Lichtfest in Leipzig

Lichtfest in Leipzig: Erinnerung an „Wir sind das Volk!“

Leipzig - Die Ereignisse in Leipzig hat Astrid Eichler damals im Westfernsehen verfolgt. Vielmehr hat sie zunächst nicht mitbekommen, daheim im Brandenburgischen. „Leipzig war weit weg.“ 25 Jahre später steht sie in einer gut 200 Meter langen Schlange und wartet geduldig auf Einlass in die Leipziger Nikolaikirche. Seit einer halben Stunde steht sie hier, und falls sie es nicht mehr schafft, gibt es ja noch die Großbildleinwände auf dem Kirchhof und auf dem ...

Von Alexander Schierholz

Die Ereignisse in Leipzig hat Astrid Eichler damals im Westfernsehen verfolgt. Vielmehr hat sie zunächst nicht mitbekommen, daheim im Brandenburgischen. „Leipzig war weit weg.“ 25 Jahre später steht sie in einer gut 200 Meter langen Schlange und wartet geduldig auf Einlass in die Leipziger Nikolaikirche. Seit einer halben Stunde steht sie hier, und falls sie es nicht mehr schafft, gibt es ja noch die Großbildleinwände auf dem Kirchhof und auf dem Augustusplatz.

Friedensgebet, Festakt im Gewandhaus, abends das Lichtfest mit Videoinstallationen, Kunstaktionen und Performances rund um den Innenstadtring, der für den Verkehr komplett gesperrt ist: Leipzig feiert an diesem Donnerstag 25 Jahre Friedliche Revolution. Am 9. Oktober 1989 waren 70 000 Menschen den Ring entlang gezogen, knapp vier Kilometer sind das. Sie forderten offene Grenzen, Meinungsfreiheit und Demokratie. Die Staatsmacht, erdrückt von der schieren Masse, griff nicht ein. So ließen die Demonstranten des 9. Oktober, obwohl voller Angst, die DDR implodieren.

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Deshalb steht Astrid Eichler geduldig an der Pforte der Nikolaikirche an. Weil es ein so bedeutender Tag in der jüngeren deutschen Geschichte ist. „Ohne den 9. Oktober kein 9. November“, sagt sie.

Keimzelle der Friedlichen Revolution

Der Urheber dieses Satz hält sich keine 300 Meter von Astrid Eichler entfernt im Steigenberger-Hotel auf. Bundespräsident Joachim Gauck und die anderen Ehrengäste treten lächelnd vor die Tür, ein Winken in die Menge, ab geht es in die bereitstehenden Kleinbusse. Aus Sicherheitsgründen legt der Tross den kurzen Weg zur Nikolaikirche nicht zu Fuß zurück. Das Gotteshaus ist so etwas wie die Keimzelle der Friedlichen Revolution in Leipzig. Seit 1982 haben dort Friedensgebete stattgefunden.

Am gestrigen Abend ist der Gottesdienst der Auftakt. Zehntausende Leipziger und ihre Gäste feiern danach bis in die Nacht das Lichtfest. Viele Familien mit Kindern sind darunter. Etliche Besucher halten Kerzen in den Händen. Manche entzünden sie auf dem Augustusplatz vor dem Opernhaus. Die Lichter formen den Schriftzug „Leipzig 89“. Auch im City-Hochhaus gegenüber sind Fenster in Form der „89“ erleuchtet.

Das ist, natürlich, ein Event. Und so hat sich in Leipzig schon Tage vor dem großen Tag die Debatte entzündet, ob das denn sein darf. Ob man denn so erinnern darf an den 9. Oktober. Das Stadtmagazin „Kreuzer“ etwa schmähte das Lichtfest als „Revolutions-Disneyland“. Schließlich habe damals kaum ein Demonstrant eine Kerze dabei gehabt. Die Organisatoren vom Stadtmarketing und viele Befürworter sehen das natürlich anders. Sie argumentieren, man könne nun einmal schlecht den Demonstrationszug von damals nachspielen. Zudem wolle man auch jüngere Menschen erreichen, welche die Wendezeit nicht erlebt haben.

Ehrensache, diesen Tag zu feiern

Anders Heinrich Stahnke und seine Frau. Heute sind sie Rentner. Vor 25 Jahren haben sie zu den 70.000 gehört, die Geschichte geschrieben haben ohne es zu wissen. Mit Mut, dem Wissen, dass es so nicht weitergehen kann in der DDR und einem komischen Gefühl im Bauch sind sie damals mitgelaufen. Stahnke erinnert sich: „In den Seitenstraßen standen die Kampfgruppen in voller Montur, auf den Dächern lagen Polizisten mit Maschinengewehren.“ Man habe nicht wissen können, was passiere. Und heute? „Ich bin stolz auf meine Stadt“, sagt der Rentner. Es sei Ehrensache, diesen Tag zu feiern.

Event hin oder her: Die Atmosphäre von damals lässt sich erspüren beim Gang über den Innenstadtring. „Stasi raus!“, „Wir sind das Volk!“ - Einspielungen dieser Slogans an einer Straßenbahnhaltestelle lassen Geschichte lebendig werden. Auf die Fassade eines Hotels hat die Hamburger Künstlerin Sigrid Sandmann Gedanken der einstigen Demonstranten projiziert. Zu lesen ist auch ein schlichter vieldeutiger Satz, der die Stimmung des 9. Oktober 1989 so gut zusammenfast wie kaum ein anderer: „Alles war möglich.“ (mz)