Karamba Diaby

Karamba Diaby: Einer aus Halle

Berlin/Halle - Karamba Diaby für die SPD im Bundestag

Von Alexander Schierholz

Das Land, das Karamba Diaby im Bundestag vertritt, befindet sich vom Eingang aus gesehen ganz hinten links. Diaby, 55, bahnt sich seinen Weg durch die Menge, zwischen Männern in dunklen Anzügen, Frauen in gedeckten Business-Kostümen und Kellnern in weißen Hemden mit Tabletts voller Sekt- und Saftgläsern. Am Tisch des Landesverbandes Sachsen-Anhalt der Familienunternehmer ist noch Platz.

Berlin, Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden. Der Bundesverband der Familienunternehmer hat zum Parlamentarischen Abend in das Atrium einer Großbank geladen.

An den Wänden hängen die Flaggen der Bundesländer, jeder Landesverband hat seinen eigenen Stehtisch. Auf der Gästeliste: mehr als 360 Politiker und Unternehmer, darunter rund 140 Bundestagsabgeordnete.

Solche Termine sind Routine im politischen Berlin. Die Lobbyverbände wollen im lockeren Rahmen mit denen ins Gespräch kommen, die die Gesetze machen - und umgekehrt.

Karamba Diaby, der Vorzeige-Migrant?

„Das ist wichtig für die Kontaktpflege“, sagt Karamba Diaby, hallescher Bundestagsabgeordneter der SPD. „Wir wollen wissen, was die Unternehmen von der Politik erwarten, welche Probleme sie haben, was wir anders machen können.“

Und schon diskutiert er mit den Unternehmern am Tisch über die Rente mit 63. Für den Sozialdemokraten ist das eine Herzensangelegenheit. Im Arbeitgeberlager löst die Regelung alles andere als Begeisterung aus.

Seit 2013 sitzt Diaby für die SPD im Bundestag, Wahlkreis 72, Halle, Kabelsketal, Landsberg, Petersberg. Diaby wurde 1961 im Senegal geboren. Mit Mitte 20 reiste er mit einem Stipendium in die DDR, um zu studieren. Er blieb in Halle hängen, gründete eine Familie, wurde 2001 eingebürgert.

Es ging in den Berichten damals immer auch um seine Herkunft und seine Hautfarbe. Karamba Diaby, der Vorzeige-Migrant?

Diaby lehnt lässig an einem Stehtisch im Bistro des Berliner Paul-Löbe-Hauses, in dem viele Abgeordnete ihre Büros haben und die Bundestagsausschüsse tagen. Er winkt ab. Er sitzt im Bildungs- und im Menschenrechtsausschuss, wo er stellvertretender Vorsitzender ist.

„Was ich mache, mache ich nicht, weil ich einen Migrationshintergrund habe“, sagt er. Sein Vorsitz in einer Projektgruppe der SPD-Fraktion, die sich mit der Zuwanderungsgesellschaft befasst? Ist das nicht doch so ein Migranten-Ding? Nein, sagt er, das sei Zufall. Er sei vom Stellvertreter zum Vorsitzenden aufgestiegen, als die damalige Projektgruppenleiterin nach Nordrhein-Westfalen in die Landespolitik wechselte. So einfach ist das.

Karamba Diaby: "Deutschland steckt in den Kinderschuhen, was politische Teilhabe angeht"

Dennoch wird Diaby nun grundsätzlicher: „Wenn es eine Sensation ist, dass jemand wie ich, der seit 30 Jahren hier lebt und seine Steuern zahlt, in den Bundestag einzieht“, sagt er, „dann steckt Deutschland noch in den Kinderschuhen, was die politische Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund angeht.“ Das sitzt.

Diaby will nicht reduziert werden auf seine Herkunft und seine Hautfarbe. Auch bei der Besuchergruppe, die er Stunden zuvor begrüßt hat, spielt das keine Rolle. Paul-Löbe-Haus, Besprechungsraum E 101.

Holzgetäfelte Wände, grauer Teppichboden, die Fensterfront öffnet sich zu einem begrünten Innenhof. Diaby ist locker, er schwingt sich auf den langen Tisch an einer Seite des Raumes. Vor ihm sitzen auf schwarzen Stühlen 25 Jugendoffiziere und angehende Lehrer aus Sachsen-Anhalt auf Hauptstadt-Besuch.

Diaby berichtet ihnen über seinen Alltag als Abgeordneter, fast eine Stunde lang, ohne Punkt und Komma, seine Hände reden immer mit. Er beschreibt den Ablauf einer Sitzungswoche im Bundestag („Sitzungswoche heißt Sitzung, Sitzung, Sitzung“) - Landesgruppen, Arbeitsgruppen, Ausschüsse, Fraktion, Plenum.

