Biografischer Roman

Biografischer Roman: Thomas Brasch über Drill in Naumburg

Halle (Saale)/MZ. - Kein Nazi-Sohn also, der gegen das Schweigen eines Täter-Vaters aufbegehrte, sondern der Sohn eines Nazi-Opfers, gegen dessen wirklichkeitsblinde Willkür als hoher SED-Funktionär Thomas Brasch von früher Jugend an rebellierte. Gegen einen Vater, der es bis zum stellvertretenden DDR-Kulturminister gebracht hatte: Horst Brasch (1922-1989), deutsch-jüdischer Kommunist, der 1939 nach England geflohen war, wo 1945 sein Sohn Thomas geboren ...

Von Christian Eger 02.11.2011, 19:53



Kein Nazi-Sohn also, der gegen das Schweigen eines Täter-Vaters aufbegehrte, sondern der Sohn eines Nazi-Opfers, gegen dessen wirklichkeitsblinde Willkür als hoher SED-Funktionär Thomas Brasch von früher Jugend an rebellierte. Gegen einen Vater, der es bis zum stellvertretenden DDR-Kulturminister gebracht hatte: Horst Brasch (1922-1989), deutsch-jüdischer Kommunist, der 1939 nach England geflohen war, wo 1945 sein Sohn Thomas geboren wurde.



1946 in die Sowjetische Besatzungszone übergesiedelt, war Horst Brasch als früher FDJ-Kader ein Duz-Freund Honeckers und ein Mann für alle Fälle, der sein Meisterstück als Mitplaner der Berliner Mauer geliefert hatte. Die Partei - und nur diese - war die Familie dieses Mannes, der nicht davor zurückschreckte, seinen 1968 gegen die Niederschlagung des "Prager Frühlings" protestierenden Sohn der Polizei auszuliefern. Ein Opfer, das wenig nützte: Die Genossen nahmen Horst Brasch sozusagen in ideologische Sippenhaft. Er wurde in die Provinz abgeschoben; die große Karriere war beendet.

Nicht aber die Vater-Sohn-Tragödie, die für Thomas Brasch ein Lebensthema wurde. Der Vater, der in diesem Fall buchstäblich der Staat war, gegen dessen diktatorischen Vollzug der Sohn anschrieb. Aber von dem er sich ebenso wenig wirklich abwenden konnte wie von seiner Herkunft. Die Prosasammlung mit dem schon sprichwörtlichen Titel "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1977) und der Lyrikband "Der schöne 27. September" (1980) sind voll von Hinweisen auf dieses Drama. Bücher, die nur im Westen erscheinen konnten, wohin Brasch im Dezember 1976 von Erich Honecker persönlich verabschiedet wurde. Eine Ausreise erster Klasse: Die SED-Nomenklatura mochte ihre Kinder strafen, aber sie bediente sie auch gern. Ein Jahrzehnt lang feierte der Westen den Neuzugang als eine der größten literarischen Hoffnungen, die international hätte punkten können. Sogar in Amerika. In New York traf sich Thomas Brasch mit einem der einflussreichsten US-Verleger. Allein der Mann hatte kein Vergnügen an den ost-westdeutschen Prosastücken. In Amerika interessiere höchstens das: der autobiografische Roman des von seinem Vater verratenenen Sohnes. 200 000 Dollar lagen für Brasch bereit, der sich gegen das Buch entschied, weil er meinte, dass ein Autor, der seine eigene Geschichte vermarktet, als Erzähler schon erledigt sei.

Den Roman, den Brasch nie schrieb, legt nun dessen Freund Klaus Pohl vor, ein westdeutscher Dramatiker ("Karatebilly kehrt zurück"), der heute mit der ersten großen Liebe von Thomas Brasch, der Sängerin Sanda Weigl, in New York lebt. "Die Kinder der preußischen Wüste" ist der Roman überschrieben - nach einem Ausspruch des Preußenkönigs Friedrich I., dem das Oderbruch in wirtschaftlicher Hinsicht als Wüste galt.

Vom Berlin der Nachwendejahre aus blickt Klaus Pohl in der Gestalt des Louis gemeinsam mit Thomas Brasch auf dessen Lebensgeschichte. Der Autor heißt im Roman Robert Papst - Robert hieß auch Braschs Alter Ego-Figur in den Väter-Erzählungen. Ost- und Westberlin, das ist in den 90er Jahren für Robert vorüber, der spricht von "O-Weh-Berlin", wo seine "Schizophrenie" endlich ihren Ort gefunden hätte. Jetzt beugt er sich über die Fotos seines Lebens. Unter anderem jenes Bild, das Robert als elfjährigen NVA-Kadetten 1956 mit seinem Vater in Naumburg zeigt.

Über vier Jahre versuchte die DDR eine militärische Elite-Ausbildung in Naumburg zu etablieren; 1960 wurde das Unternehmen gestoppt, angeblich, weil es zu einer "Selbstmordorgie" unter den Kindern gekommen sei, die als Elfjährige an die Drill-Anstalt kamen. Unter diesen auch Thomas Brasch, der sich auf Drängen seines Vaters beworben hatte. Was er in Naumburg erlebte, erzählt nun erstmals der Roman: "Alles war in nasse Kälte getaucht. Die Uniform. Die Betten. Die Räume." Jeder Ton wurde gebrüllt. Aller vier Wochen jagte man im Umfeld von Weißenfels "amerikanische Spione". Nachts bebten die Decken, "weil die Jungs darunter heulten". Keiner wollte, dass es die anderen merken.

Der bislang unbekannte Blick auf die Naumburger Situation gehört zu den interessantesten Passagen des Buches, das vor allem als belletristisch verkleidetes Zeitdokument von Interesse ist. Auch wenn die Akteure Phantasienamen tragen, sind diese sofort zu entschlüsseln: Sanda Weigl (Nora), Katharina Thalbach (Sophie), der Schriftstellerbruder Peter Brasch (James) - und immer wieder der Vater als Klaus Papst. Erich Honecker, der Thomas Brasch erklärt, wie geschickt man die DDR-Schriftsteller mit Westreise-Visa korrumpiere, tritt unter Klarnamen auf.

Man darf dieses für den nicht vorgebildeten Leser doch etwas längliche, detailverlorene und sprachlich spröde Buch nicht als Roman beurteilen, der er sein will, aber nicht ist. Klaus Pohl liefert eine Biografie durch die Hintertür, eine Sammlung an Recherche-Hinweisen. An diesem Buch wird niemand vorbeikommen, der sich mit dem Werk von Thomas Brasch beschäftigen will, der heute vor zehn Jahren gestorben ist.

Im Foyer des Naumburger Theaters findet Donnerstag um 19.30 Uhr eine Gedenkveranstaltung für Thomas Brasch statt. Es lesen Kai Agthe und Heiko Griesel.