Wirtschaftssoziologe warnt

Wirtschaftssoziologe warnt: Welche negativen Auswirkungen hat Homeoffice?

Viele Arbeitnehmer arbeiten wieder im Home Office: Der Wecker klingelt später, ruhiges Frühstücken mit den Kindern, weniger Anrufe als im Büro, die die Arbeit stören. Doch dauerhaft im Home Office arbeiten, wollen nur die wenigsten, sagt Arbeitssoziologe Professor Klaus Dörre von der Universität Jena. Nach seiner Ansicht werden die möglichen, langfristigen negativen Folgen einer digitalen Arbeit zu Hause unterschätzt. Mit ihm sprach Steffen ...

Viele Arbeitnehmer arbeiten wieder im Home Office: Der Wecker klingelt später, ruhiges Frühstücken mit den Kindern, weniger Anrufe als im Büro, die die Arbeit stören. Doch dauerhaft im Home Office arbeiten, wollen nur die wenigsten, sagt Arbeitssoziologe Professor Klaus Dörre von der Universität Jena. Nach seiner Ansicht werden die möglichen, langfristigen negativen Folgen einer digitalen Arbeit zu Hause unterschätzt. Mit ihm sprach Steffen Höhne.

Herr Professor Dörre, nutzen Sie intensiv das Home Office? Sind Sie ein Freund davon?

Klaus Dörre: Ja, ich arbeite schon seit längerer Zeit häufig im Home Office. Das hängt jedoch vor allem damit zusammen, dass ich nur wenige Meter von der Universität entfernt wohne und schnell mein Büro erreichen kann. Meine Mitarbeiter und erst recht die Studenten erreiche ich nicht hinreichend digital. Die Online-Lehrveranstaltungen haben durchweg nicht die Qualität von Präsenzveranstaltungen.

In der Corona-Pandemie sehen von der Politik über die Gewerkschaften bis hin zu den Unternehmen fast alle wichtigen Akteure Home Office als Erfolg an. Ist es das?

Teils teils. In der ersten Welle im Frühjahr mussten viele Arbeitnehmer kurzfristig ins Home Office wechseln. Alle bisherigen Befragungen zeigen, dass die Betroffenen das als Zugewinn gesehen haben. Der Zeitraum war jedoch von spezifischen Umständen geprägt: Der Infektionsschutz ist zuhause höher, und da die Schulen und Kitas geschlossen waren, konnte die Kinderbetreuung einfacher übernommen werden.

Der Arbeitsprozess insgesamt konnte also autonomer und freier gestaltet werden. Viele Arbeitnehmer in systemrelevanten Berufen wie in Krankenhäusern oder Supermärkten hatten diese Vorteile nicht. Allerdings müssen wir erst einmal abwarten, wie sich das häusliche Arbeiten auf Dauer auswirkt. Denn die Schattenseiten wurden auch sichtbar: Vielen fällt es beispielsweise schwer, Beruf und Freizeit zu trennen. Klassische geschlechterspezifische Rollenmuster treten wieder häufiger auf. Die Frau arbeitet im Home Office und muss gleichzeitig die Kinder betreuen. Das entscheidende ist aber: Wir sind soziale Wesen, den Wegfall der Kommunikation am Arbeitsplatz empfinden viele als Verlust.

Einige Soziologen meinen bereits, die Hymnen auf das Home Office seien geschichtsvergessen. Was wird vergessen?

Es geht um die Heimarbeit, mit der Unternehmen bis ins 20. Jahrhundert hinein eine Ausbeutung ihrer Beschäftigten betrieben. Heimarbeit bedeutete in der Textilindustrie, die Arbeiter waren 14 bis 16 Stunden am Tag zu Hause tätig und für Menge und Qualität verantwortlich. Wer nicht fristgerecht lieferte, der bekam weniger Geld ausgezahlt. Häufig mussten auch die Kinder mitarbeiten. Es gab kaum Möglichkeiten, sich dem zu widersetzen, weil die Heimarbeit die Arbeiter isolierte.

Die Weberaufstände im 19. Jahrhundert in Schlesien waren auch Aufstände gegen die Heimarbeit, richtig?

Ganz genau. Und es war einer der größten und wichtigsten Erfolge der Gewerkschaften, die Heimarbeit zurückzudrängen. Die industrielle Revolution mit der Mechanisierung der Arbeit spielte dem natürlich in die Hände. Damit wurde auch der Stücklohn in seinen besonders ausbeuterischen Formen weitgehend abgeschafft. Mit der Arbeit in der Fabrik konnten auch menschenwürdige Arbeitsbedingungen kontrolliert werden.

