InterviewInterview: Ex-Bürgermeister von Tröglitz: „Ich würde wieder zurücktreten"

Tröglitz - Vor einem Jahr trat Markus Nierth, 47, als Ortsbürgermeister von Tröglitz zurück, weil er sich im Konflikt mit Rechtsextremisten allein gelassen fühlte. Danach ging die Asyldebatte so richtig los. Mit Nierth und seiner Frau Susanna, 49, sprach Redakteur Alexander ...

03.03.2016, 16:20
Der zurückgetretene ehrenamtliche Ortsbürgermeister von Tröglitz (Sachsen-Anhalt), Markus Nierth. Nierth war wegen einer vor seinem Haus geplanten Demonstration der rechtsextremen NPD von seinem Ehrenamt als Ortsbürgermeister zurückgetreten.
Der zurückgetretene ehrenamtliche Ortsbürgermeister von Tröglitz (Sachsen-Anhalt), Markus Nierth. Nierth war wegen einer vor seinem Haus geplanten Demonstration der rechtsextremen NPD von seinem Ehrenamt als Ortsbürgermeister zurückgetreten. dpa-Zentralbild

Vor einem Jahr trat Markus Nierth, 47, als Ortsbürgermeister von Tröglitz zurück, weil er sich im Konflikt mit Rechtsextremisten allein gelassen fühlte. Danach ging die Asyldebatte so richtig los. Mit Nierth und seiner Frau Susanna, 49, sprach Redakteur Alexander Schierholz.

Als Sie kürzlich die Bilder aus Clausnitz und Bautzen gesehen haben, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Markus Nierth: Ich habe einen Riesenschreck bekommen. Es hat mir richtig wehgetan, diese pöbelnden und johlenden Menschen zu sehen, die so furchtbar bösartig selbst gegenüber Kindern sind.

Vor einem Jahr Tröglitz, nun Clausnitz und Bautzen - hat die Politik nichts gelernt?

Susanna Nierth: Und zwischendrin noch Freital, Meißen, Heidenau und die ganzen übrigen Angriffe auf Asyl-Unterkünfte. Wenn ich die Kommentare der Politiker dazu höre, die seit einem Jahr scheinbar über Bestürzung und Entsetzen nicht hinausgehen, dann drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Politik offensichtlich nur wenig gelernt hat. Der Apparat erscheint zu träge, zu klein und nicht mutig genug.

Markus Nierth: Man hätte gegenüber Gewalttätern und Hetzern viel eher klare Kante zeigen müssen, deutlich machen: bis hierher und nicht weiter. Ich behaupte, dann wäre es nicht so weit gekommen. Die Politik hat solche Grenzen aber nicht deutlich gesetzt, das ermutigt die Täter. Jetzt diskutiert auch Herr Haseloff über Obergrenzen bei der Aufnahme; das läuft auf eine Obergrenze bei der Mitmenschlichkeit hinaus. Damit verschiebt er unsere gesellschaftlichen Werte und gibt damit scheinbar den laut schreienden Asylgegnern nach. Dabei wäre es wichtiger, sich mutig und kreativ mit den Scheinargumenten der AfD auseinanderzusetzen.

Am 5. März 2015 tritt Markus Nierth, der als freiberuflicher Trauerredner arbeitet, als ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von Tröglitz zurück. Wegen einer in dem 2 700-Einwohner-Ort geplanten Asylbewerber-Unterkunft wollen Neonazis vor seinem Haus demonstrieren; Nierth fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen, er will seine Familie schützen. Die Demo-Route wird erst geändert, als Nierth schon nicht mehr im Amt ist. Der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU), räumt später Fehler in der Kommunikation ein. Das Innenministerium setzt einen Erlass in Kraft, der es Landkreisen ermöglicht, Demos vor den Häusern ehrenamtlicher Politiker zu verbieten.

In der Nacht zu Ostersamstag eskaliert die Lage in Tröglitz erneut: Die geplante Asyl-Unterkunft wird angezündet. Ein halbes Jahr später präsentieren die Ermittler einen Verdächtigen mit Kontakten in die rechtsextreme Szene. Tage später wird der Mann jedoch aus der Untersuchungshaft entlassen, da sich der Tatverdacht nicht erhärtetet hat. Der Anschlag ist bis heute nicht aufgeklärt.  (asc)

Sind Sie enttäuscht vom Ministerpräsidenten?

Markus Nierth: Ich bin traurig. Er hätte die Verantwortung für sein Land mutiger wahrnehmen können, indem er weiter zu den Grundwerten unserer Gesellschaft steht. So wie in seiner Regierungserklärung nach dem Brandanschlag in Tröglitz, die von christlichen Werten und Humanismus geprägt war, in der er sich zur Aufnahme von mehr Flüchtlingen bekannt hat. Das war mutig und visionär. Aber jetzt sind auch viele ehrenamtliche Helfer, die diese Erklärung ernst genommen hatten, enttäuscht.

In der Asyldebatte haben viele Menschen Sorgen, viele auch Ressentiments. Häufig fühlen sie sich von der Politik nicht ernst genommen; dann springen Rechtspopulisten oder Neonazis in die Bresche und versuchen das Thema für sich auszuschlachten. Ist das ein Muster, das sich bis heute durchzieht?

