Fidel Castro †

Fidel Castro ist tot

Havanna - Mehr als 47 Jahre lang regierte Fidel Castro Kuba und trotzte in der Zeit zehn US-Präsidenten. Auch nach seinem krankheitsbedingten Rückzug 2006 bestimmte er als graue Eminenz im Hintergrund die Geschicke der sozialistischen Karibikinsel mit.

Von Steffen Könau 26.11.2016, 12:59
Fidel Castro wurde 90 Jahre alt.
Fidel Castro wurde 90 Jahre alt. EFE FILES

Auf den Straßen draußen im Land hat die Revolution zuweilen eine Plastiktüte auf dem Kopf. Das passiert, wenn es in Strömen regnet über Matanzas, der Zentralprovinz Kubas. Und die Menschen, die von den Feldern und aus den Fabriken kilometerweit nach Hause laufen müssen, weil keine Busse fahren und alle Lastwagen immer voll sind, krumme Rücken und nasse, leere Gesichter haben.

Das Antlitz einer Revolution im 57. Jahr: Von Aufbruchstimmung ist nichts mehr zu spüren im Kuba dieser Tage. Vielmehr gleicht der von allen Verbündeten verlassene karibische Vorposten des Weltkommunismus einer Burg, deren müde Besetzung sehnlichst auf den Sturmangriff der Belagerer wartet.

Maximo Lider Fidel Castro studierter Rechtsantwalt

Fast fünf Jahrzehnte lang hat Fidel Castro, selbst ernannter Maximo Lider (Großer Führer) des Inselstaates, den Feind mit seiner schieren Präsenz auf Distanz gehalten. Seit der uneheliche Sohn eines Zuckerrohrplantagen-Besitzers im Jahr 1959 nach dreijährigem Kampf den Sieg der von ihm gegründeten „Bewegung des 26. Juli“ über den im Volk verhassten Diktator Fulgencio Batista verkünden konnte, weil die USA dem Autokraten militärischen Beistand verweigerten, war Castro Kuba.

Ursprünglich hatte der ehemalige Jesuitenzögling und studierte Rechtsanwalt zwar angekündigt, nach dem Sieg wolle er nicht an die Macht, sondern sich ins Privatleben zurückziehen. Doch als es soweit war, entpuppte sich Castro, der schon mit 13 versuchte, die Plantagenarbeiter seines Vater zu einem Streik anzustacheln, als geradezu genialer Machtpolitiker.

Fidel Castro regierte mit harter Hand

Der Mann, der am 25. November 1956 mit 81 Gefährten und völlig unzureichender Ausrüstung auf der Yacht „Granma“ von Mexiko aus startete, die Heimat zu befreien, wurde Regierungschef, überlebte Attentate von US-Geheimdiensten und Verschwörungen moskautreuer Kommunisten.

Er stellte sämtliche politische Konkurrenten kalt, ließ Kritiker zu Hunderten einsperren, aus dem Land treiben oder töten und wandelte sich nebenbei vom linksbürgerlichen Nationalisten zum unorthodoxen Marxisten mit einem Herzen für internationale Solidarität mit Befreiungsbewegungen aller Art.

Castro schickte Truppen nach Angola, er ließ seinen Mitkämpfer Che Guevara die Revolution aufs südamerikanische Festland exportieren. Und begann nach dessen Scheitern, Kuba mit Hilfe von weichen Exporten wie Ärzten und Lehren nach Nikaragua oder Venezuela als gesellschaftliche Alternative zum regierenden Kapitalismus zu inszenieren.

Fidel Castro führte seine Volksdemokratie wie ein König der Karibik

Castro regierte sein Kuba  wie einst sein Vater die Plantage. Seit 1976 war er nicht nur Staatspräsident und 1. Sekretär der Kommunistischen Partei, sondern auch Staatsratsvorsitzender, Ministerratschef und Oberbefehlshaber der kubanischen Armee.

