MZ im Gespräch mit Fritz Rau

MZ im Gespräch mit Fritz Rau: «Bester Kofferträger der Welt»

Halle/MZ. - Herr Rau, Sie sind gelernter Jurist. Was hat Sie auf so etwas Wildes wie die populäre Musik gebracht?

16.04.2007, 16:35

Herr Rau, Sie sind gelernter Jurist. Was hat Sie auf so etwas Wildes wie die populäre Musik gebracht?

Rau: Das hat im Jahr 1945 begonnen, mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Im Gegensatz zu meinem Partner Horst Lippmann, der von der Gestapo als "Swing-Heini" verfolgt worden war, im Gegensatz zu solchen Helden des privaten Widerstands also, war ich ein strammer Hitlerjunge. Für mich brach 1945 alles zusammen, für mich gab es nur Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit.

Sie waren 15 Jahre alt...

Rau: Ich habe damals sogar ein Gedicht geschrieben: "Wir sind das Strandgut unserer Zeit / Wir stehen nahe am Nichts / Gebt mir nur ein paar Schritte weit / Ins neue Leben das Geleit / Und einen Schimmer Lichts." Aber dieses Licht war Klang und kam aus dem Radio: Swing und Jazz und Blues. Die Musik hat mich an Geist und Seele entnazifiert. Eine Welt hat sich mir eröffnet, das hat mich verfolgt, auch als Jura-Studenten in Heidelberg.

Sie haben Platten gekauft?

Rau: Das Geld dafür habe ich mir vom Mund abgespart. Und ich bin immer wieder per Anhalter nach Frankfurt in den Jazzkeller gefahren. 1954 habe wir einen eigenen Jazzklub gegründet und im nächsten Jahr habe ich mein erstes Konzert organisiert - mit Albert Mangelsdorff, vor 1 400 Zuhörern in der Stadthalle - zu einer Zeit, da in den kleinen Klubs meist nur 80 Leute die deutschen Jazz-Musiker hörten.

War da bereits eine Entscheidung für das Leben gefallen?

Rau: Überhaupt nicht. Der Jazz war für mich zunächst das, was dem Fußballfreund das Spiel bedeutet: die wichtigste Nebensache der Welt. Und die Hauptsache war das Studium. Aber die Nächte im Cave-Club wurden immer länger, die Vorlesungsbesuche am nächsten Morgen immer weniger. Als ich die 1 400 Menschen für mein erstes Konzert auf die Beine gebracht hatte, engagierte mich Horst Lippmann als Kofferträger für die Tournee "Jazz at the Philharmonics" des großen amerikanischen Impressarios Norman Grant. Und ich wurde der beste Kofferträger der Welt.

Wessen Koffer trugen Sie denn?

Rau: Ich habe Ella Fitzgerald erlebt, Oscar Peterson, Dizzy Gillespie... Später haben Lippmann und Rau die erste Platte von Eric Clapton produziert, da war er 17. Und wir, Horst Lippmann und ich, haben damals all die schwarzen Blueshelden nach Europa geholt. Das war unser Weg zur Rockmusik.

Und wann stiegen Sie ganz ins Veranstaltergeschäft ein?

Rau: Ich war geheiratet worden und musste meine Familie mit zwei Kindern ernähren, also arbeitete ich neben dem Studium - und später als Gerichtsrefendar - weiter als Tourneeleiter. Und dann hat mir Horst Lippmann angeboten, sein Partner zu werden - obwohl ich kein Vermögen hatte. Da hatte die Welt einen Anwalt weniger und einen Konzertveranstalter mehr.

Der juristische Hintergrund wird Ihnen nicht geschadet haben?

Rau: Im Gegenteil: Er hat mir sehr geholfen. Als Anwalt hätte ich davon gelebt, Prozesse zu führen, jetzt leben wir in einer prozessfreudigen Branche und versuchen, Rechtsstreitigkeiten durch bessere Verträge zu vermeiden.

Nun treten Sie kürzer, vor wenigen Wochen sind Sie 77 Jahre alt geworden.

