„Königin der Instrumente“

„Königin der Instrumente“: Warum die Orgel in diesem Jahr ein Jubiläum feiert

Halle (Saale) - Sage und schreibe 50.000 Orgeln gibt es Deutschland. „Das ist bezogen auf die Fläche und Einwohnerzahl die höchste Dichte weltweit“, sagt Michael G. Kaufmann von der Hochschule für Kirchenmusik in ...

Von Kai Agthe

Sage und schreibe 50.000 Orgeln gibt es Deutschland. „Das ist bezogen auf die Fläche und Einwohnerzahl die höchste Dichte weltweit“, sagt Michael G. Kaufmann von der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg.

„Die Orgellandschaften sind seit dem Barock über die Romantik bis in die Gegenwart gewachsen, es gibt nord-, mittel- und süddeutsche Eigenarten“, so der Experte. Gespielt werden diese Orgeln von rund 3.500 hauptberuflichen und vielen Tausend ehrenamtlichen Organisten.

Orgel zum „Instrument des Jahres“ gekürt

Mag die Orgel wegen ihres gewaltigen Klanges und ihrer prächtigen Erscheinung als „Königin der Instrumente“ bereits seit Jahrhunderten hochgelobt sein, so sei es dennoch an der Zeit, das Klangwunder stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken.

Das meinten 12 Landesmusikräte der Bundesrepublik und kürten die Orgel zum „Instrument des Jahres“ - und mit Iveta Apkalna die Organistin der Hamburger Elbphilharmonie zur diesjährigen Schirmherrin.

Keine Orgel ist wie die andere

„Keine Orgel ist wie die andere; jede ist an die Akustik des Raumes angepasst, in dem sie erklingt. Die prächtigen Instrumente in Kirchen und Konzertsälen sind Meisterwerke des Instrumentenbaus und der Feinmechanik“, begründeten die Landesmusikräte ihre Entscheidung.

Neben der Einzigartigkeit einer jeden Orgel in der Bundesrepublik war für die Wahl ebenso entscheidend, dass Deutschland zu den wichtigsten Ländern für die Weiterentwicklung des Orgelbaus und der Orgelmusik zählt. Beides wurde im Jahr 2017 von der Unesco als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt.

Silbermann und Ladegast

Ursprünglich das abendländische Hauptinstrument der Liturgie, das die Feierlichkeit der Gottesdienste steigert, symbolisiert die Kirchenorgel mit ihrem vielstimmigen Klang seit gut einem halben Jahrtausend auch den Zusammenklang zwischen himmlischer und weltlicher Sphäre.

Vor gut zwei Jahrhunderten begann die Orgel auch Einzug in das bürgerliche Musikleben zu halten, als in den großen Städten zwischen Ostsee und Alpen solche Instrumente in Konzerthäusern errichtet wurden.

Allein Mitteldeutschland ist eine Orgellandschaft von kaum zu überblickendem Reichtum: Gottfried Silbermann (1683-1753) etwa gilt als einer der bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauer der Barockzeit. Von den 50 Neubauten seiner Werkstatt haben 31 die Zeitläufte überdauert und prägen die Orgellandschaft Sachsen nachhaltig.

Verbreitung in ganz Europa

In Silbermanns Nachfolge stand in der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhundert Friedrich Ladegast (1818-1905) aus Weißenfels, dessen Instrumente in ganz Europa Verbreitung fanden. Unter den 120 Neu- und Umbauten seiner Werkstatt ist die zwischen 1853 und 1855 im Merseburger Dom in das barocke Prospekt eingebaute Orgel mit 81 Registern, für die unter anderem Franz Liszt (1811-1886) komponierte, wohl die bedeutendste.

Auch in der Gegenwart entstehen noch immer spektakuläre Orgeln. Wie etwa die 2008 eingeweihte, 93 Register umfassende Hauptorgel des Magdeburger Domes der Firma Schuke aus Werder (Havel). Schuke ist einer von mehr als 300 Handwerksbetrieben, in denen derartige Instrumente gebaut und restauriert werden.

Orgel im Kleinformat

Stellt man sich Orgeln immer groß und gewaltig vor, so ist die Orgelbaufirma Sauer aus Müllrose (Brandenburg) jüngst den umgekehrten Weg gegangen und hat eine kleine, hölzerne Baukastenorgel gefertigt, mit der die Handwerkskammer Frankfurt (Oder) und der Landesmusikrat Brandenburg verstärkt in Schulen um Nachwuchs für den Beruf des Orgelbauers und das Musizieren auf der Orgel werben wollen.

Die Orgel im Roman

Auch in die Literatur ist die Orgel eingegangen. Am subtilsten sicherlich bei dem österreichischen Schriftsteller Robert Schneider. In dessen zunächst von 24 Verlagen abgelehnten, 1992 im Reclam-Verlag Leipzig erschienenen und später in 36 Sprachen übersetzten Erfolgsbuch „Schlafes Bruder“ verfügt die Hauptfigur Elias Alder, Sohn eines Bergbauern in Vorarlberg, über eine musikalische Begabung, die sich in einem für alle Zuhörer ergreifend schönem Spiel am Orgeltisch bekundet.

In seinem bislang letzten Roman „Die Offenbarung“ (2007) spielt die Orgel sogar eine zentrale Rolle. In diesem erzählt Schneider die Geschichte des Musikforschers Jakob Kemper aus Naumburg, der ein fiktives und „Die Offenbarung“ betiteltes Spätwerk von Johannes Sebastian Bach im Gehäuse der Hildebrandt-Orgel der Stadtkirche St. Wenzel findet, das dessen Leben aus den Fugen geraten lässt. (mz)

››Mehr Informationen unter:

www.instrument-des-jahres.de