Nachruf

Helmut Kohl: Für die Deutschen wird er der „Kanzler der Einheit“ bleiben

Ludwigshafen - Wird Helmut Kohl einmal zu den großen Bundeskanzlern dieser Republik gezählt werden? In einer Reihe mit Konrad Adenauer, der für den Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg steht und die Integration der jungen Demokratie in die Gemeinschaft des Westens? Neben Willy Brandt, der eine verkrusteten Gesellschaft geöffnet und die Aussöhnung mit den Ländern im Osten betrieben hat, denen von Deutschland so viel Leid zugefügt wurde?

Von Thomas Kröter 16.06.2017, 16:05
Helmut Kohl bei einer Preisverleihung im Deutschen Historischen Museum im September 2012.
Helmut Kohl bei einer Preisverleihung im Deutschen Historischen Museum im September 2012. Getty Images Europe

Wird Helmut Kohl einmal zu den großen Bundeskanzlern dieser Republik gezählt werden? In einer Reihe mit Konrad Adenauer, der für den Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg steht und die Integration der jungen Demokratie in die Gemeinschaft des Westens? Neben Willy Brandt, der eine verkrustete Gesellschaft geöffnet und die Aussöhnung mit dem Osten betrieben hat?

Es gab Zeiten, da hätten viele diese Frage nicht mit einem klaren Ja beantwortet. Da wurde das Bild des „Kanzlers der Einheit“ verdunkelt durch seine heimlichen Machenschaften zur Finanzierung seines Einflusses in der eigenen Partei. Aber mit wachsendem Abstand zu jener Spendenaffäre rütteln sich die Dimensionen von Leistung und Versagen zurecht. Es wird klar, was in den Haupttext der Geschichtsbücher gehört – und was in die Fußnoten.

Kanzler der Einheit, Vater des Euro

Dass ein Politiker zum Staatsmann wächst, ihm gar historischer Rang zugebilligt wird, ist allerdings nie sein Verdienst allein. Er braucht eine Gelegenheit, sich zu bewähren, im besten Fall über sich hinauszuwachsen.  Adenauer und Brandt mussten solche Herausforderungen bestehen, Helmut Kohl auch. Hätte der ungarische Regierungschef Miklós Németh nicht am 11. September 1989 die Grenze seines Landes nach Österreich geöffnet – sein deutscher Amtskollege wäre womöglich zwei Jahre später sang- und klanglos abgewählt worden. Und niemand hätte groß über seine Rolle in der Geschichte gestritten.

So aber wurde Helmut Kohl zum „Kanzler der deutschen Einheit“. Und zum „Vater des Euro“. Beide historischen Leistungen sind eng miteinander verwoben.

Wie prägte der Weltkrieg den Menschen und Politiker Kohl?

Die Gelegenheit traf den Mann nicht unvorbereitet. Seine Gegner liebten es, sich darüber lustig zu machen, dass Kohl gern, in einer Mischung aus Pfälzer Dialekt und Sprachfehler, das Wort von der „Gechichte“  in der ihm eigenen Aussprache im Munde führte. Er war sicher kein Intellektueller. Er nahm die Intellektuellen nicht ernst. Sie straften ihn dafür mit Verachtung – und unterschätzten ihn sträflich. Erst nach der deutschen Einheit leistete Jürgen Habermas Abbitte.

Wie Deutschlands größter lebender Philosoph gehörte Kohl einer Generation an, die dem Wirken der Geschichte nicht entfliehen konnte. Er verschlang historische Bücher, vor allem Biografien. Als Schüler zog er Leichen aus den Trümmern seiner Heimatstadt Ludwigshafen. Helmut Kohls älterer Bruder Walter, nach dem er seinen ersten Sohn benennen sollte, war Ende November 1944 einem Tieffliegerangriff zum Opfer gefallen.

„Nie wieder Krieg“

Dass es „nie wieder Krieg“ geben sollte, war eine Lehre seines Lebens. Deshalb wollte er die Aussöhnung mit den Gegnern von einst nicht nur politisch, sondern auch persönlich. So reichte er dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand auf dem Soldatenfriedhof von Verdun die Hand. Eine ähnliche Aktion mit US-Präsident Ronald Reagan in Bitburg ging furchtbar schief, weil er sich nicht von der Tatsache abhalten ließ, dass dort auch Soldaten der Waffen-SS begraben sind. Doch eins ging Kohl nicht nur in diesem Fall über historische Einsicht und manchmal auch politische Vernunft: Seinen Willen durchzusetzen. Widerstand ließ ihn  halsstarrig  werden.

Wie viele andere, auch der Entspannungspolitiker Willy Brandt, die noch ein einiges Deutschland erlebt hatten, war er davon überzeugt, dass die Teilung nicht das letzte Wort der Geschichte sein durfte. Als Realpolitiker erkannte er die Verdienste seines Vorvorgängers. Beharrlich führte er die widerstrebenden Unionsparteien auf den Kurs der Ost-Verträge.

1987 empfing er als erster bundesdeutscher Regierungschef Erich Honecker, den Staatsratsvorsitzenden der DDR, zum Besuch in Bonn. Aber er bestand darauf, an einer gemeinsamen deutschen Staatsbürgerschaft festzuhalten – was sich als sehr praktisch erweisen sollte, als die Mauer geöffnet war. Ein Jahr nach Honeckers Visite besuchte der Bundeskanzler „privat“ (aber sicher gut bewacht) drei Tage lang die DDR und kehrte tief bewegt zurück.   