Rau: Und die Rolling Stones haben wieder angerufen und gratuliert - obwohl ich gar keine Tourneen mehr unternehme. Das nennt man Freundschaft. Es liegt am Blues, von dem wir herkommen. Das hält alles noch an.

Und Sie sind weiter für den Nachwuchs am Start - als Schirmherr des "f6 Music Awards".

Rau: Die Arbeit mit den jungen Musikern liegt mir sehr am Herzen. Und der Wettbewerb hat sich gut entwickelt über zehn Jahre. Jetzt sind sogar die Konzerte zu den Vorausscheidungen gut besucht.

Doch das Geschäft ist unterdessen schwieriger geworden.

Rau: Nein. Früher war war es genauso schwierig. Heute gehen 1 000 Mal mehr Menschen zu Konzerten als früher. Zu Jimi Hendrix kamen 1969 2 000 Leute in die Jahrhunderthalle nach Frankfurt.

Der Markt ist jetzt doch komplizierter als früher.

Rau: Stimmt nicht. Sie brauchen nur eine neue Band zu entdecken und aufzubauen - schon sind sie im Geschäft. Sie dürfen bloß nicht auf die Hitparade schielen. Wer schnell viel Geld verdienen will, muss Grundstücksmakler oder Banker werden.

Es gibt aber Bands, die es trotz Talent einfach nicht schaffen.

Rau: Es kommt darauf an, ob die Musik akzeptiert wird. Wir haben hier die härteste Demokratie der Welt, weil man für seine Stimmzettel bezahlen muss. Aber Sie haben Recht: Es bleibt viel Talent auf der Strecke dabei. Das war allerdings auch schon immer so. Zur Zeit der Beatles gab es Tausende Liverpool-Bands. Wo sind sie geblieben?

Trotzdem sagen Sie: Der jungen Musikszene geht es gut.

Rau: Es gibt nur ein Handicap: Wir brauchen die Medien. Aber im Fernsehen kommt oft nur volkstümliche Musik. Das schreibe ich mit "Dora". Hier wird ein falsches Heimatgefühl entwickelt, das letzten Endes niemandem nützt. Und dann gibt es noch "Deutschland sucht den Superstar". Doch niemand wird über Nacht zum Superstar. Dafür braucht es viel Arbeit. Und zu Dieter Bohlen fällt mir nur ein Zitat von Sigmund Freud ein: "Der Verlust der Scham ist der Beginn der Idiotie".

Aber die Show findet ein Riesenpublikum bei Jugendlichen.

Rau: Auch Kampftrinken kommt riesig an! Aber lassen Sie mich nichts über Alkoholhändler sagen, sonst werde ich eingesperrt... Immerhin kümmern sich Rundfunk und Fernsehen neuerdings auch um junge deutsche Bands. Wir haben ja sogar einmal gemeinsam mit anderen eine Quote dafür gefordert - obwohl ich eigentlich dagegen bin, dass der Staat die Musik reguliert. Nun haben sich die Sender besonnen, sie spielen Silbermond, Juli, Wir sind Helden, Rosenstolz... Das macht mich froh.

Und wie finden Sie Tokio Hotel?

Rau: Die Jungs sind überraschend gut. Ich habe sie mit meinen Enkeln im Konzert gehört. Um Himmels Willen, diese Faxenmacher, dachte ich erst. Aber das haben andere auch gemacht, erinnern wir uns an Kiss oder Alice Cooper.

Und sonst? Die liefern für ihr Alter ein sehr gutes Live-Konzert ab. Ob sie mal groß werden, weiß ich freilich nicht.

Sie haben vor 50 Jahren mit dem Musikgeschäft begonnen - wird es den Rock'n'Roll in abermals 50 Jahren immer noch geben?

Rau: Das kann ich nicht sagen. "Leben kann man nur voraus", heißt es bei dem Philosophen Søren Kierkegaard. Aber Leben verstehen kann man nur im Blick zurück. Darum gebe ich gern Auskunft.