Musiklegende

Tod eines Unsterblichen: Freddie Mercury, der König von Queen

Vor 30 Jahren starb Freddie Mercury - einer der größten Popstars. Bis zum letzten Tag hatte der Queen-Sänger sein Geheimnis vor der Öffentlichkeit geheimgehalten.

Von Steffen Könau 24.11.2021, 15:36
Freddie Mercury, wie er von der Welt gesehen werden wollte.
Freddie Mercury, wie er von der Welt gesehen werden wollte. imago images/Mary Evans

Halle/Budapest/MZ - Es war eng vor der Bühne, eng, heiß und gefährlich, bei diesem ersten, letzten und einzigen Auftritt der Gruppe Queen hinter dem Eisernen Vorhang. Es ist der 27. Juli 1986 und Mike Kilian, damals gerade Mitte 20, ist nach Budapest gefahren, um die vielleicht größte Show der Rockwelt der 80er zu erleben. Queen im Népstadion der ungarischen Hauptstadt. Freddie Mercury, der Mann mit der unverwechselbaren Stimme und dem Charisma eines Messias live auf der Bühne.

Die einzige Chance im Osten

Kilian, mit seiner Band Rockhaus in der DDR selbst ein Star, hat die einmalige Chance, den womöglich größten Star jener Jahre im Konzert zu erleben, sofort ergriffen. „Und dann stand ich  vor der Bühne, direkt vor Freddie, und die Security schüttete zur Abkühlung Wasser ins Publikum“, erinnert er sich. Die Massen um ihn herum hätten sich  bewegt. „Ich wurde fast zerquetscht und ein paar Meter nach links geschleift.“

Dort steht  Mercurys Flügel, das Instrument, auf dem er Stücke wie „Bohemian Rhapsody“ und „Somebody to Love“  geschrieben hat. Hymnen, die den Ruhm seiner Band begründeten. Mike Kilian hängt eingeklemmt  zwischen 80.000 Menschen. „Das Konzert flog nur so an mir vorbei“, sagt er heute, „es war wie ein Rausch.“

Der geht schneller vorbei als irgendjemand an diesem Abend ahnt. Ganze fünf Auftritte wird Freddie Mercury noch  haben, den letzten nur 13 Tage nach Budapest zum Abschluss der „Magic“-Tour vor 120.000 Fans im  Knebworth Park. Danach zieht der Sänger, gerade 45 Jahre alt, die Konsequenzen aus dem, was er die Welt um keinen Preis wissen lassen will: Der Mann, der sich nach dem Götterboten  „Mercury“ nennt, ist an Aids erkrankt. Es fehlt ihm an Kraft, die gewaltigen Live-Inszenierungen seiner Band zu tragen.

In Budapest weiß niemand, dass dies hier ein Abschied für immer ist.  Auf der Bühne lässt Mercury, der eigentlich Farrokh Bulsara heißt, das Publikum  nicht einen Moment lang spüren, dass er krank ist. „Er sang sogar ein ungarisches Volkslied, den Text hatte er sich auf die Handfläche geschrieben“, erzählt Mike Kilian, der so nah vor der Bühne steht, dass ihn Rockhaus-Fans Jahre später  im Livemitschnitt des Konzertes entdecken werden.

Freddie Mercury ist auf diesen letzten Metern seiner Bühnenkarriere noch einmal der Dompteur der Zehntausende, der unnachahmliche Zeremonienmeister der Stadiongesänge und ein Einpeitscher bei harten Rocknummern wie  „We will rock you“. Als Sohn eines indischstämmigen britischen Botschaftsangestellten  auf Sansibar geboren und nach gewalttätigen Übergriffen auf die Religionsgemeinschaft der Parsen im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern nach Großbritannien geflüchtet,  strebte der ehemalige Internatsschüler ein Leben lang genau hierher. Mit 23 lernt der Designstudent Mercury die Mitglieder der Band Smile kennen, bei der er sich als Roadie nützlich macht. Als Smile den Sänger verliert, springt  Freddie ein - er verpasst der Band einen neuen Namen, ein  Logo mit Löwen, Drachen und Kronen und einen neuen musikalischen Stil, der das Quartett unverwechselbar macht.

„Ich will kein Rockstar sein“, teilt Mercury seinen Bandkollegen Brian May, Roger Taylor und John Deacon damals mit, „ich will eine Legende werden!“  Ein Ziel, das der  Mann mit dem  wandlungsfähigen Bariton von der ersten Probe an unerbittlich verfolgt. Queen spielen Rock auf ihrer ersten Single „Keep Yourself Alive“ und  Vaudeville-Schlager im ersten Hit „Killer Queen“. Sie wagen es, mit „Bohemian Rhapsody“ eine fast sechs Minuten lange dreiteilige Rockoper zu veröffentlichen und drehen dazu das erste Video der Popgeschichte.

1977 sitzt Freddie Mercury auf dem Pop-Thron. Er singt nicht nur „We are the Champions“. Er ist das unumschränkte Gesicht einer Kapelle, die Hits wie am Fließband produziert, ohne auf Erwartungen Rücksicht zu nehmen oder sich selbst zu kopieren.

Suche nach dem Glück

Mercury müsste nun glücklich sein. Doch er ist es nicht. Die größte Stimme ihrer Generation sucht die Liebe erst bei Frauen, dann bei Männern,  in Drogen, Ausschweifungen und Orgien, in Montreux und München, New York und London. Aber am Ende wird Mercury immer wieder so enttäuscht, dass allein seine Katzen namens Delilah und Romeo seine Zuwendung empfangen.

Über seinen Gesundheitszustand schweigt er selbst gegenüber seinen Bandkollegen. Der vor drei Jahren mit weltweitem Erfolg gezeigte Queen-Film „Bohemian Rhapsody“ korrigiert die Geschichte in diesem Punkt nachträglich. Damals widerspricht Mercury Gerüchten über eine Infektion mit einem perfide perfekten Satz: Er habe „einen Test gemacht und mir geht es gut.“

Keine Lüge, keine Wahrheit. Für Freddie Mercury kann es keinen kranken Rockgott geben, keinen normalen Menschen hinter dem Bild der unsterblichen Legende, die er sein will. Bis zuletzt kommt er ins Studio und singt, erst am Tag vor seinem Tod setzt er die Öffentlichkeit von seiner Krankheit in Kenntnis. Zwei Wochen zuvor hatte Freddie Mercury beschlossen, keine Medikamente mehr einzunehmen. Am 24. November 1991 um zwölf Minuten vor sieben Uhr abends stirbt der Sänger und Komponist an den Folgen einer Lungenentzündung.

Seit seinem Tod war Freddie Mercury mit Queen häufiger auf Platz 1 in den Charts als zuvor, allein das 1995 erschienene, postum fertiggestellte Album „Made in Heaven“ verkaufte sich beinahe so oft wie bis dahin alle anderen Queen-Alben zusammen.