Was der Osten lehren kann Was der Osten lehren kann: Über die «rollende Woche» zum Rollenwechsel
Halle/MZ. - Sollen sie dies doch tun, soll diese Firmadoch selbst im Einvernehmen mit ihrer Belegschaftentscheiden, wie die Arbeitszeit aufgeteiltwird - so mag man spontan meinen. Doch weitgefehlt: Derartige Flexibilität der Arbeitszeitenist dem Tarifkartell aus Gewerkschafts- undArbeitgebervertretungen bisher ein Dorn imAuge.
Noch ist nicht sicher, wie das Beispiel derFirma aus Schkopau ausgeht - man möchte derGewerkschaft, in diesem Fall der für Bergbau,Chemie, Energie (IG BCE) dringend raten, sichdiesem Modell zu öffnen, ja, sich mit ihmzu schmücken. Denn solche Öffnungen sind Goldwert und bringen dem Osten dauerhaft mehrals Strukturhilfen, Förderprogramme und Transferzahlungen.Zudem würden die Gewerkschaften beweisen,dass sie auch künftig in der Lage sind, gesellschaftlicheProzesse mitzugestalten.
Dies ist nun schon das zweite Mal innerhalbkurzer Zeit, dass der Osten durch vernünftigesVerhalten auffällt. Gerade eben wurde derIG Metall hier beigebracht, dass man nichtmehr bereit ist, sich für einen Arbeitskampfeinzusetzen, bei dem es ums Prinzip (oderdie Macht einiger Männer) geht, nicht aberum das Wohl der jeweiligen Mitarbeiter.
Die Botschaft ist klar: Es gibt in Deutschlandnoch Belegschaften, die ihren eigenen gewähltenVertretern mehr vertrauen als den herangereistenFunktionären der Fachgewerkschaften. Und dieseBotschaft kommt an, besonders bei Mittelständlern,die auf Gedeih und Verderben auf Zusammenarbeitangewiesen sind. Diese Mittelständler könntenLust bekommen, künftig verstärkt dorthin zugehen, wo man derartige Beweglichkeit an denTag legt.
Insofern sind solche Signale geeignet, einenRollenwechsel einzuleiten: der Osten als Vorbildfür den Westen. Dort hat man sich in Jahrzehntender ritualisierten Arbeitskämpfe ziemlichverrannt und gerät mit jeder vermeintlichenLösung tiefer hinein in den Teufelskreis:Weniger Arbeitszeit bedeutet mehr Arbeitslosigkeit.Das ist hinreichend bewiesen.
In vielerlei Beziehung sind Ost und West zusammengewachsenund Begriffe wie "Made in Germany" gelteninzwischen gleichermaßen. In der Einstellungder Menschen zu ihrer Arbeit mag es dennoch- nicht zuletzt durch die bittere Erfahrungder höheren Arbeitslosigkeit - noch Unterschiedegeben. Und diese Unterschiede sollte man bewahren.Sie könnten helfen, auch Produktivitäts-Rückständewettzumachen - dann nämlich, wenn sich derOsten als der flexiblere Teil des Landes anbietet.So wie sich Elend oft von allein weiter nachunten schraubt, schwingt sich auch Erfolgvon selbst in die Höhe.