Kunstschaffende der DDR

Kunst in der DDR: Bärbel Bohley - DDR-Oppositionelle und vergessene Künstlerin

Berlin - Die populärste DDR-Oppositionelle, die Berliner Malerin Bärbel Bohley, geriet durch Aktivismus wie in der DDR-Gruppe „Frauen für den Frieden“ oder „Initiative Frieden und Menschenrechte“ als Künstlerin in die Vergessenheit.

Von Christian Eger

Im November 1989 war es vorbei. Ausgerechnet in jenen Tagen, als die staatlichen Verhältnisse in der DDR zu tanzen begannen, ging der Berliner Malerin Bärbel Bohley ihr Beruf verloren. Die populärste DDR-Oppositionelle ließ Pinsel und Palette liegen. „Im Prinzip war der ganze Herbst 89 ein einziges Kunstwerk“, sagte Bärbel Bohley Jahre danach. „Beuys wäre bestimmt begeistert gewesen.“

Noch einmal hatte die 1945 geborene Künstlerin, die bis 1974 Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert hatte, für eine Grafikmappe 50 Blätter zu liefern. Sie färbte Kartonpapiere schwarz und schrieb mit weißer Kreide darauf: „Manchmal ist Kunst abwesend! Bärbel Bohley Nov. 89“.

Aus dem „manchmal“ wurde ein „für immer“. So war es nicht geplant. Als sie 1996 für ein EU-Hilfsprojekt nach Kroatien zog, nahm Bärbel Bohley ihre Staffelei und Pinsel mit. Zum Malen ist sie auch dort nicht gekommen. An Krebs erkrankt, kehrte sie 2008 nach Berlin zurück, wo sie 2010 starb.

Warum hatte sie 1989 aufgehört zu malen? „Sie konnte frei Politik gestalten, was ihr zuvor immer verweigert worden war“, sagt Anselm Bohley, 1970 geborener Sohn aus der Ehe mit dem halleschen Maler Dietrich Bohley. Endlich Politik. Nach zweifacher Haft im Berliner Stasi-Knast. Nach einem Zwangsaufenthalt in England 1988.

Biermann: Oh, ihr Verrückten!

Im Jahr darauf gehörte Bärbel Bohley zu den Mitgründern des Neuen Forums. Sie wollte nicht keine, sondern eine freiheitliche DDR. Und sie wollte alle sammeln, die das auch wollten. Ende Oktober 1989 lud sie den 1976 ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann zu einem Auftritt bei der Großdemonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz ein. Das Telefonat nach Hamburg wurde von der Stasi mitgeschnitten.

Biermann: „Oh, ihr Verrückten, Ihr wunderbar Verrückten. Ich, ich will das gerne, natürlich!“ Bohley: „Also, du musst!“ Am Grenzbahnhof Berlin-Friedrichstraße wurde Biermann gestoppt. Bärbel Bohley begegnete er im September 1990 bei der Besetzung der Stasizentrale in der Berliner Normannenstraße.

Wolf Biermann sieht man dieser Tage wieder. Im Berliner Martin-Gropius-Bau steht seine von Sabina Grzimek gestaltete Büste am Eingang der Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“, veranstaltet von der Deutschen Gesellschaft. Die Schau begreift Biermanns Ausbürgerung als Zäsur.

Die Ausstellung ist keine wie andere zuvor, nicht in der Sache, nicht in der Präsentation. Keine Kulturgeschichts-, sondern eine reine Kunstausstellung. Das ist die Stärke der Schau - und ihre Schwäche. Auf einen Einführungstext wird verzichtet, die Künstler haben keine Lebensdaten, jeweils ist nur ein Statement zu lesen. „Die Schau setzt ganz auf die Autonomie der künstlerischen Werke“, sagt Christoph Tannert, der gemeinsam mit Eugen Blume die Ausstellung kuratierte. Die will zeigen, dass es entgegen primitiver Verdikte eine tatsächlich eigenständige „andere“ Kunst in der DDR gegeben hat.

