiten Auftritt: Die Leihgaben stammen unter anderem aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Paul Klee Zentrum Bern oder der Augsburger Puppenkiste. Eines habe alle gemeinsam: "Die haben alle mal gespielt, alle mal gelebt", formuliert es der Intendant des Magdeburger Puppentheaters Michael Kempchen. 2002 hat der heute 54-Jährige bereits mit dem Gedanken gespielt, Puppen auszustellen, deren Bühnenkarriere beendet ist. Heute, über eine Million Euro später, kann sein Theater eine einmalige Sammlung in der eigens sanierten und modernisierten Villa vorstellen. "Wir zeigen die Entwicklung des Puppenspiels vor dem Hintergrund wechselnder Ideologien und Systeme vor allem in Mitteldeutschland", sagt der gebürtige Stendaler. Das sei einzigartig in Deutschland.

An der Puppen-Befreiungsaktion ist Ilonka Zauleck maßgeblich beteiligt. Die gebürtige Senftenbergerin ist Maries Patin und damit Spenderin: Mit ihrem Geld soll Maries Gesicht, Körper, Kleid und Mütze vom Grauschleier befreit werden und damit die Ewigkeit überdauern.

So wie Ilonka fühlen sich mittlerweile über 230 Paten für eine ausgestellte Puppe verantwortlich. Sie haben zwischen 50 und 500 Euro für die Restauration investiert. Darunter Prominente wie der Handballer Stefan Kretzschmar, der sich um ein Dornröschen aus dem Jahr 1973 kümmert, und die Schauspielerin Manon Straché ("Lindenstraße", "Girl Friends").

Außerdem ist Ilonka für die Gestaltung vieler der 19 Ausstellungsräume verantwortlich. Ein Traumjob, wie die verträumte Frau mit den dunkelbraunen Murmelaugen findet. "Es ist das schönste, was mir passieren konnte." Sie zupft an ihrem braunen Bob und seufzt: "Den ganzen Tag spielen."

Für den Job zog die Freiberuflerin mit ihrem Mann vorübergehend nach Magdeburg. Das Puppentheater engagierte Franz Zauleck als Gastkostümbildner für die Weihnachtsproduktion. So entstand auch der Kontakt zu dem Figurenprojekt. Jetzt lebt das Ehepaar zusammen in einer Einraumwohnung, 200 Meter von Theater und Sammlung entfernt. Wie die Studenten. Nach 40 Jahren Ehe und zwei gemeinsamen Kindern. "Eine tolle Erfahrung."

Seit September arbeitet Zauleck in der Villa. Elf Stunden am Tag. Manchmal auch am Wochenende. Sie packt die Kartons aus, befreit die Puppen vom Staub, bügelt ihre Kleider. "Aufdämpfen" nennt Ilonka das. "Richtig putzen tue ich die nicht. Die haben eben Gebrauchsspuren und die wollen wir auch zeigen." Auch an Marie solle man sehen, dass sie einfach gelebt hat. "Sie ist ja keine Porzellanpuppe, die nur auf dem Sofa herumgesessen hat." Man dürfe nicht vergessen: Marie habe hart gearbeitet.

Ilonka arrangiert die Puppen im Erdgeschoss der Villa. Nicht alle Puppen seien ihr sympathisch, sagt sie leise, als könnten sie die Figuren hören. Trotzdem sei die Geschichte jeder Einzelnen spannend. "Es fasziniert Menschen einfach, wie man einem toten Gegenstand Leben einhauchen, wie man ihm eine Seele geben kann", erklärt Intendant Kempchen die Bewunderung, die viele Menschen für Puppen empfinden.

Im Erdgeschoss, dort, wo auch Marie ihr Comeback feiert, wirft die Schau einen Blick auf die vergangenen 60 Jahre Puppentheater-Geschichte. Beginnend mit der Gründung des Magdeburger Theaters im Jahr 1958, über den Beginn des Ensemblepuppenspiels in der DDR und die Gründung des Fachbereichs Puppenspiel an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin bis hin zu der Abwicklung vieler Puppentheater in den 90er Jahren.

Die Puppen geben den gesellschaftlichen Entwicklungen und Ideologien Gesichter, beispielsweise die Judenpuppen, aus dem Dritten Reich, die im Erdgeschoss hängen. Dort wo die Puppen-Evolution in Jahrhundertschritten, beginnend 1 500 vor Christus, angerissen wird. Dort erfährt der Besucher, dass der Jude seit dem frühen 19. Jahrhundert zu den Standardfiguren des Jahrmarktkaspertheaters gehörte. Sie verkörperte den wuchernden, betrügerischen Händler. Im selben Raum sind Figuren zu sehen, die an der Front und im Konzentrationslager gebastelt wurden. Von der schlichten Ästhetik der DDR künden die Stabpuppen im Erdgeschoss.

"Bei meiner Arbeit kommen so viele Erinnerungen hoch", sagt Ilonka. "Ich erlebe hier meine Kindheit noch mal." Auch ihre ersten Berufsjahre lässt sie in der Villa Revue passieren. Für die Defa hat sie damals gearbeitet. Sich unter anderem um die Ausstattung von "Pittiplatsch und Schnatterinchen" und dem "Polizeiruf 110" gekümmert, bevor sie an verschiedenen Opern- und Theaterhäusern in Berlin, Leipzig und Potsdam beschäftigt war. Ein bewegtes Berufsleben, das in Magdeburg zur Ruhe kommt.

Nach vielen Jahren in Festanstellungen, ist die kreative, leidenschaftliche Frau heute froh, ihren eigenen Weg zu gehen. Was nach Magdeburg kommt, weiß sie nicht. Noch ist viel zu tun. Auspacken, Abstauben, Arrangieren. In zwei Wochen wird alles vorbei sein. Was bleibt: Marie.