Dessau-Wörlitzer Gartenreich

Dessau-Wörlitzer Gartenreich: Das Gartenreich auf Arte

wörlitz/MZ - Der See liegt starr, die Bäume glitzern, die Synagoge am Ufer leuchtet noch weißer als sonst: Winter in den Wörlitzer Anlagen. In den saust plötzlich ein Rennschlitten hinein. Gezogen von sechs Huskys, vorangetrieben von Wladimir Kaminer („Russendisco“), Deutschlands sympathischstem Russen. Wenige Bilder weiter rutscht der Bestsellerautor auf einem Schwimmring über das Wörlitzer Eis??- und ...

Von christian eger 30.08.2013, 20:55

Der See liegt starr, die Bäume glitzern, die Synagoge am Ufer leuchtet noch weißer als sonst: Winter in den Wörlitzer Anlagen. In den saust plötzlich ein Rennschlitten hinein. Gezogen von sechs Huskys, vorangetrieben von Wladimir Kaminer („Russendisco“), Deutschlands sympathischstem Russen. Wenige Bilder weiter rutscht der Bestsellerautor auf einem Schwimmring über das Wörlitzer Eis??- und lacht.

Aus gutem Grund. Dieser Tage erschien Kaminers Buch „Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten“. „Diesseits von Eden“ heißt auch die kleine TV-Dokureihe, die an diesem Sonntag auf Arte startet, und in der Kaminer durch drei der schönsten europäischen Gärten der Aufklärung führt. Am Sonntag durch das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, am 8.?September (17.10?Uhr) durch die mährische Kulturlandschaft Lednice-Valtice, am 15.?September (17.10?Uhr) durch den russischen Landschaftspark Pawlowsk?- hergestellt im Auftrag des MDR und in der Regie von Joachim Günther.

Es ist ein Augenschmaus. Das altmodische Wort trifft es ganz gut, was Günther da für den Zuschauer inszeniert. Das Gartenreich ist ja ohnehin eine optische Sensation, aber wenn das auch noch so ausladend fotografiert und teilweise rasant gefilmt, zudem mit suggestiven Off-Kommentaren unterlegt wird („Es war einmal ein kleines Fürstentum...“), dann ist das Spätsommermärchen perfekt.

Mittendrin sitzt Kaminer in der Wörlitzer Gondel?- und erklärt warum. „Vor drei Jahren musste ich meinen Schrebergarten abgeben, wegen Problemen mit spontaner Vegetation. Das war ein Interessenkonflikt mit der Prüfungskommission des Schrebergartenvereins.“ Denn: „Ich wollte bei uns die Natur.“ Die kam, der Garten ging und seitdem, so die Script-Story, sucht Kaminer seinen Traumgarten.

Fünfzig Minuten läuft der Streifen, der der denkbar schönste Werbefilm für das Gartenreich ist. Wörlitz, Mosigkau, Oranienbaum, Dessau: Überallhin folgt die Kamera. Populärhistorische Erklärungen? preisen das Gelände aufs Höchste, dessen Reiz man sich in diesen Bildern gar nicht entziehen kann.

Eine neue Blüte der großstädtischen Landlust zeigt sich hier: Nun gibt es zu „Bauer sucht Kultur“ (Dieter Moor) und „Stadt, Land, Hund“ (Bettina Rust, beide RBB) also: Kaminer sucht Garten. Der muss immer wieder dozierend über einen Sandweg schreiten oder um eine Hausecke biegen. Man folgt ihm gern. Aber im Gegensatz zu den RBB-Formaten setzt der MDR nicht aufs Spontane und Improvisierte, jede Begegnung wirkt einstudiert, so als stünde da nicht Wladimir Kaminer, sondern Gunther Emmerlich vor der Kamera.

Das zeigt sich in den persönlichen Begegnungen, die Kaminer machen darf: mit dem Chefgärtner des Gartenreichs, Ludwig Trauzettel, dem Pyrotechniker und Vulkaninsel-Betreiber Wolfgang Spyra (großartig die Bilder vom künstlichen Vulkanausbruch!), dem Naturschützer Ernst-Paul Dörfler, mit dem Kaminer über den Kühnauer See paddelt, um Krebsscheren und Wassernüsse zu erkunden. Vom Boot aus zitiert der Gartenfreund: „Hier ists jetzt unendlich schön...“, um zu erklären: „Hier muss ich Kollegen Goethe recht geben.“ Die Bilder des Films tun das ohnehin.

Im Fernsehen: „Diesseits von Eden: Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich“, am Sonntag um 15.55 Uhr im Arte-Programm