Kohl war also offen für die Meldungen, die schon bald aus dem anderen Teil seines deutschen  Vaterlandes drangen, wie er gelegentlich formulierte. Die Menschen begannen, den Mehltau des Regimes abzuschütteln und ihre Angst vor der Gewalt der Staatsmacht zu überwinden. Wartete er frühzeitig auf eine passende Gelegenheit für die Einheit? Sicher nicht. Aber wie kein anderer erkannte er sie, als sie da war. Und reagierte. Als die Stimmung in der DDR von anfänglicher Skepsis in Richtung einer schnellen Einheit kippte, schaltete er von Mäßigung auf Aktion. Mit seinem Zehn-Punkte-Plan setzte er sich an die Spitze der Bewegung. Innenpolitische Absprachen überging er dabei ebenso wie außenpolitische.  

Warum wurde die Aufgabe der D-Mark zum Preis der Einheit?

Um das sprichwörtliche „Fenster der Möglichkeiten“ zu nutzen, musste er aber – gegen seine Eigenart – einen Irrtum bereinigen. Denn Michail Gorbatschow, der diese „friedliche Revolution“ erst möglich machte, hatte er zunächst verkannt. Als der Generalsekretär der KPdSU im Westen zum Medienstar wurde, verglich er ihn mit Joseph Goebbels. Auch Adolf Hitlers Propagandachef sei ein „Experte in Public Relations“ gewesen, sagte er einem US-Magazin. Am Ende überdauerte ihre Freundschaft das Sowjetreich.

Auch hier bewährte sich Kohls Methode, Politik als Knüpfen und Pflege persönlicher Beziehungen zu betreiben. So hielt er es daheim, wo er noch als Bundeskanzler mit alten Freunden von früher zu telefonieren pflegte, Orts- und Kreisvorsitzende der CDU beeindruckte, indem er sie scheinbar ins Vertrauen zog. Mit dieser Art von „Menscheln“ machte er auch ausländische Staatsmänner zu seinen Freunden, ohne eine Fremdsprache zu beherrschen.

Mut zum Risiko

Als es darum ging, die Einheit international abzusichern, vertrauten ihm die Akteure der Partnerstaaten und die Nr. Eins des Gegners im Kalten Krieg. So konnte er die Britin Margaret Thatcher mit ihren Bedenken isolieren. Den Verzicht auf das bundesrepublikanische Wahrzeichen, die D-Mark, lieferte er als Morgengabe, um zu unterstreichen, dass Deutschland nie wieder aggressive Alleingänge unternehmen würde. So war die Einführung des Euro der Preis für die Einheit. Bei beiden wischte Kohl die Bedenken ökonomischer Experten beiseite. Es ging nicht darum zu rechnen. Hier wurde „Gechichte“ gemacht.

Dieser Mut zum Risiko brachte ihn im Zenit seiner Laufbahn zurück zu ihren Anfängen. Wenn er etwas wollte, dann marschierte er los – notfalls auch mal auf einen Demonstranten. So hatte er seinen Aufstieg in Rheinland-Pfalz betrieben, so wechselte er nach verlorener Bundestagswahl dennoch als Oppositionsführer nach Bonn. Hier fand er im Liberalen Hans-Dietrich Genscher einen Partner, mit dem die Wende zurück zu einer bürgerlichen Koalition zu bewerkstelligen war. Freunde wurden sie ausnahmsweise nicht. Zu groß war beider Respekt vor dem Machtwillen des jeweils anderen.

Kohl, der „Schwarze Riese“

Den hatte auch CSU-Chef Franz Josef Strauß zu spüren bekommen, der sich Kohl überlegen fühlte – und am Ende der Machtmaschine unterlag. Als seine innerparteilichen Gegner auf einem CDU-Parteitag 1989 in Bremen gegen ihn aufbegehren wollten, harrte er trotz höllischer Unterleibsschmerzen aus. Ein Jahrzehnt später wagte auch Wolfgang Schäuble nicht – heute Angela Merkels Finanzminister, damals Kohls Kronprinz – seiner Majestät zu sagen, dass jenes Volk, das er so gut zu kennen glaubte, seiner überdrüssig geworden war. Sie verloren die Wahl gemeinsam. Da war Kohl 16 Jahre Bundeskanzler – länger als Konrad Adenauer – und über ein Vierteljahrhundert CDU-Vorsitzender.

Kohl war ein „schwarzer Riese“. Auch körperlich eine im Wortsinne beeindruckende Erscheinung. Er war es gewöhnt zu dominieren. Wie politisch, so privat. Seine langjährige Ehefrau Hannelore, mit der er bei Glenn Millers „In the Mood“ angebändelt hatte, ordnete ihr Leben dem seinen unter. Sie ist wohl daran zerbrochen. Im Alter fand der Witwer eine neue, jüngere Frau, die bereit war, sich ihm so unbedingt unterzuordnen wie ihre Vorgängerin aus der Kriegsgeneration. In den Geschichtsbüchern wird auch dies zur Fußnote gerinnen – gegenüber der historischen Leistung des großen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Am 16. Juni 2017 ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Altbundeskanzler Helmut Kohl ist im Alter von 87 Jahren gestorben.
Altbundeskanzler Helmut Kohl ist im Alter von 87 Jahren gestorben.
AP