Fidel Castro, für das kubanische Volk Papst, Jesus und Gottvater in einer Person, führte seine Volksdemokratie wie ein König der Karibik: Die Leitlinien der Politik bestimmt er allein, richtige Wahlen hat es noch nie gegeben, und wer ihm in die Quere zu kommen droht, muss gehen wie sein Freund Che Guevara, der weiter an die chinesische Idee vom Sozialismus glauben wollte, als Castro schon mit Moskau handelseinig geworden war.

Fidel Castro inszenierte sich als asketische Kämpferfigur

Sich selbst hat der Uniformliebhaber mit dem krausen Vollbart stets als asketische Kämpferfigur inszeniert. Gefürchtet waren seine drei oder auch vier Stunden langen Steggreif-Reden, in denen er frei über alles räsonierte, was ihm in den Kopf kam. Das waren Fidel Castros größte Stunden, wenn er die Welt erklären konnte.

In späteren Jahren entpuppte er sich dabei immer häufiger auch als gewiefter Verschwörungstheoretiker. So glaubte Castro, die - erst nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals zusammengekommene – Bilderberger-Gruppe habe Hitler an die Macht gebracht und Osama Bin Laden sei ein CIA-Agent gewesen.

Fidel Castro enteignete sogar seine Mutter

Auch wenn Castro nie Reichtümer sammelte - während der Landreform enteignete er selbst seine Mutter -, war er nach Ansicht seiner Biographen doch von einem Hofstaat an Schranzen umgeben. Der stützte die Ansicht des Maximo Lider, das kubanische Modell sei ein Modell für die ganze Welt. Ebenso eifrig sorgte er stets dafür, dass Castros Harem an Geliebten weder im In- noch im Ausland ein Thema war. Genauso wenig wurde hinterfragt, warum Fidel Castor sich offiziell ein Jahr älter gemacht hatte als er wirklich war.

Als er schwer erkrankte, trat Fidel Castro vor acht Jahren von seinen Posten zurück, allerdings erst, nachdem er die Macht in die Hände seines gerade mal vier Jahre jüngeren Bruders Raul übergeben hatte. Der führte die quirlige Insel vorsichtig aus der Erstarrung der Fidel-Jahre hinaus, baute aber gleichzeitig ein Schattenreich auf, in dem die kubanische Armee zum größten Industrie- und Tourismus-Unternehmer wurde.

Fidel Castro ließ Manic Street Preachers oder die Rolling Stones spielen

Offiziell blieb Kuba sozialistisch, doch auch Fidel Castro, der immer noch Kontakt zu deutschen Genossen wie Margot Honecker hielt, schien einverstanden damit, dass Rockbands wie die Manic Street Preachers oder die Rolling Stones auf Kuba gastierten und schließlich sogar US-Präsident Barack Obama die Insel besuchte.

Castro, der seine Armeeuniform in seinen letzten Lebensjahren gegen einen Adidas-Trainingsanzug als Kleidung für alle Tage getauscht hatte, schickte nur ein paar gallige Bemerkungen hinterher: „Beim Hören der Worte des amerikanischen Präsidenten riskierte man, einen Infarkt zu erleiden“, ätzte er. Und versicherte, Kuba braucht keine „Almosen vom Empire.“

Fidel Castro starb am 25. November

Kuba lebt in einem empfindlichen Gleichgewicht zwischen offiziösen Gleichheitsbekundungen und gleichzeitiger harter Ausdifferenzierung. Gerechtigkeit à la Fidel Castro: Wer Dollar-Verwandtschaft hat, lebt besser. Wer linientreu ist, lebt ruhiger. Wer eine kleine Kneipe hat, darf das. Wer eine größere will, muss das Land verlassen. Wer nicht aufmuckt, wird vom Staat rundum versorgt. Wer mehr will, verliert alles.

Fidel Castro starb am 25. November, auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Auslaufen seiner „Granma“-Revolutionstruppe aus dem Hafen von Tuxpan in Mexiko. Der Maximo Lider wurde 89 oder - wie er selbst behauptet hätte - 90 Jahre alt.