Er erklärt, warum es auf Fernsehbildern im Reichstagsgebäude oft so leer ist - weil die Abgeordneten in ihren Ausschüssen arbeiten. „Wenn Sie mittwochs Phoenix schauen, werden Sie mich nie im Plenum sehen“, sagt er. „Ich sitze dann nicht im Café, sondern in einem Ausschuss. Im Plenum ist man meist nur, wenn die eigenen Themen dran sind.“

Er erzählt, dass es außer der Berliner Sitzungswochen auch Wochen gibt, in denen er im Wahlkreis unterwegs ist. Dass man ihn dann in seinem Bürgerbüro in Halle besuchen kann - nach Voranmeldung. Dass er aber auch gerne zum Wähler nach Hause kommt - Diaby auf Bestellung sozusagen.

Wohnzimmer-Tour heißt das Format, in dem locker auf der Couch über Politik geredet werden soll. Er erzählt, dass er in seinen Wahlkreis-Wochen immer ein örtliches Unternehmen besucht. Er redet dann mit Chefs und Mitarbeitern, er will wissen, wie sie ticken.

Die Zahl der Zwischenfragen in Raum E 101 bleibt überschaubar. Eine Frau will wissen, ob er denn auch außerhalb seines Wahlkreises auftreten würde? Könne man drüber reden, sagt er. Ein Mann fragt, was Diabys „positivste Erfahrung“ war in bald vier Jahren Bundestag. Die Antwort fällt professionell-staatstragend aus: „Die Beteiligung an politischen Prozessen, dass ich einer von 630 Abgeordneten bin, die ihre Stimme abgeben dürfen.“

Am Ende, er hat sich schon verabschiedet, alle sitzen noch auf ihren Stühlen, fällt ihm noch etwas ein. Es geht um die Gruppenfotos, die am Anfang geschossen worden sind.

Jeder Besucher kann eins mit nach Hause nehmen, und Diaby wird das Bild auf seiner Facebook-Seite posten. „Ich weiß genau“, sagt er, „dann wird es drei sachliche Kommentare geben, und 15 Leute werden pöbeln.“

Karamaba Diaby: Stark gegen Fremdenhass und Pöbler im Internet

Das dürfe nicht sein, und deswegen hat der Abgeordnete jetzt noch einen Appell parat: „Wir können Hass und Spaltung in der Gesellschaft nur überwinden“, sagt er, „wenn alle dabei mitmachen.“ Man dürfe nicht nur den Kopf schütteln über Hasskommentare und Pöbeleien im Netz, man müsse dagegenhalten.

„Sonst fühlen sich die zehn Prozent Pöbler in der Mehrheit, sie sind nicht die Mehrheit!“ „Ein schönes Schlusswort“, sagt der Hauptmann, der die Gruppe betreut, und überreicht Diaby als Dankeschön einen Bundeswehr- Kaffeebecher.

Karamba Diaby spricht aus Erfahrung. Er weiß, wie sich Ablehnung anfühlt. Wie viele Politiker erhält auch er regelmäßig beleidigende Mails oder Internet-Kommentare.

Bloß beziehen sich die Verfasser bei ihm manchmal auf seine Herkunft. Als Diaby mal den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) kritisierte, schrieb einer, jetzt werde den Deutschen schon von einem Schwarzen verboten, die Meinung zu sagen. Dabei ist Diaby selbst Deutscher.

Auch Diaby kennt die abschätzigen Blicke in der Straßenbahn oder die abfälligen Bemerkungen auf der Straße, denen sich viele Menschen mit dunkler Hautfarbe in Deutschland immer wieder ausgesetzt sehen. „Ich erlebe das weniger häufig als andere, aber ich kann mich in deren Situation hineinversetzen.“

Er erzählt von einem Abend im vergangenen Jahr: Magdeburg, Hauptbahnhof. Er war spät dran, wollte zum Neujahrsempfang der Landesregierung in der Staatskanzlei.

Zwei Taxifahrer wollten ihn nicht mitnehmen. Sie reagierten erst gar nicht, dann unwirsch. Schließlich ging er zu Fuß. Er hat noch ein Beispiel: Schaffner im ICE, die seine Bahncard 100 misstrauisch beäugen und ihn gleich dazu, als könne da irgendetwas nicht stimmen. „In meinen ersten Monaten als Abgeordneter ist das ein paar Mal passiert, jetzt zum Glück nicht mehr.“

Die Taxi-Geschichte hat er auf dem Nachhauseweg vom Empfang einem Parteifreund erzählt. „Ich musste das loswerden, danach ging es mir besser.“ Er ärgert sich kurz, aber dann ist es gut. „Ich habe eine dicke Krokodilhaut“, sagt er, „muss man haben.“ Er weiß aber, dass nicht jeder diese Haut hat.

Karamba Diaby will nochmal kandidieren

Karamba Diaby hat eine Weile gebraucht, um anzukommen im Berliner Polit-Zirkus. „Es hat gedauert, bis ich mich einigermaßen orientiert hatte, bis ich begriffen hatte, was wie läuft.“ Und nun? Ist die Wahlperiode fast um. A

lso hat er sich entschieden, im September noch einmal anzutreten, trotz 60-Stunden-Woche und wenig Zeit für die Familie in Halle. „Ich möchte gerne mit meinen Themen vorankommen.“

Seine Themen: Bildung, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit - das sind die großen Überschriften. In der Runde mit den Jugendoffizieren und angehenden Lehrern ist er gefragt worden, was er tun würde, wenn er mal ganz alleine entscheiden könnte.

