Mindestlohn

Mindestlohn in Deutschland: Die befürchteten Massenentlassungen wurden durch Mehrarbeit ersetzt

Halle (Saale) - Viele Betriebe gleichen die Mehrkosten aus, indem sie das Pensum für die Beschäftigten und die Preise erhöhen. Massenentlassungen bleiben aber aus.

Von Christian Schafmeister

Gut eineinhalb Jahre nach Einführung des Mindestlohnes von 8,50 Euro haben Experten des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) erstmals eine Bilanz gezogen. Danach sind die auch von einigen Experten erwarteten Massenentlassungen ausgeblieben. „Derart weitreichende Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet“, so die Fachleute der Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit. Statt Beschäftigte zu entlassen, hätten sich die betroffenen Betriebe eher bei Neueinstellungen zurückgehalten. So seien bundesweit 60.000 Stellen nicht geschaffen worden, die es ohne den Mindestlohn heute geben würde.

Auswirkungen des Mindestlohns

Am häufigsten reagieren Betriebe jedoch, indem sie die Arbeitszeit verkürzen oder die  anfallende Arbeit verdichten - in kürzerer Zeit muss also mehr geleistet werden. Das betrifft in Ostdeutschland laut IAB-Studie immerhin jedes fünfte Unternehmen, in dem Mindestlohn gezahlt wird. Und sogar jeder vierte Betrieb hat inzwischen die Preise für seine Produkte erhöht.
In Sachsen-Anhalt bleibt der Mindestlohn umstritten. Während der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) auf „deutliche Gehaltssteigerungen“ in einigen Branchen und von einer „qualitativen Verbesserung“ des Arbeitsmarktes spricht, hält das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) den Mindestlohn als Instrument zur Armutsbekämpfung weiter für „ungeeignet“ und kritisiert ihn als eine „verteilungspolitische Nebelkerze“.

Die Gewerkschaft verweist vor allem auf die hohe Zahl der Nutznießer. So hätten in Sachsen-Anhalt 285.000 Beschäftigte vom Mindestlohn profitiert - jeder dritte Beschäftigte. „Was den Betrieben nicht geschadet hat, ist für das Land insgesamt sehr vorteilhaft“, sagte Susanne Wiedemeyer vom DGB-Büro Sachsen-Anhalt. So seien die Löhne im Gastgewerbe um 12,5 Prozent und bei Dienstleistungen wie den Wach- und Sicherheitsdiensten sogar um 18,1 Prozent gestiegen. Zudem seien mehr als 5.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse entstanden. Und die Zahl derer, die trotz einer Arbeit auf Sozialleistungen angewiesen sind, konnte laut DGB um 10.000 auf unter 50.000 reduziert werden.

Beschäftigte und Teilzeitkräfte betroffen

Oliver Holtemöller, Vizepräsident des IWH, sieht den Mindestlohn dennoch weiter kritisch.  Betroffen seien meist geringfügig Beschäftigte und Teilzeitkräfte. „Diese Menschen können auch mit Mindestlohn nicht von ihren Lohneinkünften leben.“ Stattdessen seien sie weiter auf Sozialleistungen angewiesen. Profitieren würden nur diejenigen, die nicht auf staatliche Hilfen angewiesen sind, ihren Job behalten haben und mindestens die gleiche Stundenzahl arbeiten wie vorher - genau das aber ist vielen Betroffenen laut IAB nicht mehr möglich.

Sollte sich die wirtschaftliche Lage verschlechtern, droht laut Holtemöller zudem ein größerer Beschäftigungsabbau. Die Betriebe könnten die höheren Personalkosten dann nicht mehr  allein durch Preiserhöhungen und kürzere Arbeitszeiten ausgleichen.

Kritisch sieht das IWH auch die Anhebung des Mindestlohnes auf 8,84 Euro ab 2017. Das Plus von vier Prozent sei größer als der Anstieg der Lebenshaltungskosten und der Fortschritt bei der Profitabilität der Unternehmen. „Die Entscheidung ist nicht ausgewogen und dürfte vor allem in Ostdeutschland negative Folgen habe“, so der IWH-Vize. „Je höher der Mindestlohn, desto wahrscheinlicher sind negative Beschäftigungseffekte.“ (mz)