Kunstprojekt

Heimatlieder vom Mann, der Melodien malt

Der singende Maler Peter Piek hat im Lockdown Heimatlieder geschrieben, zu denen er Bilder schuf. Als nächstes wird er eine Brücke über einen Fluss bemalen.

Von Steffen Könau 17.11.2021, 09:31 • Aktualisiert: 18.11.2021, 13:48
Peter Piek in seinem Studio-Atelier.
Peter Piek in seinem Studio-Atelier. Foto: Andreas Stedtler

Er war ein Traumort für ein Kind, zumindest für dieses. Peter Piek lief immer wieder ganz allein von daheim dorthin, wo die Wasser flossen, zur Zschopau, die aus dem Erzgebirge kommt und sich später in die Freiberger Mulde ergießt. Der Junge war fasziniert von der Vorstellung, dass ein Fluss immer der gleiche ist, aber nie derselbe.

Piek, ein großer, schlaksiger Mann, der in Chemnitz aufwuchs und heute in Leipzig lebt, hat die Tage nie vergessen, an denen er am Ufer entlangwanderte. Der Junge, der er damals war, fragte sich, wo der Fluss wohl herkomme und wohin er noch wolle, flüsternd dahingleitend und manchmal windgepeitscht, schmal und dann wieder breiter, von der Sonne beschienen und vom Regen zum Steigen gebracht. Der Erwachsene nun ist herumgekommen in der Welt, Piek hat in ganz Europa gemalt, in China war er auf Tournee, und er hat in Skandinavien und Osteuropa gesungen. Nun aber hat er sich auf seine Kindheitstage am Wasser besonnen.

Naturbilder, die der studierte Maler Piek als Musiker in ein Livealbum übersetzt hat. „Walking Zschopau“ ist ein spätes Dankeschön an einen Fan, den der 40-jährige Sänger, Gitarrist und Keyboarder vor Jahren auf seiner ersten Tour in den USA getroffen hatte. Melissa aus New York wünschte sich ein Livealbum von Piek - ein Wunsch, den das Multitalent, das in China eine große Fangemeinde besitzt, jetzt erfüllt hat.

Allerdings ohne Publikum: Der Auftritt, bei dem zwölf Songs mitgeschnitten wurden, fand in Pieks Galerie in Leipzig statt, mitten im Lockdown. Parallel zu den Songs, die zum Teil live entstanden, schuf der Künstler zudem Gemälde, die wie sichtbare Übersetzungen der Musik funktionieren. „In Resonanz treten“, nennt Piek das, denn er geht stets ohne Plan auf die Suche nach Formen, Farben und Melodien.

Melodien in Farbe

Auf dem Nachfolger der im vergangenen Jahr erschienenen CD „The Time Travelling“ finden sich so neue Stücke wie das Pandemie-Lied „Blood“, aber auch neu arrangierte Piek-Klassiker wie „I want you“. Allen gleich ist, dass der zuletzt mit Synthesizern experimentierende Musiker zurückgefunden hat zur Gitarre, mit der er seine Karriere begann. Piek, ein langer Schlacks mit einer Stimme, die an Kate Bush oder den Radiohead-Sänger Thom Yorke erinnert, hat für sein sechstes Album Lieder geschrieben und ausgesucht, die auf jede Art von Effekthascherei verzichten. Es gibt kein Schlagzeug, keinen Bass, keine Streicher. Nur den Fuß, der den Rhythmus stampft, die Gitarre und die Piek-Stimme, die von der Sehnsucht der Blume nach der Biene oder von Reisen mit einem blauen Flamingo erzählen.

Das Motiv der Wanderung entlang von Stätten, die bekannt sind und unbekannt zugleich, führt direkt in die Erlebniswelt von Millionen Menschen, die in den Monaten der Kontaktverbote, Ausgangssperren und der geschlossenen Grenzen zurückgeworfen wurden auf ihre nächste Umgebung. Peter Piek, der eigentlich Peter Piechaczyk heißt, schafft so den Gegenentwurf zu seinem Album „Time Travelling“, das der Soundtrack einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn war. Im Waggon komponierte und spielte Piek die Musik für ein Road- oder besser Schienen-Movie, das der hallesche Filmemacher Denis Herzog auf der legendären Strecke gedreht hatte.

An Bord des Bahnwaggons mit Kanonenofen und blinden Scheiben, war Piek zur Improvisation gezwungen. Das Rattern der Räder gab den Rhythmus, das Pfeifen der Lok bestimmte zuweilen die Tonart. Beim virtuellen Wandern entlang seines Kindheitsflusses dagegen unterzieht der 39-Jährige seine eigenen Kompositionen einer Generalinventur: Was hält dem Zeitlauf stand, was muss verändert werden?

Gespielt wurden die Lieder dann live in einem Zug, in einem Corona-Konzert ohne Publikum. Nur ein Raum voller Gemälde also, mit denen Peter Piek in Resonanz gehen konnte. Die Single „Blood“ ist die erste Auskopplung einer für die Krise sinnbildlichen Schaffensphase: Ein Song, der aus der Perspektive des Wassers erzählt wird. In „Home“ versetzt Peter sich dann in die Perspektive einer Blume, die sich nach der Nähe einer Hummel sehnt. Und bei „Human“ sitzt er plötzlich am Klavier und klingt, als sei John Lennon wiederauferstanden, um alle Grenzen zwischen den Genres zu verwischen. „Ich bin ein Mensch, du bist ein Mensch“, flüstert Piek. Der Song „Binoculars“ dann ist ein Lied über willkürliche Grenzen, die von Menschen gezogen werden, die einteilen und trennen, was zusammengehört.

Bei Peter Piek sind das schon immer Malerei und Musik gewesen. Doch als er sich nach dem Zivildienst in einem Altenheim an der renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst einschreibt, fühlt er sich schnell als Sonderling und Exot. „Ich wollte die Musik so wenig für die Malerei aufgeben wie die Malerei wegen der Musik“, sagt er. Ausgerechnet der weltweite Erfolg der Maler der Leipziger Schule, hat er damals beobachtet, habe das Schaffen des Künstlernachwuches normiert. „Er erzeugte eine unerbittliche Vermarktungslogik: Male wie der oder der, dann verkaufst du gut!“ Kurz vor dem Diplom hat der Wahlleipziger damals alles hingeworfen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Ins Unbekannte

Ein schmaler Pfad ins Unbekannte ist das, in Untergrund-Galerien und kleinen Klubs. So untypisch Peter Piek als Maler mit seinen runden und bunten Abstraktionen ist, so wenig ist er als Musiker das, was landläufig als Liedermacher bezeichnet wird. Parallel zum Album hat Piek Bilder geschaffen, zur selben Zeit und im selben Raum wie die Musikaufnahmen, die auf „Walking Zschopau“ zu einer Ohrenreise einladen.

Eine doppelte Resonanz, die demnächst lauter zu hören sein wird: Für seine Heimatstadt Chemnitz, europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2025, wird Piek demnächst eine 408 Meter lange Brücke bemalen. Eine Brücke über die Zschopau natürlich.

›› Der Künstler im Netz:

peterpiek.com