Arbeit

Arbeitsmarkt: Durch die Digitalisierung werden Millionen Jobs wegfallen

Halle (Saale) - Der Super-Computer von IBM, Watson, kann das Röntgenbild eines Tumors verstehen, Ironie in Beschwerdebriefen erkennen oder Vibrationsdaten auswerten. Zahlreiche deutsche Konzerne nutzen das System bereits, um Produkte und Geschäftskonzepte weiterzuentwickeln. Doch wenn immer mehr Aufgaben von der Technik übernommen werden, was wird dann aus den Mitarbeitern der Konzerne? Verdängen Roboter und Software den Menschen von den Arbeitsplätzen? MZ-Redakteur Steffen Höhe sprach mit dem Arbeitsmarktexperten Ulrich Zierahn vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, der seit Jahren zur Digitalisierung der Wirtschaft ...

29.04.2017, 10:00

Der Super-Computer von IBM, Watson, kann das Röntgenbild eines Tumors verstehen, Ironie in Beschwerdebriefen erkennen oder Vibrationsdaten auswerten. Zahlreiche deutsche Konzerne nutzen das System bereits, um Produkte und Geschäftskonzepte weiterzuentwickeln. Doch wenn immer mehr Aufgaben von der Technik übernommen werden, was wird dann aus den Mitarbeitern der Konzerne? Verdängen Roboter und Software den Menschen von den Arbeitsplätzen? MZ-Redakteur Steffen Höhe sprach mit dem Arbeitsmarktexperten Ulrich Zierahn vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, der seit Jahren zur Digitalisierung der Wirtschaft forscht.

Viele Branchen in Deutschland beklagen einen Fachkräfte-Mangel. Gibt es diesen aus Ihrer Sicht?
Ulrich Zierahn: Fachkräfte-Mangel halte ich für einen schwierigen Begriff, weil er sich nicht objektiv messen lässt. Ich würde lieber von Engpässen sprechen. Die können entstehen, wenn die Nachfrage nach bestimmten Fachkräften kräftig steigt und die Unternehmen mit der Ausbildung nicht schnell genug darauf reagieren können. Oder wenn die Bezahlung in bestimmten Gebieten nicht ausreicht, um genügend Leute anzulocken.

Wo gibt es in Deutschland Engpässe am Arbeitsmarkt?
Zierahn: Es gibt Anzeichen dafür, dass es überall Unternehmen oder auch Branchen gibt, in denen Engpässe bestehen. Doch diese lassen sich durch höhere Löhne, Weiterqualifizierung oder die Ausbildung von Quereinsteigern auch beheben. Es ist eine sehr diffuse Diskussion. In der öffentlichen Debatte wird vor einer Überakademisierung und einem Fachkräftemangel gewarnt, gleichzeitig wird aber über ein Ende der Arbeit geredet.

Die US-Wissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne haben in einer vielbeachteten Studie ausgerechnet, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden zehn bis 20 Jahren von intelligenten Robotern oder Software ersetzt werden könnten. Ist das Panikmache?
Zierahn: Solche Studien verwenden in der Regel Berufsbeschreibungen und gehen davon aus, dass alle Arbeitnehmer auch genau dies tun, was dort steht. Wir haben am ZEW selbst eine Studie angefertigt, wo wir geschaut haben, welche einzelnen Tätigkeiten die Arbeitnehmer genau ausführen. Dann fallen die Werte viel geringer aus. Das heißt, die Berufstätigen passen sich bereits an, suchen sich Aufgaben, die nur schwer zu automatisieren sind.

Welche Zahlen haben Sie konkret für Deutschland ermittelt?
Zierahn: 42 Prozent der Erwerbstätigen hierzulande arbeiten in Berufen mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit, was zunächst 18 Millionen gefährdeten Jobs entspricht. Schaut man sich statt der Berufe die konkreten Tätigkeiten an, sind es nur noch zwölf Prozent oder umgerechnet fünf Millionen Jobs. Doch auch diese werden sicher nicht alle wegfallen. Viele Arbeitnehmer werden beim Einsatz von Robotern an ihrem Arbeitsplatz sicher andere Tätigkeiten im Unternehmen übernehmen. Man darf die technischen Potenziale daher nicht mit den tatsächlichen Beschäftigungseffekten verwechseln.

