Visionen Visionen: Leben ohne Geld
Halle/MZ. - Im Mai 1996 beschloss Heidemarie Schwermer, ganz ohne Geld zu leben. Sie kündigte Wohnung und Versicherungen, verschenkte, was sie besaß, und ging zum Teilen über.
Hoffen auf Wertewandel
"Ein Tauschsystem haben wir ja schon. Wir tauschen Geld gegen Waren", sagt die gebürtige Ostpreußin. Ihre Philosophie heißt Gib-und-Nimm, und Schwermer hofft damit auf einen Wertewandel. "Jeder gibt, was ihm Freude macht, und erhält, was er braucht", so ihre Devise. Gerade überlegt sie, ob die Fenster in der Wohnung, aus der sie telefoniert, einer Reinigung bedürfen. Es ist nicht ihre eigene, denn Heidemarie Schwermer hat schon lange keinen festen Wohnsitz mehr. "Der Mensch, der hier wohnt, gibt so viel - da will ich ihn überraschen", sagt sie. Das mache sie wiederum glücklich.
Die jugendlich wirkende 67-Jährige mit den hellen Haaren und wachen Augen hat sich ein Netzwerk aufgebaut, durch das sie unterstützt wird. Wie viele Menschen genau mitmachen, kann sie nicht sagen. Täglich kämen neue hinzu. Seit zehn Jahren hütet Schwermer die Katze einer Freundin, wenn die im Urlaub ist, dafür bekommt sie Kost und Logis. Sie passt auf Kinder auf, bekommt Kleidung geschenkt. Hilft im Garten, dafür bezahlt ihr jemand ein Handy, über die Tauschwillige sie erreichen können. Lebensmittel ertauscht sie sich in einem Bioladen, dafür fegt die Rentnerin den Hof.
Einladungen zum Fest
Im Moment wohnt sie im Sauerland, für ein paar Tage. "Früher habe ich oft eine Woche an einem Ort gewohnt, heute ist so viel zu tun, dass ich meistens kürzer bleibe." Sie kocht, sie putzt, bietet Gespräche an, hält Vorträge über ihr Leben ohne Geld. Und die frühere Lehrerin und Psychotherapeutin teilt ihr Leben mit verschiedenen Menschen. "Ich genieße das sehr. Nur manchmal brauche ich einen Rückzug", sagt sie. Auch deshalb wollte sie eigentlich über Weihnachten ein Haus hüten, ganz allein mit sich und ihren Gedanken. "Aber da drängen schon andere Leute, ob ich nicht mit ihnen Weihnachten feiern will", so Heidemarie Schwermer.
Die Menschen seien heute offener für ihre Ideen als noch vor 13 Jahren. "Denen geht es auch um die Welt und nicht nur um den eigenen Teller." Sie verstünden, dass sich nach der Wirtschaftskrise etwas ändern muss. Recht geben ihr die Tauschringe, die zumeist in größeren Städten entstehen. Allein in Berlin gibt es zehn dieser sozialen Organisationsformen. In Sachsen- Anhalt gibt es den "Urstrom- Taler".
Heidemarie Schwermer ist eine Vorreiterin und selbst das extremste Beispiel für das Prinzip des Teilens. "Meine Idee muss weitergehen", sagt sie. Deshalb setze sie sich auch in Talkshows wie "Plasberg persönlich". Nach der Sendung mit Frank Plasberg etwa hatten sich die Zugriffe auf ihre Homepage beinahe verdoppelt, sie erreichten massenweise E-Mails. Durch ihre Medienpräsenz bekommt sie jedoch auch Angebote von Menschen, die ihr Anliegen nicht verstehen. "Da schreiben Leute etwas wie: ,Meine Wohnung ist völlig verdreckt, bitte kommen und helfen Sie.' Oder ,Sorgen Sie für meine demente Mutter'." Über die Jahre habe sie aber ein Gespür dafür entwickelt, was geht und was nicht. "Nein sagen muss man lernen, wenn man das nicht kann, ist man ausgeliefert."
