Kaum noch Azubis

Kaum noch Azubis: Tarifflucht im Handwerk führt zu drastischem Fachkräftemangel

Berlin - Fast 19.000 Lehrstellen sind  im Handwerk derzeit noch unbesetzt. Besonders betroffen sind nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) das Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Friseurgewerbe.  Trotz eines leichten Anstiegs der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 2,9 Prozent gegenüber 2016 wird sich der Fachkräftemangel damit weiter verschärfen. Nach einer Studie der bayerischen Wirtschaftsvereinigung könnten bereits 2020 bundesweit bis zu 1,8 Millionen Gesellinnen und Gesellen ...

Von Stefan Sauer
19.000 Lehrstellen im Handwerk sind in Deutschland noch offen. dpa

Fast 19.000 Lehrstellen sind  im Handwerk derzeit noch unbesetzt. Besonders betroffen sind nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) das Elektro-, Sanitär-, Heizungs- und Friseurgewerbe.  Trotz eines leichten Anstiegs der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 2,9 Prozent gegenüber 2016 wird sich der Fachkräftemangel damit weiter verschärfen. Nach einer Studie der bayerischen Wirtschaftsvereinigung könnten bereits 2020 bundesweit bis zu 1,8 Millionen Gesellinnen und Gesellen fehlen.

Kaum noch Flächentarifverträge

Eine der wesentlichen Gründe für diese Entwicklung ist aus Sicht der Gewerkschaften die schwindende Tarifbindung im Handwerksbereich: Immer weniger Innungen und Innungsverbände schließen Flächentarifverträge ab. „Mittlerweile gibt es im KFZ-Handwerk nur noch in zwei Bundesländern Flächentarifverträge. Im Elektrohandwerk sind es vier, im Heizungsbau sechs Länder“, kritisiert Ralf Kutzner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Noch in den 90er Jahren habe es mit allen Landesinnungen für so gut wie alle Handwerke Flächentarifverträge gegeben. In den ostdeutschen Ländern sei die Tarifflucht besonders stark. Dort sind laut Kutzner mittlerweile nur noch etwa zehn Prozent aller Handwerksbetriebe Mitglied einer Innung. Im Westen seien es noch 40 Prozent.

Für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat die Tarifflucht spürbare Nachteile. „Noch vor 20 Jahren lagen Löhne und Sonderzahlungen wie das Weihnachtsgeld im Metall- und Elektrohandwerk im Schnitt nur wenig unter dem Niveau der Industrie. Heute beträgt der Lohnabstand zur Industrie rund 30 Prozent“, betont der Gewerkschafter. Damit steige für einen großen Teil der Beschäftigten die Gefahr der Altersarmut. Erhebungen des DGB weisen in die gleiche Richtung: In einer Umfrage zum Gute-Arbeit-Index 2015 äußerten rund 80 Prozent der im Handwerk Beschäftigten die Erwartung, dass ihre gesetzliche Rente kaum zum Leben reichen werde. 53 Prozent empfanden ihren Lohn als nicht leistungsgerecht und zu niedrig.

Das dürfte auch für die Ausbildungsvergütungen zutreffen. Im Handwerk liegen sie nach Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung etwa 35 Prozent unter denen in der Industrie. Auch im öffentlichen Dienst, in freien Berufen und sogar in der Landwirtschaft erhalten Azubis durchschnittlich höhere Entgelte als im Handwerk. Dabei spielen die zu erwartenden Einkommen laut DGB für 93 Prozent der Berufseinsteiger die maßgebliche Rolle in der Berufswahl. 

Wesentlich verantwortlich für die Tarifflucht sind nach einem Gutachten des  Rechtswissenschaftlers Winfried Kluth von der Universität Halle-Wittenberg Innungen und Innungsverbände. Sie nähmen die ihnen ausdrücklich vom Gesetzgeber zugedachte Aufgabe, Flächentarifverträge abzuschließen, kaum mehr wahr, heißt es in dem Gutachten, das von der gewerkschaftsnahen Hugo-Sinzheimer-Institut in Auftrag gegeben wurde und an diesem Dienstag veröffentlicht wird. Als Beispiel führt Kluth das Bäckerhandwerk an: Seit Mitte der 90er Jahre seien zahlreiche  Mantel- und Lohntarifverträge gekündigt worden. „Das hat zur Folge, dass es im Osten kaum noch Tarifbindungen im Bäckerhandwerk gibt“, schreibt der Rechtswissenschaftler. 

Nur ein Drittel der Azubis beendet die Ausbildung

Dass viele Innungsverbände das ihnen verliehene Privileg, Tarifverträge abzuschließen, nicht nutzen, hat aus Gewerkschaftssicht einen simplen Grund. „Sie wollen aus dem Flächentarif aussteigen, um die Personalkosten durch Löhne unter Tarifniveau senken zu können“, mutmaßt IG-Metall-Vorstand Kutzner. Anstatt selbst Tarifverhandlungen für alle ihre Mitgliedsbetriebe zu führen, hätten Innungen Tarifgemeinschaften gegründet, die Tarifabschlüsse aushandeln sollen. Da die Mitgliedschaft  der Innungsbetriebe aber freiwillig ist, gelten mit Tarifgemeinschaften abgeschlossene Verträge für weitaus weniger Betriebe. „In Hessen zum Beispiel hat die Landesinnung für das KfZ-Handwerk mit 2600 Mitgliedsbetrieben während der bereits mit der IG Metall laufenden Tarifrunde erklärt, für Tarifabschlüsse nicht mehr zuständig zu sein. Man hat auf eine neue Tarifgemeinschaft verwiesen, mit der wir dann auch einen Vertrag abgeschlossen haben“, berichtet Kutzner. Allerdings gelte dieser Abschluss nun nicht mehr für alle 2600 Mitgliedsbetriebe der Landesinnung, sondern aktuell nur noch für rund 130 Unternehmen, die sich der Tarifgemeinschaft angeschlossen hätten.

Letztlich schaden sich Innungen und Betriebe mit der Tarifflucht selbst. Laut IG Metall bleibt nur noch ein Drittel der Azubis nach Ende der Ausbildung dem Handwerk treu. 35 Prozent wandern direkt in Industrieunternehmen ab, acht Prozent gehen zum Handel, die übrigen wechseln an Hochschulen oder bilden sich anderweitig weiter.

Angesichts dieser Entwicklungen fordert die IG Metall eine Änderung der Handwerksordnung, um Flächentarifverträge zu stärken. So sollten Innungen, die ihre tarifpolitischen Aufgaben nicht wahrnehmen, ihren  privilegierten Status als Körperschaften des Öffentlichen Rechts verlieren. „Sie dürften dann keine hoheitlichen Aufgaben mehr übernehmen und keine Prüfungen mehr abhalten“, erläutert Kutzner. Zudem solle bei Abstimmungen über den Abschluss von Tarifverträgen die Zahl der Stimmen je Betrieb von der Zahl der Beschäftigten und der Betriebsstätten abhängig gemacht werden. Damit hätten größere Betriebe, die in der Mehrzahl an Flächentarifverträgen interessiert sind, ein stärkeres Gewicht.