Autoren frei Haus

Autoren frei Haus: Literaturhaus Halle macht aus Corona-Not eine Tugend

Halle (Saale) - Zwei Schriftsteller pro Woche: Alexander Suckel bringt Menschen und Bücher vor die Kamera. Das soll auch künftig so bleiben.

Von Christian Eger

Pilsner Urquell oder Budweiser? Das ist hier die Frage. Die wird Jaroslav Rudis sofort gestellt - gleich zu Beginn des online aus Halle gesendeten Literaturhausgespräches. Der tschechische Schriftsteller, dessen Buch „Nationalstraße“ jetzt von dem Hallenser Eike Goreczka als Spielfilm produziert worden ist, will ausweichen. „Ich würde auf sehr tschechische Art und Weise antworten: beides.“

Dann entscheidet er sich aber doch für das Pilsner, das „nicht so stark“ sei. Prompt hebt Alexander Suckel drei Flaschen auf den Literaturhaustisch: eine für Rudis, eine für Goreczka und eine für sich selbst.

Es wird angestoßen, obwohl es wenig Anlass zum Anstoßen gibt. Alexander Suckel, Leiter des 2017 gegründeten Literaturhauses in Halle, macht aus der Corona-Not eine Tugend. Woche für Woche stellt er zwei von ihm geführte Autorengespräche ins Internet, jederzeit abrufbar. Seit Mitte März gelangten unter anderen Ingo Schulze („Die rechtschaffenen Mörder“), Greta Taubert („Guten Morgen, du Schöner“), Kerstin Hensel („Regenbeins Farben“) und am vorigen Donnerstag Jaroslav Rudis vor die Kamera.

„Ich hätte nicht gedacht, dass das so ein großes Echo findet“, sagt Suckel. In der Tat: Bis zu 500 Aufrufe für ein aufgezeichnetes literarisches Gespräch ist eine sensationelle Zahl. Auch viel weniger wäre hier viel gewesen.

Kultur wandert ins Netz: Krise als Chance? 

Dass die Kultur dieser Tage ins Internet wandert, ist ja die Regel. Die Frage ist nur: Wie? Mit welcher Idee und mit welchem Einsatz? Werden nur alte Konserven nach vorn geschoben? Oder Filmchen produziert, die so wackeln wie die Hand des Menschen, der die Handy-Kamera führt? Suckel und sein Team versuchen es professionell. Sofort nach der Stilllegung des Literaturbetriebs holte sich der 50-Jährige die Leute und die Technik: vom Werkleitz-Zentrum für Medienkunst die Aufzeichnungstechnik und von der von Eike Goreczka geführten Firma 42film den Schnittplatz.

„Wir sind das einzige Literaturhaus in Mitteldeutschland, das überhaupt noch etwas tut“, sagt Suckel. Und er tut das, was er immer tat. Nicht nur lesen lassen, sondern unterhalten. „Vieles, was jetzt online stattfindet, erscheint merkwürdig ratlos“, sagt Suckel. „Buchtipps, schön und gut. Als hätten die Leute plötzlich nichts mehr zu lesen. Meine Buchtipps sind die Veranstaltungen.“

Die Krise als Chance? „Wir werden auf jeden Fall die digitale Strecke ausbauen“, sagt Suckel. „Dazu sind wir wild entschlossen.“ Er sitzt an einem Arbeitspapier zur Sache und denkt mit seinen Partnern darüber nach, wie er das Projekt künftig „crossmedial“ vernetzen könnte. Ein Vorlauf für den Fall des Neustartes.

Der steht noch in den Sternen. Ist aber vielleicht schon nach der fünften Corona-Verordnung Ende April möglich. „Ich rechne mir aus, dass wir als ein Haus mit eher kleinen Veranstaltungsformaten vielleicht noch vor dem Sommer etwas anbieten können. Das wäre ein großer Wunsch.“

Die Buchbranche schaut aufmerksam auf das, was in Halle geschieht. Online wirkt hier tatsächlich: Die Verlage rufen an, Autoren melden sich. Kein Zufall: Die Lage im Verlagsgewerbe ist dramatisch. „Viele Bücher werden auf den Herbst geschoben“, sagt Suckel. Aber was soll dann denn besser sein? Ob und wie die Frankfurter Buchmesse stattfindet, ist die Frage. Suckel sieht einen großen Verdrängungskampf kommen: „Es wird ein großes Titelsterben geben.“

Aber dieser Kampf- ist nicht der Schauplatz eines Literaturhauses. Das dient dem Publikum. Zur Zeit liest Alexander Suckel etwa zwei Mal 300 Buchseiten die Woche, um die Gespräche vor der Kamera vorzubereiten. Gibt es Momente, die ihn besonders beeindruckt haben? Suckel nennt sofort Kerstin Hensel. „Diese Begegnung war eine große Überraschung, eine große Freude. ,Regenbeins Farben’ ist für mich vielleicht das Buch des Frühjahrs.“

Zwei Ausstellungen verbirgt das Literaturhaus zur Zeit: Buchkunst von Frauke Otto, Malerei und Grafik von Sven Großkreutz. Gut möglich, dass das diese bald wieder öffentlich sichtbar werden. Mit der Öffnung von Museen, Galerien und Bibliotheken geht Brandenburg jetzt voran. Im Literaturhaus Halle gehen die Autoren vorerst noch vor die Kamera: in dieser Woche Daniela Krien und André Schinkel. (mz)

››Die Gespräche im Internet: www.literaturhaus-halle.de