Mode-Discounter KiKKiK-Textildiscounter: „Wir sind nicht das Schmuddelkind der Textilbranche“

Berlin - Der KiK-Chef zu Arbeitsbedingungen in Bangladesch, dem Wunsch nach einem neuem Image und gerechter Bezahlung der Arbeiter.

Von Timot Szent-Ivanyi 22.02.2018, 09:24
Das Auslieferungslager des Textil-Discounters KiK in Bönen
Das Auslieferungslager des Textil-Discounters KiK in Bönen dpa

Jahrelang schottete sich der Textildiscounter KiK gegenüber der Öffentlichkeit ab, Pressearbeit war unerwünscht. Patrick Zahn hat das geändert. Der KiK-Chef empfängt in der schmucklosen Firmenzentrale mitten in einem Gewerbegebiet im westfälische Bönen und stellt sich den Fragen. Anschließend lädt er zur Tour durch das riesige Hochregallager und die eigenen Qualitätskontrollen.

Herr Zahn, als es beim Elternabend in der Schule meines Sohnes kürzlich darum ging, T-Shirts für ein Fußballturnier zu besorgen, gab es den Vorschlag, diese billig bei KiK zu besorgen. Viele Eltern protestierten: Das ginge ja nun gar nicht, bei solchen Ausbeutern zu kaufen. Wie haben Sie es geschafft, sich dieses Image zu erarbeiten?

Bitte richten Sie den Eltern aus: Sie können unsere Kleidung guten Gewissens kaufen. Sie wird unter guten Bedingungen hergestellt und niemand wird deswegen ausgebeutet. Richtig ist, dass wir in den Anfangsjahren rasant gewachsen sind und nach außen andere Prioritäten gesetzt haben. Laut, schrill und billig. Damals standen weder bei KiK noch bei anderen Textilherstellern die Produktionsbedingungen stark im Vordergrund. Die Nachwirkungen unseres damaligen Markenauftritts spüren wir noch heute. 

Inwiefern? 

Wenn es irgendwo einen Unfall in einer Textilfabrik gibt, dann geraten wir unter Beschuss, selbst wenn KiK damit überhaupt nichts zu tun hat. Wir werden von Medien und Nichtregierungsorganisationen stellvertretend als Symbol für eine Branche herangezogen, die angeblich Menschen ausbeutet. Das irritiert Kunden und verbaut uns die Möglichkeit, neue Käufer zu gewinnen.

Patrick Zahn hat Bürokaufmann gelernt und anschließend Betriebswirtschaft studiert.  Er arbeitete unter anderem für Hugo Boss, Aldi und Plus. Seit 2008 ist er bei KiK. Dort stieg er die Karriereleiter hinauf, bis er schließlich 2016 die Geschäftsführung übernahm. Der 41-Jährige ist verheiratet, hat zwei kleine Söhne und lebt in Köln.

Kik steht für „Kunde ist König“. Die erste Filiale eröffnete 1994 in Düsseldorf. Mittlerweile ist der Textildiscounter mit einem Umsatz von fast zwei Milliarden Euro der fünftgrößte deutsche Textilhändler. KiK betreibt  mehr als 3400 Filialen in Europa, davon 2600 in Deutschland. Das Unternehmen beschäftigt 22.000 Mitarbeiter.

Erwarten Sie jetzt Mitleid?

Nein, aber es ärgert mich, dass es keinen differenzierten Blick auf unser Unternehmen gibt. KiK ist nicht schlechter als andere Textilfirmen. Die Herausforderung, gute Produktionsbedingungen sicherzustellen, gilt für alle Modeanbieter, nicht nur für KiK. Aus den Versäumnissen der Anfangsjahre haben wir gelernt. Erst kürzlich hat uns die Kampagne für Saubere Kleidung attestiert, mehr zu tun als alle italienischen Luxuslabels zusammen. Wir sind wahrlich nicht das Schmuddelkind der Textilbranche.

Dann versuchen wir doch, einen differenzierten Blick zu werfen. Lassen Sie uns mit dem schweren
Brand 2012 mit über 250 Todesopfern in einer Fabrik in Pakistan beginnen, bei der Sie Hauptkunde waren. Mehrere Opfer haben Sie vor einem deutschen Gericht auf Schmerzensgeld verklagt. Warum wollen Sie nicht zahlen?

