Lost Places

Lost Places: Verlassen und vergessen in Leipzig

leipzig/MZ - Da stehen sie nun, die Bauwerke, die seit mehr als 20 Jahren auf Neunutzung warten: Brikettfabriken, Wasserwerke, Hotels, Bunker und Privatwohnungen. Während die Innenstädte im Osten zu großen Teilen renoviert sind, gibt es daneben immer noch die Relikte einer 1989 untergegangenen Gesellschaft zu ...

Von mathias schulze
Schwungvoll geht es hier nach oben: Die ehemalige Hauptpost am Leipziger Augustusplatz steht unter Denkmalschutz - und leer.

Da stehen sie nun, die Bauwerke, die seit mehr als 20 Jahren auf Neunutzung warten: Brikettfabriken, Wasserwerke, Hotels, Bunker und Privatwohnungen. Während die Innenstädte im Osten zu großen Teilen renoviert sind, gibt es daneben immer noch die Relikte einer 1989 untergegangenen Gesellschaft zu sehen.

So auch in Leipzig. Dort startete der 36-jährige Regisseur Enno Seifried im Jahr 2011 den Versuch, die Geschichte und die Zukunft von verlassenen Gebäuden filmisch zu dokumentieren. Mittlerweile sind drei Teile von „Lost Places - Storys aus Leipzig“ entstanden. Wie bei den Vorgängern verlief das Crowdfunding auch für den abschließenden dritten Teil äußerst erfolgreich, über 22 000 Euro kamen innerhalb weniger Stunden zusammen. „Es ist vielleicht nicht unbedingt das Thema, was den Erfolg ausmacht. Wir sind an einer Crowd dran, die sich aus allen Altersstufen rekrutiert“, sagt Seifried.

Ein unverfälschter Blick

So bieten die Filme jüngeren Zuschauern Anregungen, zeigen Möglichkeiten einer heutigen Nutzung dieser Orte: Geocacher, Sprayer, Parcour-Sportler, Golfer und Fotografen tummeln sich in den Ruinen. Dort ist eine vergessene Architektur und das Versprechen auf einen unverfälschten Blick ins Vergangene zu finden. Hin zum Geheimnis, zum Verborgenen, zum Alleinsein, zum Echten. Bombastische Klänge und schnelle Kameraschnitte weichen in Seifrieds Dokumentation immer dann, wenn Zeitzeugen in den Vordergrund treten. Diese berichten fern jeglicher Profilierungssucht, untermalt mit klassischer Musik, vom Arbeitsalltag in der DDR. Die verstrichene Zeit ist den Gesprächspartnern ins Gesicht geschrieben.

Seifried lässt die Dreharbeiten Revue passieren: „Manche Interviewpartner hatten sich etwas notiert und dann, nach 20 Minuten, haben sie den Zettel weggelegt. Wir saßen dann bis zu vier Stunden und haben uns unterhalten.“

Die historischen Suchbewegungen sind den Leuten vor und hinter der Kamera anzumerken. Niemand filmt hier mit einem bereits schon fertigen Weltbild. Die Zeitzeugen berichten von ihren Empfindungen und berühren damit auch diejenigen, die im Westen ihre Sozialisierung erfuhren. Viele der finanziellen Unterstützer des Projekts kommen tatsächlich aus den alten Bundesländern.

Im Film sorgt ein sonniger Kamerablick und die warme Stimme der Sprecherin Nina Maria Föhr, die die Interviews mit historischen Fakten umrahmt, für eine Romantisierung des Morbiden. Dann prallen Sorgen auf Sorgen und Vergangenheit auf Zukunft.

So wird das Leipziger Hotel „Astoria“ vorgestellt und ein ehemaliger Kellner berichtet, wie Walter Ulbricht dort Schokolade gegessen hat. Wie die ehemalige Hauptpost am Augustusplatz auch, so steht das Hotel „Astoria“ unter Denkmalschutz - und seit Jahren leer. Auch der Schriftsteller Clemens Meyer („Als wir träumten“) betritt für „Lost Places“ noch einmal die Orte seiner Jugend. Weiterhin sind das Bahnbetriebswerk Leipzig-Wahren, die Bleichert-Werke, der Lindenauer Hafen und das stillgelegte Kraftwerk Thierbach zu sehen.

Das Ende der Ruinen-Romantik

Authentizität ist Seifrieds stärkste Waffe. Er lässt die Zeitzeugen-Stimmen unkommentiert und zieht sie auch nicht zu einem übergeordneten West-Ost-Systemvergleich zusammen. Differenzierende Einblicke in die Ökonomie der DDR sollte man aber nicht erwarten.

Abschließend blickt ein Entsorgungstechniker voraus: „In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren gibt es in Mitteldeutschland genug zu bauen. Die Ruinen-Romantik wird irgendwann vorbei sein.“

Die drei „Lost Places“-Dokumentationen von Enno Seifried halten eine Übergangszeit fest. Sie sind eine liebevolle Erinnerung an die alte Bausubstanz, setzen sich für eine behutsame Neugestaltung durch die Kreativwirtschaft ein und verraten viel über heutige Sehnsüchte.

„Lost Place - Storys aus Leipzig 3“ ist deutschlandweit in ausgewählten Kinos zu sehen.

Die Filmtrilogie ist erhältlich unter: www.lostplace-dokfilm.de

Seit 1999 vom Netz: das Kraftwerk Thierbach südlich von Leipzig