Pöbel-Proteste gegen Gauck

Pöbel-Proteste gegen Gauck: Bizarrer Auftritt eines umstrittenen Hallensers in Sebnitz

Halle (Saale)/Sebnitz - Der Mann steht vor dem Rathaus von Sebnitz, zuweilen läuft er hin und her. Die Linke gestikuliert, die Rechte umklammert ein Mikrofon. Seine Stimme überschlägt sich beinahe, von dem, was er ruft, sind nur Fetzen zu verstehen: „Das deutsche Volk“, „Stasi“, „IM Larve“, „IM Erika“ oder „politisch erbärmliche ...

Von Alexander Schierholz 27.06.2016, 14:27

Der Mann steht vor dem Rathaus von Sebnitz, zuweilen läuft er hin und her. Die Linke gestikuliert, die Rechte umklammert ein Mikrofon. Seine Stimme überschlägt sich beinahe, von dem, was er ruft, sind nur Fetzen zu verstehen: „Das deutsche Volk“, „Stasi“, „IM Larve“, „IM Erika“ oder „politisch erbärmliche Gestalten“.

Die Szene stammt aus einem Video, das den Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck am Sonntag in der ostsächsischen Kleinstadt dokumentiert - und den Protest dagegen. Später darf der Mann mit dem Mikro in dem Film noch zwei Minuten lang unkommentiert seine Sicht auf die Welt erklären: Demnach soll der Bundespräsident „Zuträger“ der Stasi gewesen sein, als eben jener IM Larve. Und, „das darf man auch sagen“: Der Präsident sei kein Bürgerrechtler gewesen, sondern „Begünstigter des DDR-Systems“, unter anderem weil er einen „VW-Bus aus dem Westen“ besessen habe.

Gastspiel eines Hallensers in Sachsen

Der Mann trägt ein dunkelblaues T-Shirt mit einem Konterfei von Gauck, darunter der Schriftzug „Not my president“ (nicht mein Präsident).  Er heißt Sven Liebich, und sein Gastspiel in Sachsen dürfte besonders in Halle Beachtung finden.

Dort tritt Liebich regelmäßig bei den halleschen Montagsdemos auf, einem Häuflein von 30 bis 40 Leuten; Beobachter wie Torsten Hahnel von der örtlichen Arbeitsstelle Rechtsextremismus stufen die Versammlungen ein als  „Sammelbecken von Rechten und Verschwörungstheoretikern“. Bis vor kurzem betrieb Liebich zudem die Hetz-Seite „Halle leaks“. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte im vorigen Herbst waren dort ungeheuerliche Geschichten gepostet worden - etwa die von dem Jungen und seinem Vater, die in einem als Flüchtlingsunterkunft genutzten Hotel angeblich erschlagen und enthauptet worden sein sollen. Kein Wort davon stellte sich als wahr heraus.

Vor wenigen Wochen nahm Facebook die Seite vom Netz. Mittlerweile gibt es einen Nachfolger. Ob wieder Liebich dahinter steckt, ist unklar; weder die Facebook-Seite noch der dort verlinkte Blog „blog.halle-leaks.de“ haben ein Impressum. In dem Video aus Sebnitz wird Liebich allerdings als „Blogger und Aktivist“ eben jenes Blogs vorgestellt.

Das ist die Gegenwart des Sven Liebich. Und das seine Vergangenheit: Bis 2003 war der Mann eine der führenden Persönlichkeiten in der rechtsextremen Szene Halles, als Chef einer Neonazi-Kameradschaft, mit Kontakten zum vor zwei Jahren  unter merkwürdigen Umständen ums Leben gekommenen V-Mann Thomas Richter alias „Corelli“. Dann will er ausgestiegen sein.

Keine Belege für den Ausstieg

Glaubwürdig? „Für einen Ausstieg gibt es bis heute keine Belege“, sagt Szene-Beobachter Hahnel. Auch Henriette Quade, Landtagsabgeordnete der Linken, hat Zweifel an dieser Erzählung. Liebich habe im vergangenen Oktober eine Montagsdemo angeführt, bei der organisierte Neonazis der Kamerad „Brigade Halle“ und sogenannte „Reichsbürger“ mitgelaufen seien; im Jahr davor sei er bei einem Rechtsrock-Konzert in Halle gesehen worden. „Das macht einen Ausstieg nicht glaubhaft“, urteilt Quade.

Sein Geld verdient Sven Liebich heute mit einem T-Shirt-Versand; umstellen musste er sich dafür nicht. „Schon in seiner aktiven Zeit als Neonazi hat er die Szene mit T-Shirts versorgt“, sagt Hahnel. Auch seine Feindbilder, ob auf Montagsdemos oder im Netz, seien heute dieselben wie damals: Flüchtlinge, Linksalternative,  Politiker - siehe den Auftritt in Sebnitz.

Interviewanfrage bleibt unbeantwortet

Auf dem Video vom Besuch des Bundespräsidenten wirkt Liebich wie ein Einzelkämpfer. Doch die Gruppe der Pöbler gegen Gauck ist groß: Die Polizei spricht am Montag von mehr als 200 Störern. Dem Sebnitzer Bürgermeister Mike Ruckh zufolge kamen sie unter anderem aus Delitzsch bei Leipzig, von Pegida aus Dresden - und aus Halle. Zu den Protesten war im Internet aufgerufen worden, unter anderem auf dem Blog „Halle leaks“: „Der Gauckler kommt nach Sebnitz am 26.6.“, hieß es dort, und: „Begrüßen wir ihn doch freundlich“. Liebich ließ eine Interviewanfrage der MZ am Montag unbeantwortet. (mz)

Bedrohlich: Polizei muss Bundespräsident Joachim Gauck (verdeckt) in Sebnitz (Sachsen) vor aufgebrachten Menschen schützen.
Bedrohlich: Polizei muss Bundespräsident Joachim Gauck (verdeckt) in Sebnitz (Sachsen) vor aufgebrachten Menschen schützen.
dpa-Zentralbild