Markus Nierth: Bei allem Verständnis für Ängste und Sorgen, das lasse ich so nicht mehr gelten. Wer Asyl-Unterkünfte angreift und Flüchtlinge bedroht, ist kein besorgter Bürger mehr. Das ist auch kein Wutbürger, das ist ein Hassbürger. Solche Menschen haben offenbar eine Vorstellung von „Vulgärdemokratie“: Sie wollen etwas haben, und wenn sie das nicht bekommen, benehmen sie sich wie wütend-tobende Kinder. Und manche sind noch schlimmer; früher haben sie Bauklötzchen geworfen, heute Steine und Brandsätze.

Woher kommt dieses merkwürdige Demokratieverständnis?

Markus Nierth: Ich bin kein Soziologe, ich bin Theologe. Aber ich vermute, dass da bei vielen die Erfahrungen aus zwei Diktaturen, der NS-Zeit und der DDR, noch nachwirken. In autoritären Strukturen musste man funktionieren, da war wenig Platz für Individualität und Mitbestimmung. Das hat bei vielen offenbar zu einer Art Obrigkeitshörigkeit geführt, die bis heute anhält. In der DDR ist den Menschen Eigenverantwortung abtrainiert worden, aber jetzt ist sie gefordert. Gleichzeitig sind sie enttäuscht von der Demokratie, weil die ihnen als schwach erscheint.

Susanna Nierth: Viele Ostdeutsche haben extreme Brüche erlebt, sie haben mit der Wende von heute auf morgen alles verloren und mussten ihre ganze Kraft in einen neuen Anfang stecken. Da blieb keine Energie für etwas anderes. Und jetzt kommen Flüchtlinge, und viele haben Angst, noch einmal die Verlierer zu sein.

Wie kann man solchen Menschen klarmachen, dass sie von Flüchtlingen nichts zu befürchten haben?

Markus Nierth: Es darf nicht nur um die Befriedigung materieller Bedürfnisse gehen. Nach der Wende gab es kaum einen Westdeutschen, der den Ostdeutschen zugehört hat, der ihnen Respekt bezeugt hat für ihre Lebensleistung. Von den Hassbürgern mal abgesehen, reden wir von Menschen, die Halt suchen, jemanden, der ihnen sagt, ihr seid etwas wert. Es geht um christliche Nächstenliebe. Wer die erfährt, wird sich auch Fremden gegenüber leichter öffnen. Ich sage das bewusst so, weil ich das in meinem Glauben an Gott so erlebe.

Susanna Nierth: Aber es gibt auch eine humanistische, gesellschaftliche Pflicht, diese Menschen abzuholen.

Markus Nierth (lacht): Gut, dann verlange ich keinen christlichen Glauben, sondern wenigstens ein Über-Ich!

Wie war das Jahr für Sie persönlich?

Susanna Nierth: Es war ein ganz gruseliges Jahr. Wir haben Federn gelassen dafür, dass wir gegen Rechts den Mund aufgemacht haben. Wir sind beleidigt und bedroht worden; eine Zeitlang haben mir bestimmte Leute auf der Straße permanent den Mittelfinger gezeigt. Wir waren auch wirtschaftlicher Ächtung ausgesetzt, weil wir zu politisch waren oder zu oft im Fernsehen oder was auch immer. Das hat uns nicht zerstört. Aber wir überlegen bis heute, ob wir in Tröglitz bleiben.

Wovon machen Sie das abhängig?

Susanna Nierth: Das entscheidet der Familienrat. Es geht um die Frage: Leben wir hier noch gerne?

Und, tun Sie das?

Susanna Nierth: Ich sage es mal so: Unsere Freunde haben zu uns gehalten, hier und im Umland. Wir wissen jetzt, auf wen können wir uns verlassen, auf wen nicht. Aber entschieden ist noch nichts. Wir haben beschlossen zu schauen, wo es noch berufliche Möglichkeiten für uns gibt. Das gibt uns Freiheit. Ich kann jetzt sagen: Wenn ich hier bleibe, dann aus ganzem Herzen und nicht aus irgendeinem Zwang heraus.

Markus Nierth: Und nicht wegen eines Gebäudes, obwohl ich 20 Jahre lang viel Kraft und Herzblut in die Sanierung unseres alten Hofes gesteckt habe.

Würden Sie wieder so handeln, um die Öffentlichkeit aufzurütteln?

Markus Nierth: Absolut. Es war damals dran, etwas gegen rechte Hetze zu sagen und öffentlich zu machen, was passiert ist. Ich hoffe, dass wir damit andere ermutigt haben, auch aufzustehen.

Susanna Nierth: Ich habe meinen Frieden mit der ganzen Geschichte gemacht. Ich bin meinem Herzen gefolgt und habe getan, was ich für richtig halte. Ich habe meinen Kindern gezeigt, dass es sich lohnt, seinen Werten treu zu bleiben. So schwer es auch war, sie sagen uns immer wieder: Es war richtig, dass ihr nicht geschwiegen habt.