Leiharbeit für Lieken

Leiharbeit für Lieken: Darum wechselt kein Mitarbeiter von Weißenfels nach Wittenberg

Halle (Saale) - Kein Mitarbeiter wechselt von Weißenfels nach Wittenberg. Personal für neues Werk kommt über Zeitarbeitsfirma.

27.04.2017, 09:09

Der Ernährungskonzern Agrofert rekrutiert auf ungewöhnliche Weise Mitarbeiter. Für das 200 Millionen Euro teure Backwerk in Wittenberg werden „200 Lager- und Produktionsmitarbeiter/innen im Vier- Schichtsystem“ gesucht. Die Stellenausschreibung findet jedoch nicht auf der Agrofert-Internetseite statt, sondern bei Randstad. Die Zeitarbeitsfirma übernimmt die Mitarbeitersuche - doch nicht nur das. Interessenten erfahren auch, dass sie die ersten drei Monate zunächst als Leihkräfte im neuen Back-Werk arbeiten sollen, um anschließend „zu den gleichen Konditionen“ übernommen zu werden.

Back-Fabrik Lieken: Neues Werk in Wittenberg eröffnet und Werk in Weißenfels geschlossen

Etwa zeitgleich mit der Eröffnung der neuen Back-Fabrik in Wittenberg wird die Agrofert-Tochter Lieken in Weißenfels eine ältere Backfabrik mit 200 Mitarbeitern schließen. Lieken-Vorstand Markus Biermann betonte zwar in der Vergangenheit, dass man „ein großes Interesse habe, eingespielte Teams mitzunehmen“. Doch auf MZ-Anfrage teilte der Weißenfelser Lieken-Betriebsrat nun mit: „Nach unserer Kenntnis wechselt kein einziger Produktionsmitarbeiter nach Wittenberg.“ Laut Betriebsrat sind die Konditionen unattraktiv, die Stimmung in Weißenfels sei „auf dem Nullpunkt“.

Lieken wollte sich auf MZ-Anfrage nicht äußern. Agrofert teilte Mittwochnachmittag mit, dass ab Mitte 2017 der Probebetrieb startet, aber noch keine verkaufsfähigen Produkte hergestellt werden. Das sei ab Anfang 2018 geplant. Personal-Einstellungen würden „nicht von uns in der Öffentlichkeit dargelegt.“

Der Weißenfelser Landtagsabgeordnete Rüdiger Erben (SPD) sieht seine „Befürchtungen bestätigt“. Nach Einschätzung Erbens haben Lieken und Agrofert die Bedingungen so gestaltet, dass ein Wechsel für Mitarbeiter unattraktiv ist. Als die Pläne erstmals Ende 2015 veröffentlicht wurden, hieß es noch, Lieken baut ein neues Werk in Wittenberg. Wenig später ergaben MZ-Recherchen, dass es der Mutterkonzern Agrofert ist, der die Fabrik baut und betreibt. Lediglich die Produkte werden an Lieken geliefert. Hintergrund ist laut Gewerkschaft NGG: Lieken zahlt den Tarifvertrag für die Ost-Brotindustrie. Agrofert ist daran nicht gebunden. Die Löhne in Wittenberg sollen bis zu einem Fünftel niedriger liegen als in Weißenfels. Mitarbeiter, die wechseln wollen, sollten in Weißenfels kündigen. In Wittenberg hätten sie dann eine mehrmonatige Probezeit gehabt. SPD-Politiker Erben meint: „Bei den niedrigen Löhnen lohnt ein Pendeln von Weißenfels nach Wittenberg nicht.“

Höppner und Erben kritisieren, dass Lieken/Agrofert mit Steuergeldern Tarifflucht betreibt

Der Landtagsabgeordnete Andreas Höppner (Linke) ist „über das Vorgehen von Agrofert erschüttert“. Neue Mitarbeiter über einen Personaldienstleister zu suchen, gehe in Ordnung. „Das gilt aber nicht für die befristete Einstellung als Leiharbeiter“, so Höppner. Leiharbeit sei dafür gedacht, Produktionsspitzen abzufedern. „Sie soll nicht dazu führen, möglichst bequem über neue Mitarbeiter zu verfügen.“ Sowohl Höppner als auch Erben kritisieren, dass Lieken/Agrofert mit Steuergeldern Tarifflucht betreiben. Für den Bau des neuen Backwerkes, in dem Tiefkühlbackwaren wie Brötchen und Brote hergestellt werden, stellt das Land elf Millionen Euro zur Verfügung. Das Wirtschaftsministerium begründete die Fördermittel-Entscheidung, die noch in der Ära von Minister Hartmut Möllring (CDU) gefallen ist, aus zwei Gründen: Zum einen habe es die Gefahr gegeben, dass große Teile der Lieken-Produktion aus Sachsen-Anhalt in westliche Bundesländer verlagert werden. Zum anderen bestehe die Chance, dass der Standort Wittenberg ausgebaut wird.

Agrofert betreibt dort mit SKW Piesteritz bereits ein großes Düngemittel-Unternehmen. Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hat gute Kontakte zu Agrofert-Chef Andrej Babis. Der tschechische Milliardär und Finanzminister hat nach 1990 einen Agrar-Konzern aufgebaut. Mit der Übernahme des angeschlagenen Backwaren-Herstellers 2013 bewahrte Babis Lieken wahrscheinlich vor dem Aus. Sein gesellschaftliches Wirken steht im Gegensatz zum aktuellen Vorgehen von Agrofert und Lieken. So erwarb Babis in Wittenberg auch Immobilien, baute einen Betriebskindergarten, finanziert ein Museum und die neue Feuerwache. Mit anderen Worten: Der Agrofert-Chef bringt die Region durch sein finanzielles Engagement durchaus voran.

Nach Einschätzung des Lieken-Betriebsrats allerdings sieht Agrofert die neuen Beschäftigten nur als „billige Arbeiter ohne viel Rechte“. Mindestens zwei Mitarbeiter aus Weißenfels haben sich aber in Wittenberg beworben. Sie erhielten Absagen. (mz)