Welche Tätigkeiten könnten schnell automatisiert werden?
Zierahn: Es sind Aufgaben, die prinzipiell sehr klaren Regeln folgen und sich stark wiederholen. In der Industrie sind das beispielsweise Fließbandarbeiten. Aufgaben, die nicht eindeutig festgelegt sind, wie Problemlösungen, menschliche Interaktion oder Kreativität werden Roboter nicht so einfach übernehmen.

Es gibt aber schon Software, die etwa Börsenberichte schreibt. Können sich die Kreativen so sicher sein, dass sie nicht betroffen sind?
Zierahn: Allgemein gilt: Je höher die Bildung, desto eher ist man für die Digitalisierung gewappnet. Natürlich können Computer auch Tätigkeiten übernehmen, die in höherqualifizierte Bereiche fallen. Börsen, Sport-, oder Wetterberichte folgen aber sehr klaren Regeln. Computeralgorithmen können schnell reine Ergebnisse wiedergeben. Doch Journalisten werden dadurch nicht überflüssig. Sie haben sehr komplexe Aufgaben, etwa die Gründe für die Insolvenz eines Konzerns aufzudecken. Vielleicht ist es ja sogar gut, dass die Computer einfache Texte schreiben, weil die Journalisten dann mehr Zeit haben, sich spannenden Themen zu widmen.

Sie Optimist! Einige Wissenschaftler halten die Leistung neuer Softwaresysteme für so hoch, dass diese auch komplexe Aufgaben künftig schneller erledigen als der Mensch.
Zierahn: Die Angst, dass der Computer oder der Roboter den Menschen die Arbeit wegnimmt, ist nichts Neues. Das gab es schon in den 70er Jahren - Stichwort: die menschenleere Fabrik. Es hat sich ja auch gezeigt, dass Roboter gerade in der industriellen Fertigung viele Aufgaben übernommen haben. Aber es sind gleichzeitig viele neue Aufgaben entstanden, die es vorher nicht gab. Es lässt sich nicht vorhersagen, wie viel Arbeit wegfällt und neue hinzukommt.

Was würden Sie einem Arbeitnehmer raten, damit er nicht vom Roboter verdrängt wird?
Zierahn: Den Wandel aktiv mitgehen. Die Berufsbilder verändern sich ständig. Vor 30 Jahren hat man gedacht, dass mit dem Einzug des Computers die Sekretariate wegfallen. Das ist nicht passiert. Doch die Aufgaben sind heute andere als früher.

Es wird vor einer Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich gewarnt. Wie gefährlich ist die Digitalisierung für den sozialen Frieden, wenn viele einfache Tätigkeiten wegfallen?
Zierahn: Es zeichnet sich ab, dass der technologische Wandel vor allem hoch qualifizierten Arbeitnehmern nutzt. Das könnte zu einer weiteren Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen führen. Es ist daher wichtig, dass wir uns als Gesellschaft darüber Gedanken machen, wie alle von dem Wandel profitieren können. Es ist also eine politische Frage, ob es mehr Ungleichheit gibt.

In Österreich wird aktuell ernsthaft über eine Maschinensteuer diskutiert. Halten Sie eine solche für sinnvoll?
Zierahn: Auch diese Diskussion ist nicht neu und wurde schon in Deutschland geführt. Man hat es aus guten Gründen aber nicht getan. Erstens sind massive Jobverluste unwahrscheinlich. Viel eher werden sich Aufgaben und Berufsbilder ändern. Zweitens ist es schwer, die Arbeit einer Maschine zu besteuern. Wo fängt das an, wo hört das auf. Drittens hat es stark verzerrende Wirkungen. Denn durch den Einsatz von Maschinen werden Unternehmen in der Regel effizienter und wettbewerbsfähiger. Das sichert auch Arbeitsplätze. Wenn das aufgegeben wird, könnten die negativen Effekte viel größer sein als die erhofften Einnahmen.

(mz)