Wir haben an die Betroffenen freiwillig insgesamt 6,15 Millionen Dollar gezahlt, um Lohnausfälle auszugleichen. Leider hat es mehr als ein Jahr gedauert, die Verteilung des Geldes vor Ort zu klären. Jetzt ist die Auszahlung aber endlich angelaufen.

Die Frage war, warum Sie kein Schmerzensgeld zahlen wollen?

Das setzt voraus, dass wir Schuld hätten an dem Brand. Aber das ist nicht der Fall. Die pakistanischen Behörden gehen von einem terroristischen Anschlag aus. Der Fabrikbesitzer soll sich geweigert haben, Schutzgeld zu zahlen. Die Attentäter legten gezielt Brände an den zentralen Fluchtwegen. Die Täter wollten Menschen umbringen.

Menschenrechtsorganisationen argumentieren allerdings, die Brandursache sei letztlich egal. Entscheidend sei, dass die Brandschutzvorschriften nicht eingehalten worden seien.

Nach den Ermittlungsergebnissen gab es ausreichend Notausgänge, und diese waren vor dem Anschlag auch nicht zugestellt. Die Fabrik hatte keine gravierenden Mängel beim Brandschutz. Wie gesagt, die Täter hatten es darauf abgesehen, dass Menschen getötet werden. Das war Mord. Dafür kann man uns nicht verantwortlich machen.

Das Verfahren in Dortmund gilt als Pilotprozess für die Frage, wie weit die Verantwortung der Auftraggeber reicht.

Nach deutschem Recht kann KiK für den Brand nicht haftbar gemacht werden. Doch der Prozess wird auf Basis pakistanischen Rechts geführt. Gegenwärtig wird geprüft, ob der Fall verjährt ist. Unsere Position ist, dass wir uns im Rahmen unserer unternehmerischen Sorgfaltspflicht für sichere Arbeitsbedingungen einsetzen müssen. Die Verantwortung für den Arbeitsschutz ist jedoch Aufgabe der Fabrikbesitzer, die Kontrolle obliegt auch in Bangladesch oder Pakistan dem Staat.

Aber es handelt sich um schwache Staaten mit häufig korrupten Behörden.

Aus diesem Grund sehen wir es als unsere Aufgabe, den Beschäftigten zu helfen. Wir sind Mitglied in der Accord-Vereinigung internationaler Textilunternehmen, die nach der Rana-Plaza-Katastrophe in Bangladesch dabei hilft, Gebäudesicherheit und Brandschutz in den Fabriken zu verbessern. Allein haben wir ein derartiges Programm auf Pakistan übertragen. KiK bezahlt die Inspektionen bei allen 35 Zulieferern. Die Kosten für die Beseitigung der Mängel muss allerdings der Fabrikant übernehmen.

Und wenn er nichts tut?

Dann bekommt er von uns keine Aufträge mehr.

Für Näherin gibt es keinen Unterschied zwischen teurer oder billig verkauftem T-Shirt

KiK ist auch Mitglied in dem von der Bundesregierung initiierten Textilbündnis. Dort wird über existenzsichernde Löhne diskutiert, also Löhne, von denen die Näherinnen auch leben können. Stehen Sie hier als Billiganbieter nicht in besonderer Verantwortung?

Grundsätzlich gilt: Der Preis einer Ware sagt nur wenig darüber aus, unter welchen Bedingungen sie hergestellt wurde. Unsere Textilien werden in Asien oft auf den denselben Produktionslinien genäht wie die von teuren Markenherstellern. KiK ist preiswert, weil wir nicht alle paar Wochen neue Kollektionen anbieten, sondern langfristiger arbeiten. Damit können wir antizyklisch produzieren lassen und den Seetransport nutzen, was Kosten spart. Unsere Marketingausgaben sind niedrig und wir haben keine teuren Filialstandorte. Und bei uns wird unverkaufte Ware nicht zurücktransportiert oder verbrannt. Wie senken den Preis so lange, bis alles verkauft ist.

Noch einmal fürs Protokoll: Es macht also mit Blick auf den Lohn einer Näherin nach Ihrer Aussage keinen Unterschied, ob der Kunde bei KiK ein T-Shirt für 2,99 Euro kauft oder bei Markenherstellern für 25 Euro?

So ist es.

