Flughafen Schönefeld

Flughafen Schönefeld : Als die DDR von einem Luftdrehkreuz bei Berlin träumte

Berlin - Vom Pannen-Flughafen BER kann man vielleicht sagen, er war schnell gebaut und wird nie fertig, aber bei seinem treu diensthabenden Vorläufer war es umgekehrt: schnell fertig, aber nie zu Ende gebaut. Sofern man unter „Ende“ die Utopie seiner Planer ...

Von Günter Kowa
Juni 1969: Flugzeuge der Interflug am Terminal des Flughafen Berlin-Schönefeld. imago stock&people

Vom Pannen-Flughafen BER kann man vielleicht sagen, er war schnell gebaut und wird nie fertig, aber bei seinem treu diensthabenden Vorläufer war es umgekehrt: schnell fertig, aber nie zu Ende gebaut. Sofern man unter „Ende“ die Utopie seiner Planer versteht.

1962 erzählte man davon den Jugendweihe-Teilnehmern dieses Jahrgangs. Wenn sie herausgeputzt und mit „Weltall - Erde - Mensch“ unterm Arm nach Hause gingen, dem „Buch der Wahrheit“ (so Walter Ulbricht im Vorwort), fanden sie neben Ausführungen vom Atom bis zum „Menschen der sozialistischen Epoche“ auch eine Reihe aufklappbarer Farbtafeln, die die technologische Zukunft der DDR glorreich ausmalten.

Darunter war auch eine Darstellung des Flughafens Schönefeld nach damals kursierenden Plänen, die noch den Autoren eines Werks zur „Geschichte der ostdeutschen Verkehrsflughäfen“ von 1997 ein ungläubiges Staunen abrangen: „In dieser Form zu jenem Zeitpunkt ohne internationales Vorbild“.

Wahrnehmung auf die schnörkellos einfache Klarheit und Lichtfülle des Innenraums

Das Staunen hat sich auch der Fotograf Christopher Falbe bewahrt, der mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin und Journalistin Dina Dorothea Falbe, das Buch „Architekturen des Gebrauchs“ (236 Seiten, Verlag M-Books, 39 Euro) herausgebracht hat. Es ist Architekturen der späten 60er- und frühen 70er Jahre gewidmet, in Ost wie West, und nirgends sonderlich geliebt. So gibt es auch ein Kapitel über das Empfangsgebäude des Flughafens Schönefeld.

Die gebannte Stille der Fotos lenkt die Wahrnehmung auf die schnörkellos einfache Klarheit und Lichtfülle des Innenraums. Ein anderes Bild hält bei den zeittypischen Accessoires inne: die gepunktete Mosaikverkleidung der Wände und die strahlenförmige Vergitterung an Bürotüren. Dass sich bei dieser Art spät-moderner Architektur ein Geschmacksumschwung anbahnt, künden die Denkmalschutzerklärungen an, die schon hie und da amtlich ausgesprochen wurden.

Architekt Ernst Haas: „Der Flughafen soll kein ,architektonisches Denkstück‘ werden“

Schönefelds Flughafen-Architekt Ernst Haas wird bei Falbe mit einem Satz aus dem „Fliegerjahrbuch“ von 1970 zitiert: „Der Flughafen soll kein ,architektonisches Denkstück‘ werden. Die Funktion soll dem Gebäude Bedeutung geben. Daran wird der Grad der Vollkommenheit gemessen.“

Haas wurde 1957 Chefarchitekt der Deutschen Lufthansa - der ostdeutschen, die 1955 fast zeitgleich mit der westdeutschen neu gegründet worden war, aber den darauf folgenden Namensstreit drei Jahre später mit der Gründung von Interflug beendete. Er übernahm die Flughafenplanung zu einer Zeit, als schon große Pläne für den Ausbau des sowjetischen Verkehrsflughafens vorlagen, der im Wesentlichen noch der Flugplatz der Henschel Flugzeugwerke war.

Steigende Passagierzahlen am Flughafen Schönefeld

Losgehen konnte es erst, als die DDR 1962 die komplette Hoheit über den Flughafen erhielt. Lang davor hatte Haas schon Modelle gebaut, die zeigen, wie der Bahnhof Schönefeld unter einer gemeinsamen Empfangshalle an den Flughafen angeschlossen und dieser mittels fingerförmiger Flugsteige in seiner Kapazität enorm erweitert werden sollte. Es war sogar die Rede von einem Flughafen für Inlandsflüge, der auf der anderen Seite der Bahngleise entstehen sollte.

1962 wurden in Schönefeld 15.866 Flugbewegungen gezählt, 1970 waren es 24.497. Bis dahin mussten Fluggäste und Personal teils noch mit Vorkriegsbauten und einer viel zu kleinen Abfertigungshalle vorlieb nehmen. 1972 schließlich plante Haas drei trapezförmig ausgerichtete, 100 Meter lange Baukörper, wobei einer die Verbindung zum Bahnhof hergestellt hätte, so wie heute der überdachte lange Gang, den alle kennen.

Der Bau begann 1974, aber die Mittel reichten nur für die zentrale Empfangshalle, ergänzt 1988 um einen seitlichen Leichtbau. Die Passagierzahlen stiegen damals unaufhaltsam. Die Interflug war für den Westen die Billiglinie, die auch immer mehr türkische Gastarbeiter nutzten. Unter anderen Vorzeichen schwillt der Ansturm immer noch weiter an, offenbar mühelos verkraftet von einer Empfangshalle, die nach 45 Jahren von den unerfüllten DDR-Träumen eines Großflughafens Schönefeld kündet. Sollte der BER je in Betrieb gehen, stellt sich die Frage nach dem Denkmalschutz von Alt-Schönefeld allein schon aus Dankbarkeit. (mz)