„Abstandshaltungen und die Versuche der Distanznahme zum DDR-Machtapparat hatten vielerlei Kunst-Gestalt“, wird die Schau beworben. Nicht ohne Poesie. Demnach lautet die „Kernfrage“ der Kuratoren: „Wie wird das Gedächtnis nach all den nationalen Ost-West-Vergleichen wieder frei für Geschichte? Wer sind in ihr die eigentlichen Helden?“ Nun ja, Bärbel Bohley ganz sicher nicht. Von ihr ist kein einziges Bild zu sehen.

Werk ohne Verzeichnis

Warum fehlt Bohley? „Sie fehlt nicht“, sagt Christoph Tannert über die Künstlerin, die er dem Ostberliner „Sensualismus“ zurechnet. „Sie bietet ein ästhetisches Maß, das wesentlich unter anderen Positionen liegt.“ Die künstlerische Leistung sei etwas anderes als das politische Engagement. Zudem: „Die protestierende Haltung findet man in dem Werk nicht.“

Aber stimmt das denn? In der Schau sieht man nicht wenige Bilder, die in Thema und Machart auch Bohley bietet. Allegorische Greifvögel (Biermanns „preußischer Ikarus“), gesichtslose Frauenakte, Figurationen der sozialen Abwesenheit. 1988 hatte Bohley die Kaltnadelradierung „Niemandsland“, ein Blatt, das neun in sich selbst gefangene Menschen zeigt, an den DDR-Staats-Chef Honecker geschickt. Auch wenn, was Tannert ausdrücklich erklärt, viele, vor allem oft ausgestellte Künstler in der Ausstellung nicht gezeigt werden: gerade Bohley fehlt.

Warum? Bärbel Bohley ist der seltene Fall einer DDR-Künstlerin, die nicht allein in die oppositionelle Existenz, sondern in die oppositionelle Aktion gegangen war. Der DDR-Künstlerverbands-Chef Willi Sitte hatte das begriffen. Er bezeichnete 1983 „die Bärbel Bohley und ihren familiären Anhang als eine bekannte staatsfeindliche Sippe“ und forderte die „kurzfristige Herauslösung derselben aus den Verbandsfunktionen“.

1982 gehörte die Malerin zu den Mitgründern der DDR-Gruppe „Frauen für den Frieden“, 1986 der „Initiative Frieden und Menschenrechte“, hochbrisante Angelegenheiten. Es stimmt nicht, was immer wieder zu hören ist, dass sich „dissidentische“ Künstler ausschließlich um Kunst gekümmert hätten. Bohley sah es so: „Wenn ich nur hätte malen wollen, wäre ich mit 30 aus der DDR weggegangen.“

Der künstlerische Nachlass von Bärbel Bohley ist Eigentum ihres Sohnes. Rund 1.000 Werke, entstanden zwischen 1969 und 1989. Zweimal hat Anselm Bohley bei der Stiftung Kunstfonds die Förderung eines Werkverzeichnisses beantragt. Zweimal vergeblich. Begründen muss das die Stiftung nicht.

Bärbel Bohley hatte sich 1989 gegen Ausstellungen entschieden. Es gab Anfragen, sagt Anselm Bohley. Auch Bitten um Verkäufe. Aber dem hätte sich seine Mutter entzogen. Sie habe aus ihrer politischen Popularität nicht als Malerin Kapital schlagen wollen.

„Man muss einen Preis für die Freiheit zahlen“, sagte die Philosophin Hannah Arendt. Die Politikerin Bärbel Bohley zahlte ihn mit dem Verlust der öffentlichen Wahrnehmung als Künstlerin.

„Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“: bis 26. September, Berlin, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchner Str. 7., Mi-Mo 10-19 Uhr, Di geschlossen

(mz)