Aber wie ist es nun mit der Durchsetzung auskömmlicher Löhne? Es gibt Studien, nach denen 14 Cent mehr je T-Shirt ausreichen würden. Das könnten Sie doch direkt bei ihren Lieferanten durchsetzen?

Wir sind zwar der fünftgrößte deutsche Textilhändler, doch in Asien sind wir nur einer unter vielen Auftraggebern. In Bangladesch entfallen auf KiK beispielsweise nur 0,7 Prozent der Textilausfuhren. Wir haben gar nicht die Marktmacht, allein eine bessere Bezahlung zu erzwingen. Wir setzen uns aber für höhere Mindestlöhne in Pakistan und Bangladesch ein. Daran müssen sich dann alle Auftraggeber halten. Es ist allerdings Sache der dortigen Behörden, den Mindestlohn so festzulegen, dass die Menschen davon leben können. Und es bleibt natürlich jedem Fabrikbesitzer überlassen, seine Beschäftigten besser zu bezahlen. Denn wir legen die Löhne nicht fest und die Fabriken gehören uns auch nicht.

Machen Sie es sich damit nicht zu einfach?

Keineswegs. Mit unseren hohen Anforderungen an die Sicherheit sowie Umwelt- und Sozialstandards gelten wir als unbequemer Kunde. Wir sprechen mit unseren Produzenten inzwischen länger über diese Themen also über die Preise. Händler aus Russland, Brasilien oder China haben weniger Auflagen und unterlaufen unsere Standards, weshalb sie von den Produzenten bevorzugt werden. Unser Druckpotenzial ist also auch deshalb begrenzt.

Sie wollen uns sagen, dass es für Sie schwer geworden ist, Lieferanten zu gewinnen?

Es ist in der Tat nicht leicht, gute, zuverlässige und verantwortungsvolle Fabrikanten zu finden. Gelingt uns das, dann investieren wir in sie, etwa durch Trainings. Das ist auch ein Grund, weshalb ich nicht bereit bin, unsere Lieferanten offen zu legen, wie das Entwicklungsorganisationen fordern. Ich werde der Konkurrenz nicht verraten, mit wem wir zusammen arbeiten. Vorstellbar ist für mich nur, die Informationen einem vertraulichen Gremium zum Beispiel im Rahmen des Textilbündnisses zu offenbaren.

Hat das Textilbündnis überhaupt eine Zukunft?

Wir stehen dazu, das Bündnis hat viel bewegt. Doch wir machen uns einige Sorgen: Die Mitglieder decken inzwischen weniger als die Hälfte des deutschen Marktes ab, wichtige Player auch aus dem Online-Bereich fehlen. Zudem erwägen wohl weitere Unternehmen einen Austritt. Dann stellt sich die Frage, ob sich die Mitgliedschaft für uns nicht zu einem echten Wettbewerbsnachteil entwickelt. Wir halten uns an hohe Standards und nehmen Mehrkosten in Kauf, während sich die Konkurrenz einen schlanken Fuß macht.

Der bisherige Entwicklungsminister Gerd Müller hat ja sogar schon einmal mit Sanktionen und verbindlichen Rahmenbedingungen gedroht.

Verbindliche Rahmenbedingungen würden wir sehr begrüßen. Damit gelten für alle die gleichen Regeln, es gibt keine Wettbewerbsverzerrung.

Was stört Sie noch am Bündnis?

Gerade die Entwicklungsorganisationen wollen bei den Standards immer weiter draufsatteln. Doch wir dürfen die Produktionsländer nicht überfordern. Was nützt der Näherin ein hoher Lohn, wenn sie am Ende ihren Job los ist. Es wäre fatal, wenn die Textilindustrie Bangladesch verließe. Dort gibt es ja kaum andere Arbeitsplätze.

Sie selbst sehen sich schon in Afrika nach neuen Lieferanten um. Sind Ihnen die Kosten in Asien inzwischen zu hoch?

Das hat damit gar nichts zu tun. Ich bin in Südafrika geboren, habe daher ein besonders Verhältnis zu Afrika. Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Kontinent ewig abgehängt bleibt. Die Menschen flüchten ja nicht ohne Grund. Wir wollen mithelfen, dort Arbeitsplätze zu schaffen. Die Näherinnen sind zwar noch nicht so geübt wie ihre Kolleginnen in Asien. Aber das Potenzial ist da.