Nicht krebserregend?

Glyphosat: Wiederzulassung von Pflanzengift zeichnet sich ab

Helsinki - Ein neues Gutachten der europäischen Chemikalienagentur Echas zu Glyphosat orgt für Wirbel bei Umweltschützern.

16.03.2017, 09:55
Die Wirkung von Glyphosat ist umstritten.
Die Wirkung von Glyphosat ist umstritten. dpa-Zentralbild

Ein neues Gutachten stuft den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat nicht als krebserregend ein. Die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse erfüllten nicht die Kriterien, um Glyphosat als krebserregend zu bewerten, hieß es in dem Gutachten der europäischen Chemikalienagentur Echa am Mittwoch in Helsinki. Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Risiken sind aber unter Experten umstritten.

Im vergangenen Sommer hatte die EU-Kommission entschieden, dass das Mittel bis Ende 2017 zugelassen bleibt, weil sich die EU-Länder nicht über ein Verbot oder eine Verlängerung hatten einig werden können. Deutschland hatte sich enthalten, weil die SPD-Minister in der Bundesregierung nicht zustimmen wollten.

EU-Kommission will Diskussion wiederaufnehmen

Die Echa-Experten stuften das umstrittene Mittel weiter als eine Substanz ein, die die Augen ernsthaft schädige und giftig für Organismen im Wasser sei. Nach einer redaktionellen Kontrolle schickt die Echa ihre Bewertung, auf deren Grundlage neu über die Zulassung von Glyphosat entschieden werden soll, an die EU-Kommission.

Diese erklärte am Mittwoch, sie habe die Bewertung zur Kenntnis genommen. Nach Eingang der endgültigen Version werde sie ihre Diskussionen mit den EU-Mitgliedsstaaten wieder aufnehmen.

Agrarminister Schmidt fordert „Rückkehr zur Sachlichkeit“

„Ich erwarte mir nach diesem zusätzlichen Ergebnis eine Rückkehr zur Sachlichkeit im Umgang mit dem Thema“, teilte Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) mit.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) verwies darauf, dass Echa Glyphosat für „äußerst gefährlich“ für die Umwelt halte. „Das Vorsorgeprinzip gilt für mich nicht nur in Gesundheitsfragen, sondern selbstverständlich auch bei Fragen der Artenvielfalt und beim Schutz der Umwelt.“

Zulassung sollte nach BUND-Meinung auslaufen

Die Umweltorganisation BUND forderte, die Zulassung des Unkrautvernichters zum Jahresende auslaufen zu lassen. „Eine weitere Verlängerung der Zulassung wäre fahrlässig“, sagte Pestizidexpertin Heike Moldenhauer laut einer Mitteilung. Glyphosat sei nicht nur für Menschen gesundheitsgefährdend, sondern auch maßgeblich für das Artensterben in der Agrarlandschaft verantwortlich.

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte die Bewertung durch Echa scharf. „Mit ihrer Einschätzung, dass Glyphosat nicht krebserregend sei, ebnet die ECHA der chemischen Industrie den Weg, Europas Bevölkerung weiterhin als Versuchskaninchen zu missbrauchen“, sagte Greenpeace-Landwirtschaftsexpertin Christiane Huxdorff der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag).

Bürgerinitiative gegen Glyphosat

Eine europäische Bürgerinitiative, bei der Umweltorganisationen aus 13 Ländern mitmachen, will bis Ende Juni eine Million Stimmen gegen das Unkrautgift sammeln und ein EU-weites Verbot durchsetzen. Damit eine solche Initiative die EU-Kommission veranlassen kann, in ihrem Sinne zu entscheiden, sind mehr als eine Million Unterschriften aus mindestens sieben EU-Staaten notwendig.

Die Kommission kann das Gesuch aber auch ablehnen.
Die Einstufung durch die Chemikalienagentur sei „unverständlich für alle, die besseren Schutz vor unverantwortlichen und unnötigen Risiken fordern“, sagte Harald Ebner, Glyphosat-Experte der Grünen Bundestagsfraktion.

„Die Entscheidung der ECHA schafft für die EU-Kommission ein Schlupfloch, um nach der 18-monatigen Übergangsfrist Glyphosat erneut in der EU für die nächsten Jahre zuzulassen“, erklärte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion im Europaparlament, in einer Mitteilung.

Industrie begrüßt Entscheidung

Der Industrieverband Agrar begrüßte die Entscheidung dagegen. „Die Echa bestätigt, was Zulassungsbehörden in aller Welt immer wieder festgestellt haben: Glyphosat ist nicht krebserregend“, erklärte der kommissarische Agrar-Hauptgeschäftsführer Dietrich Pradt. Er forderte die Bundesregierung auf, sich für einen zügigen Genehmigungsprozess in Brüssel einzusetzen. (dpa)