Die Freude am Finden

Handschriftliche Komposition von Carl Friedrich Abel in Köthen wiederentdeckt

Eine kleine Sensation: Der Gambenvirtuose Thomas Fritzsch hat in Köthen die Handschrift einer Komposition von Carl Friedrich Abel wiederentdeckt.

Aktualisiert: 16.4.2021, 22:30

Köthen - Lieber von Gainsborough gemalt als vom Leben gezeichnet. Dieser leicht abgewandelte Kalauer trifft auf Carl Friedrich Abel (1723-1787) in beiderlei Hinsicht zu. Der aus Köthen stammende und nach 1760 in London gefeierte Komponist und Gambensolist wurde mindestens zweimal von Thomas Gainsborough (1727-1788) im Bild festgehalten, der einer der bedeutendsten englischen Porträt- und Landschaftsmaler des 18. Jahrhunderts war.

Die Ehre, vom ersten Porträtisten seiner Zeit auf Leinwand gebannt zu werden, lässt erahnen, welche Rolle Abel im Musikleben der Hauptstadt des britischen Empire spielte. Auf der anderen Seite habe der Alkoholismus das ganze Leben Abels durchzogen, der sich zuletzt „in den Tod getrunken hat“, wie der Musiker Thomas Fritzsch (60) sagte.

Noten von Abel in Köthen wiederentdeckt

Der renommierte Gamben-Virtuose stellte jetzt im Köthener Schloss eine Notenhandschrift Abels vor, die er Anfang 2019 im Museum der Stadt wiederentdeckt hatte. Leider fehlte in dem Manuskript der „Sechs Trios Opus 3 für zwei Violinen, Cembalo und Violoncello“ ein Viertel der insgesamt 61 Seiten. Eine schöne Entdeckung, die zugleich mit einem schmerzlichen Verlust verbunden war. Umso größer war die Überraschung als vor nunmehr drei Wochen die verschollenen 15 Seiten der Handschrift gefunden wurden.

In Vorbereitung der Sonderausstellung hatten Museumsmitarbeiter auch ein Konvolut mit Archivalien überprüft: Zwischen Dokumenten des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann, der von 1821 bis 1834 in Köthen praktizierte, fanden sich die vermissten Notenblätter von Abels Opus Nr. 3. „Ich war von diesem Fund so fasziniert, dass ich ihn bis Mitternacht des Fundtages mit Hilfe weiterer Abel-Quellen entschlüsselte und feststellen konnte, dass es sich bei den gefundenen Manuskripten tatsächlich um die bislang vermissten Blätter handelte, die vermutlich bereits im 19. Jahrhundert durch unglückliche Umstände verlegt wurden“, sagt Fritzsch.

Gamben-Virtuose findet Wekre von Bach und Telemann

Es ist nicht die erste musikhistorisch bedeutsame Entdeckung, die ihm gelungen ist. Zu den spektakulärsten Funden des in Freyburg (Unstrut) lebenden Künstlers zählen Abels „2nd Pembroke Colection“ und dessen Gambenkonzerte in A-Dur und G-Dur, Sonaten von Johann Christian Bach sowie die verschollen geglaubten „12 Fantaisies pour la Basse de Violle“ von Georg Philipp Telemann, für deren Welt-Ersteinspielung Fritzsch 2017 mit einem Echo Klassik geehrt wurde.

Mag Fritzsch in normalen Zeiten weltweit als Gamben-Virtuose unterwegs sein, ist ihm auch wichtig, nach verschollenen Kompositionen zu fahnden. „In Museen, Bibliotheken und privaten Sammlungen ist noch viel zu entdecken“, sagt der Musiker, den nach eigenem Bekunden die „Freude am Finden“ antreibt.

Urspung noch unklar

Ob die jetzt wieder vollständig vorliegende Handschrift von Opus Nr. 3 seinerzeit vom Köthener Hof - an dessen Kapelle bereits Abels Vater Christian Ferdinand unter Leitung Johann Sebastian Bachs als Musiker tätig war - beim Komponisten in London bestellt wurde oder ob Abel sie 1761 ohne Auftrag und damit zur Eigenwerbung nach Anhalt schickte, bleibt unklar, erklärt Thomas Fritzsch.

Dass Abel sie als Manuskript - dessen Anfertigung durch einen professionellen Kopisten seinerzeit sehr kostspielig war - und nicht als preiswerteren Erstdruck überreichte, lege die Vermutung nahe, dass es ihm wichtig war, die Partitur in seiner Heimatstadt Köthen zu wissen, so der Abel-Forscher.

Edition ist geplant

Geplant ist von Fritzsch nun eine Edition des aufgefundenen Werkes sowie Konzertaufführung von Abels Opus Nr. 3 im Schloss Köthen, sobald die äußeren Umstände es zulassen. „Damit befinden wir uns dann bereits in der Vorbereitung des 300. Geburtstages Carl Friedrich Abels, den wir im Jahr 2023 gebührend feiern möchten“, so der Künstler, der 2014 zum Kulturbotschafter der Stadt Köthen und 2017 zum Sonderbotschafter des Burgenlandkreises berufen wurde.

Angesichts seiner Alkoholsucht sei Carl Friedrich Abel „höchstwahrscheinlich ein manisch-depressiver Mensch gewesen“, so Thomas Fritzsch. „Doch in seinem so vielseitigen Werk ist davon nichts zu spüren.“ (mz/Kai Agthe).