Inzwischen teilt Heidemarie Schwermer auch mit Menschen jenseits der deutschen Grenze. Ihr Buch "Das Sterntalerexperiment: Mein Leben ohne Geld" ist in mehrere Sprachen übersetzt worden, zuletzt auf italienisch. In Florenz bekam sie für ihre gelebte Utopie den Friedenspreis Firenze per le Vulture di Pace. "In Italien scheint es den Leuten noch weniger möglich, ohne Geld zu leben", erzählt Schwermer. "Oft sagen sie dort, ,Ich bewundere Sie'. Aber ich möchte gar nicht bewundert werden, sondern Impulse setzen." Dennoch stößt Heidemarie Schwermer nicht nur auf Bewunderer. Hinter ihrer Idee des Lebens ohne Geld, des Gebens und Nehmens, sehen Kritiker eine Provokation, eine Ideologie, manche sogar eine Sekte. "Ich will niemanden manipulieren", verteidigt sie sich. Außerdem sei ihre Gib-und- Nimm-Initiative alles andere als eine Bewegung. "Es sind immer noch relativ wenige Menschen involviert", sagt Heidemarie Schwermer. Allerdings gibt es mehrere ähnliche Initiativen, die sich wie sie gegen das Geldtauschsystem stellen. Die Schenker-Bewegung von Jürgen Wagner zum Beispiel, der nicht nur den Konsum verweigert, sondern auch seinen bürgerlichen Namen abgelegt hat und nun im Unterholz der Oberlausitz als "ÖffÖff" fernab der Zivilisation lebt. "Das ist aber ein ganz anderer Ansatz als meiner", sagt Schwermer. Der Waldmensch, wie er von den Medien genannt wird, bekommt viel geschenkt, gibt jedoch nicht unbedingt etwas zurück.
Ohne andere Menschen funktionieren alle diese alternativen Gesellschaftsmodelle nicht. Auch die Nomadin Schwermer braucht für ihr Leben ohne Notgroschen andere Menschen, die mit ihr teilen. Und auch ohne Krankenkasse geht es nicht.
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Lange hat sie sich gesträubt einzuzahlen, aus dem festen Glauben an ihr Lebenskonzept: "Es gibt ein paar Ärzte und Zahnärzte, die mich im Tausch behandeln würden, was ich bislang nicht in Anspruch nehmen musste." Dafür hagelte es Kritik: Immerhin hätte im Ernstfall die Allgemeinheit für sie in die Tasche greifen müssen. Die Beiträge für die Krankenkasse zahlt die Aussteigerin deshalb nun von ihrer kleinen Rente, deren Rest verschenkt sie an Menschen in Not. Genau wie die Gagen für ihre Fernsehauftritte und die Tantiemen für ihr Buch.
"Ich arbeite schon an einer neuen Welt" Heidemarie Schwermer empfindet die absolute Freiheit in ihrem Lebensstil. "Wenn andere sagen: ,Du bist abhängig von uns', sage ich ,Ja, aber ich kann mein Leben von Grund auf ständig ändern, wenn ich will'." Denn sie mache sich nicht abhängig von Arbeit oder Besitz. Sie lebt aus einem Koffer - der ist schnell gepackt und Heidemarie Schwermer an einem anderen Ort.
Angst vor dem Alter habe sie nicht, sagt sie, auch nicht davor, irgendwann ihre Ideale nicht mehr leben zu können. "Solange ich die Freude behalte an dem, was ich tue, ist alles gut." Auf den Vorwurf, sie lebe wie jeder andere von Geld, nur eben von dem anderer Leute, antwortet sie: "Das ist aber nur so, weil ihr alle noch mit Geld lebt." Die Menschen müssten noch reifer werden, sich bewusst machen, was sie wirklich brauchen und wohlwollend miteinander umgehen.
Keine Zukunftsmusik
Eine Gesellschaft ohne Geld ist für die 67-Jährige keine Zukunftsmusik: "So wie sich in der DDR niemand vorstellen konnte, dass die Mauer fällt, sehe ich das mit dem Geld. Ich arbeite schon an einer neuen Welt. Auch wenn das albern klingt, weil ich allein bin." Sie habe schon viele Samen ausgesät.
Kritiker bemängeln, dass ihr Prinzip aus Geben und Nehmen auf blindem Vertrauen ohne Kontrolle beruhe. Und dieses Prinzip führe früher oder später zu Problemen. Dies wiederum bekam Schwermer schon am eigenen Leib zu spüren: Ihre Tauschzentrale, die sie 1994 in Dortmund gegründet hatte, löste sich nach einigen Jahren wieder auf. Mitglieder hatten sich über die Modalitäten des Tauschvorgangs in die Haare bekommen.