Prävention

Gewaltprävention: Bund will geflüchtete Frauen besser vor Gewalt schützen

Berlin - Fast eine Millionen Menschen sind im vergangenen Jahr nach Deutschland geflüchtet. 350.000 Frauen waren unter ihnen, viele mit Kindern. Sie sind es, die besonders schutzbedürftig sind, weil sie oft auf ihrer Reise oder auch schon davor im Ursprungsland Gewalt erfahren haben: Durch Schläge, durch Vergewaltigungen oder durch psychische Gewalt. Oft durch ihre eigenen Ehemänner oder später in Flüchtlingsunterkünften.

Von Melanie Reinsch
Symbolbild dpa

Fast eine Millionen Menschen sind im vergangenen Jahr nach Deutschland geflüchtet. 350.000 Frauen waren unter ihnen, viele mit Kindern.  Sie sind es, die besonders schutzbedürftig sind, weil sie oft auf ihrer Reise oder auch schon davor im Ursprungsland Gewalt erfahren haben: Durch Schläge, durch Vergewaltigungen oder durch psychische Gewalt. Oft durch ihre eigenen Ehemänner oder später in Flüchtlingsunterkünften. Manche jungen Mädchen werden vor ihrer langen Reise verheiratet, um ihnen vermeintlichen Schutz zu gewährleisten. In Deutschland angekommen, führen diese Frauen nicht zwangsläufig ein Leben in Sicherheit. Sie werden häufig Opfer von Diskriminierung und geschlechtsspezifischer Gewalt.

Auf der Tagung „Gewalt dulden wir nicht! – Gewaltprävention für geflüchtete Frauen, Kinder und Migrantinnen“ debattierten am Donnerstag Fachexperten, Autoren, Betroffene und Politiker über das Problem sexualisierter Gewalt an Frauen und Kindern in Deutschland.

Hemmschwelle bei den Frauen ist groß

„Leider gibt es diese Gewalt immer wieder. Ich habe sogar das Gefühl, dass wir gerade eine Kehrtwende vollziehen“, sagte die  Integrationsbeauftragte des Bundes,  Aydan Özoguz (SPD).  Es fehle aber an Konzepten, die deutschlandweit wirken, um Frauen präventiv vor Gewalt zu schützen. „Wir müssen einfach zugeben, dass wir enorme Lücken haben und zu wenig Daten“, erklärte Özoguz weiter. Sie hätte deswegen auch eine Forschung in Auftrag gegeben.

Doch es sind nicht nur die Frauen, die jetzt nach Deutschland kommen, die von Gewalt betroffen sind. Rola El-Halabi flüchtete mit ihrer Mutter als Kind aus dem Libanon nach Deutschland, wuchs mit ihrer Mutter und ihrem arabischen Stiefvater, der sie adoptierte, in Deutschland auf. Sie machte Abitur, wurde Profiboxerin. Bis sie sich in einen Griechen verliebte. Der Vater tobte, verbot ihr den Kontakt, sie bot ihm die Stirn. „Monatelange drohte er mir mit Mord, lauerte mir auf, schlug mich. Bis er mir vier Mal ins Knie schoss. Erst dann bin ich zur Polizei gegangen“, sagt die 31-Jährige. „Selbst ich, als integrierte junge Frau, bin erst nach acht Monaten zur Polizei gegangen.“  Gewalt habe in ihrer Familie immer eine Rolle gespielt, auch die Mutter wurde geschlagen. Aber die Hemmschwelle sich jemandem anzuvertrauen sei groß, erzählt El-Halabi. Es sei zwar wichtig, Frauen stark zu machen, aber man müsse auch an die Männer heran.

Genau hier setzt auch Özoguz an. „Wir müssen Wege finden, in die Familien hineinzukommen. Frauen brauchen Ansprachen, sie suchen nicht unbedingt  von sich aus eine Beratungsstelle auf. Wir müssen Frauen stark machen.“  Dafür brauche man allerdings Ideen und Geld.

Das Familienministerium unter Manuela Schwesig (SPD) hat dazu ein Investitionspaket entwickelt, das mit 200 Millionen Euro jährlich hilft, vor allem bauliche Maßnahmen in Flüchtlingsunterkünften zu finanzieren. Das können oft banale Dinge sein: Wie zum Beispiel getrennte sanitäre Anlagen oder Räume, in die sich Frauen zurückziehen können.  Özoguz  fördert mit insgesamt rund 3,6 Millionen Euro Projekte zur Gewaltprävention für geflüchtete Frauen von insgesamt etwa sieben  Millionen Euro Förderung im Themenbereich Frauen und Flucht.

Polizeichef Wendt kritisiert die Kapazitäten in den Erstaufnahmestellen

Auch Rainer Wendt, Präsident der Polizeigewerkschaft, ist der Meinung, dass es nicht an „gutem Willen und Fähigkeiten“ mangle, aber an Kapazitäten, auch in den Erstaufnahmestellen. Dort, wo Menschen in Deutschland ankämen, müssten kompetente Menschen sitzen und ansprechbar sein. Aber auch die Schulen stünden in der Verantwortung. „Man muss sich fragen, ob wir genau hinsehen und ob wir an den Schulen auch ein entsprechendes Netzwerk von Psychologen und Sozialarbeitern haben“, betonte Wendt.

Mit Blick auf die ermordete 19-Jährige Studentin in Freiburg, die ein 17-jähriger Afghane vergewaltigt und getötet haben soll, warnte Özoguz auch aber vor einem Generalverdacht gegenüber Flüchtlingen. „Solche schlimmen Dinge passieren auch ohne Flüchtlinge. Millionen Menschen überzustülpen, sie seien kriminell, sei verantwortungslos. „Wir müssen uns dagegen stellen“, betonte sie.