Nachbar Eichmann

Nachbar Eichmann: „Altensalzkoth“ - So spannend kann regionales Theater sein

Celle/MZ - Respekt! So spannend kann regionales Theater sein. In Celle, einer hübschen niedersächsischen Kreisstadt von 70 000 Einwohnern, hat man den Stier bei den Hörnern gepackt und Heimatgeschichte der anderen Art auf die Bühne gebracht. „Altensalzkoth“ heißt das von Peter Schanz geschriebene und inszenierte Dokumentarspiel, das jetzt im liebevoll hergerichteten barocken Schlosstheater uraufgeführt worden ...

Von Andreas Montag

Respekt! So spannend kann regionales Theater sein. In Celle, einer hübschen niedersächsischen Kreisstadt von 70 000 Einwohnern, hat man den Stier bei den Hörnern gepackt und Heimatgeschichte der anderen Art auf die Bühne gebracht. „Altensalzkoth“ heißt das von Peter Schanz geschriebene und inszenierte Dokumentarspiel, das jetzt im liebevoll hergerichteten barocken Schlosstheater uraufgeführt worden ist.

Was es dort, am südlichen Eingang zur Lüneburger Heide, Aufregendes zu verhandeln gäbe? Adolf Eichmann zum Beispiel. Der Schreibtisch-Massenmörder, der die „Endlösung der Judenfrage“ organisierte, hat von 1946 bis 1950 mit gefälschten Papieren unter dem Namen Otto Heninger in der Gegend gewohnt. Als Holzfäller erst, dann als biederer Hühnerhalter und Eierhändler. Nachbar Eichmann also. Natürlich hat niemand auch nur eine Ahnung davon gehabt, wer das war. Wie es immer und überall gewesen ist in Deutschland nach dem Ende des letzten großen Tötens, das selbstverständlich auch niemand gewollt oder gar unterstützt hat. Ebensowenig wie den Herrn Hitler.

Und um das Konzentrationslager Bergen-Belsen geht es auf der Bühne, Bergen-Belsen liegt auch gleich nebenan, die ankommenden Häftlinge sind über die Straßen getrieben worden. Und auch davon hat niemand in Celle gewusst. Das Böse war immer draußen, jenseits der sauberen Fachwerkhäuschen. Und Nazis sind die anderen gewesen.

Das ist scharf, was die Celler Truppe ihrem Publikum zumutet. Im Sonntagsstaat sind Frauen und Männer gekommen, reifere Jahrgänge zumeist, und sie nehmen die Provokation an. Aufmerksam und mit starkem, rhythmischem Applaus am Ende der 100-minütigen Aufführung. „Vor 20 Jahren hätten die das hier nicht spielen können“, sagt ein gesetzter Herr im Hinausgehen zu seiner Begleiterin.

Darin liegt, neben einer leise erschauernden Bewunderung, auch die Botschaft der Aufklärung: Nichts ist vorbei, solange nicht offen darüber gesprochen worden ist. Aber es ist immerhin möglich inzwischen, Worte zu finden. Gehört zu werden. An Worte zu erinnern. Und an Taten. Nicht der Druck muss verschwinden, sondern der Dreck, der aus den Ecken stinkt.

Das Celler Ensemble leistet diese Hilfe zur Selbsthilfe mit großem Mut und offener Brust. Das Stück „Altensalzkoth“, benannt nach dem Ort, in dem Eichmann lebte, bis alte Seilschaften ihm den Fluchtweg nach Argentinien bahnten, versteht sich dabei weniger als Anklage, sondern vielmehr als zeitgeschichtlicher Zustandsbericht aus der engeren Heimat.

Die wird durch eine Fototapete im Bühnenhintergrund markiert. Deutscher Wald auf Heideboden, ein Hauch von Ewigkeit. Nur ist eben kein Gras über die nationalsozialistische Vergangenheit gewachsen, und zwischen den Stämmen der Bäume schimmert die verunsicherte Nachkriegsgesellschaft auf: Nach dem „Zusammenbruch“ kommen Engländer und Amerikaner ins Land, sogar „Neger“ sind dabei, die sich aber ganz manierlich betragen.

Und dann ist dieses Lager da, die unzähligen Toten. Und die Überlebenden, ausgemergelte Juden, „Displaced Persons“ genannt, die frei sind und auf ihre Ausreise nach Palästina warten. Vor denen hat die „Volksgemeinschaft“ Angst, plündernd könnten sie das Land überziehen, die ehemaligen Kriegsgefangenen obendrein. Und die Flüchtlinge aus dem Osten kommen noch dazu. Unbehaglich ist es geworden, die deutschen Werte sind bedroht, fürchten jene, denen Ordnung über alles geht.

Peter Schanz hat Zeitzeugenberichte von Einwohnern und auch die dokumentierte Hassrede aufgearbeitet, die eine Nazifrau nach dem Krieg noch halten durfte, dazu Berichte überlebender Opfer. Ein Mann, der nun in Israel lebt, ist in Bergen-Belsen als Kind geretteter Häftlinge geboren worden.

Sein Vater, sagt er, habe noch Jahre später in seinen Träumen geschrien, die Mutter saß tagelang in der Wohnung, den Blick auf das abgedunkelte Fenster gerichtet, und schwieg. Was für eine beschissene Kindheit, sagt der Mann. Und dass er froh ist, selber keine Kinder zu haben: damit es aufhören kann. Diese Szene gehört zu den emotionalsten des Abends. Andere Bilder sind nüchterner, manche auch in bestem Wollen belehrend. Das fangen die Darsteller zum Glück selber wieder ein: Was machen wir hier eigentlich, Volkshochschule?

Warum eigentlich nicht?, heißt die Gegenfrage. Wenn es doch nötig ist. Nicht nur in Celle. Hier soll ja auch gar nicht versucht werden, eine Region an den Pranger zu stellen. Nur haben die Theatermacher begriffen, dass Geschichte immer konkret ist: Das Mitmachen, das Wegsehen, das Vertuschen. Ein Wissen um Schuld, das sich, bleibt es unbesprochen, über die Generationen vererbt.

Eichmann geistert als böse Puppe in seiner Biedermann-Strickjacke durch den Abend. Unser Eichmann, der vom israelischen Geheimdienst aus Argentinien entführt und 1961 in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde, dort zum Tode verurteilt und in der Nacht auf den 1. Juni 1962 hingerichtet.

Einmal zieht sich ein junger Schauspieler ein NPD-Jäckchen an. Bergen-Belsen, sagt er, war doch kein Vernichtungslager. Keine Gaskammer, nichts. Und dass dort Menschen an Hunger und Krankheiten krepiert sind? Es war schließlich Krieg... So nah kommt diese Inszenierung den Dingen im Heute. Bis es schmerzt.

Nächste Aufführungen: Freitag und Samstag jeweils 20 Uhr.