Im heutigen Home Office arbeiten aber eher Angestellte, die Berufe mit einer höheren Qualifizierung ausüben. Ausbeutung scheint da weit weg.

Ja, aktuell sind viele Bürokräfte im Home Office. Man darf aber nicht übersehen, dass wir bereits vor der Corona-Krise mit den Solo-Selbstständigen eine Wiederholung der Scheinselbstständigkeit haben, bei der es Parallelen zu früher gibt.

Der digitale Heimarbeiter sozusagen.

Ja, die Solo-Selbstständigkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich zu genommen. In der Kreativwirtschaft wie bei freien Grafikern liegt die durchschnittliche Entlohnung vielfach nur knapp über dem Mindestlohn. Diese haben oft nur wenige Auftraggeber, die nach Menge und Qualität bezahlen.

Das ist aber nur ein überschaubarer Teil der deutschen Arbeitnehmer.

Viele Unternehmen haben bisher auf Home Office verzichtet, da sie Sorge hatten, dass die Mitarbeiter nicht produktiv genug sind. Doch wie sich jetzt herausstellt, stimmt das nicht. Es gibt Studien, die belegen, dass im Home Office sogar mehr und effizienter gearbeitet wird, auch weil die Arbeitnehmer nicht als faul gelten wollen. Und vor allem: Selbstbestimmt arbeitet es sich besser, denn die Motivation ist größer.

Sie und Ihr Team haben Umfragen bei rund 400 Unternehmen auch zu den Folgen der Corona-Pandemie gemacht. Was sind die Ergebnisse zum Home Office?

Bisher können wir nur Aussagen auf der qualitativen Ebene machen. Da lässt sich aber schon Folgendes sagen: Die normalen Arbeitsprozesse lassen sich ohne Qualitätsverluste vom Home Office aus erledigen. Kreative Prozesse werden aber erschwert. Dabei geht um den informellen Austausch in der Kaffeeküche, in der schnell und flexibel neue Ideen entstehen oder Probleme im Miteinander gelöst werden. Das fehlt in der digitalen Kommunikation, dort ist es schon schwierig zu diskutieren.

War die Mehrzahl der Befragten positiv gegenüber dem Home Office eingestellt?

Alle bisher vorliegenden Studien zum Thema bestätigen das. Die Mehrzahl schätzt vor allem die Flexibilität, aber - und das ist auch eine wichtige Botschaft - auf Dauer möchte niemand nur im Home Office arbeiten. Es werden sich Mischformen gewünscht. Ein fester Arbeitsort ist den Beschäftigten weiter wichtig. Doch einige Unternehmen sind gerade dabei, das aufzuweichen.

Der feste Platz in einem Büro fällt weg?

In einigen Werbeagenturen und Banken haben die Mitarbeiter im Bürogebäude keinen festen Arbeitsplatz mehr. Erste Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Beschäftigten das unterlaufen, indem sie dennoch immer an denselben Platz gehen. Einige hinterlassen dort Aufkleber oder Stofftierchen, um ihn als eigenen Platz zu markieren. Im Grunde sind das Hilferufe der Angestellten, dass sie diese Form von flexiblem Arbeiten nicht wollen. Ihnen fehlen die Kontakte, sie fühlen sich regelrecht entwurzelt.

Gibt es Signale, dass mehr Firmen solche Arbeitsortmodelle planen?

Wenn Mitarbeiter auch nach der Pandemie zwei oder drei Tage in der Woche im Home Office arbeiten, dann werden solche Modelle für die Firmen natürlich attraktiv, weil man weniger Büros und Technik vorhalten muss.

Wird die Gefahr unterschätzt, dass sich das Home Office am Ende zur digitalen Heimarbeit wandelt?

Faktisch ist es über das Netz möglich, Arbeitsumfang und Qualität der Home-Office-Mitarbeiter jederzeit zu prüfen. Die Kontrollmöglichkeiten sind so groß wie nie zuvor. Die Gewerkschaften sollten daher genau der Basis zuhören, welche Erfahrungen die Beschäftigten machen. Ein Rechtsanspruch auf Home Office für einige Tage im Jahr, wie ihn nun Bundesarbeitsminister Hubertus Heil vorschlägt, wird dem komplexen Problem jedenfalls nicht gerecht. (mz)