Seine Antwort: „Ich würde dafür sorgen, dass jede Schule in Deutschland saniert wird und einen Sozialarbeiter bekommt.“

Fragt man Karamba Diaby nach seiner politischen Bilanz als Abgeordneter, bleibt er bescheiden. Die Bundeszuschüsse für die Händel-Festspiele in Halle fallen ihm ein. Dafür hat er sich mit seinem halleschen Bundestagskollegen Christoph Bergner (CDU) eingesetzt. „Aber man kann nicht sagen, dieser oder jener Abgeordneter hat allein dieses oder jenes Ziel erreicht. Dafür ist das System zu komplex.“

„Wir Politiker sollten uns mehr Zeit nehmen, Entscheidungsprozesse zu erklären.“

Das ist etwas, das er gelernt hat in seiner Zeit im Bundestag: Wie lange es dauert, Kompromisse und Mehrheiten zu finden. „Viel länger als ich dachte.“ Eine zähe Kleinarbeit: erst eine Position finden innerhalb der eigenen Fraktion, dann eine gemeinsame Position mit dem Koalitionspartner. Am Ende steht, wenn es gut läuft, irgendwann ein Gesetz.

Diaby hat die Abläufe akzeptiert. „Früher dachte ich, das muss schneller gehen, da muss doch jetzt eine Entscheidung her.“ Dieser Druck sei weg. Diaby findet es wichtig, darüber zu reden, denn: „Wir Politiker sollten uns mehr Zeit nehmen, Entscheidungsprozesse zu erklären.“

Seine Partei hat Diaby auf Platz drei der Landesliste zur Bundestagswahl gesetzt. Es sieht so aus, als müsste er sich um einen Wiedereinzug ins Parlament keine Sorgen machen. Zumal jetzt, da Martin Schulz der SPD nahezu täglich neu Umfrage-Höhenflüge verschafft.

Der neue SPD-Chef und Kanzlerkandidat ist allgegenwärtig. Brehna, ein Tagungshotel unweit der Autobahn, ein Sonnabend Anfang März. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie hat zur Bezirksdelegiertenkonferenz geladen. Im Saal hängen Plakate einer Kampagne für neue Arbeitszeitmodelle mit Slogans wie „90 Minuten mehr für meine Lieblingsserie“ oder „90 Minuten mehr fürs Feierabendbier“.

Soweit ist es noch nicht, erst muss die Tagesordnung abgearbeitet werden. Karamba Diaby, selbst Gewerkschaftsmitglied, soll ein Grußwort halten - und das kommt ohne Martin Schulz nicht aus. Diaby lobt dessen Reform der Hartz-IV-Reformen, das „Arbeitslosengeld Q“, das die SPD unter einem Kanzler Schulz einführen möchte.

„Ich teile seine Ideen“, ruft Diaby in den Saal. Er spricht vom großen Niedriglohnsektor, von der Zunahme von Teilzeitarbeit, das seien „Fehlentwicklungen von Hartz IV“, die korrigiert werden müssten. Applaus. Vor ihm sitzt ein Publikum, das er als Sozialdemokrat nicht erst überzeugen muss.

Schon auf der Fahrt von Halle nach Brehna dreht sich das Gespräch um Martin Schulz. Diabys hallesche Büroleiterin sitzt am Steuer, er hat auf der Rückbank Platz genommen. Warum Schulz der SPD einen solchen Auftrieb verschafft, dafür habe er auch keine Erklärung, sagt Diaby, während der Wagen an Landsberg vorbei über die B 100 braust. Und versucht sich dann doch an einer: „Er reißt die Leute mit. Was er sagt, kommt gut bei den Menschen an.“

Gerhard Schröder hat ihn beeindruckt

Das letzte Mal, dass ihn jemand mitgerissen habe, erzählt Diaby, das war 1998: Gerhard Schröder hat ihn beeindruckt. Diaby war da noch gar kein Genosse, erst 2008 ist er der SPD beigetreten. Nun also Schulz, der seiner Partei auch jede Menge neue Mitglieder beschert.

Karamba Diaby lehnt sich im Polster zurück, er sieht müde aus. Am Abend vorher ist es spät geworden. Halles SPD hat ihre neuen Mitglieder mit einer Feier begrüßt. 20 von 40 sind gekommen, die letzte, eine Ärztin, erst gegen 21.30 Uhr. Diaby kennt sie persönlich, deshalb blieb er bis zum Schluss.

Der Abend hat sich gelohnt, findet er. Wie auch immer die Bundestagswahl ausgehe: „Wir brauchen neue Mitglieder. Die kann uns keiner mehr nehmen!“ Karamba Diaby wirkt zufrieden. (mz)